Amanuel Grundner (Menschen für Menschen Schweiz): Äthiopien und seine Jugend

Eine Geschichte über einen jungen Mann am Horn von Afrika

Ein junger Mann namens Girma Mekonnen (Name geändert), 25 Jahre alt, lebt in der weitläufigen Hauptstadt Addis Abeba. Er kam mit seiner Familie nach Addis, als er 4 Jahre alt war. Er stammt aus einem Ort namens Kokossa, einer kleinen ländlichen Stadt in Bale, Oromia.  Ein Verwandter bot seinen Eltern ein Zuhause und einen Neuanfang, im damaligen ‚Bijou‘ Addis Abeba. Bei der Ankunft erinnert er sich, wie der legendäre "Anmbessa Autobus", der durch die Stadt rollt, wie ein grosses Pferd aussah. Er erinnert sich sogar daran, dass seine erste Erfahrung in einem Aufzug einer der schrecklichsten Momente seines Lebens war.

21 Jahre später ist Girma ein moderner und junger Erwachsener, der in Addis Abeba lebt. Er ist charmant. Er ist stilvoll. Er trägt robuste Röhrenjeans, die in Mode sind, mit schönen, glitschig aussehenden Sneakers. Er trägt sie mit Selbstvertrauen. Wenn er geht, ist es fast so, als würde er springen. Sein Haarschnitt ist ein ‚High Top Fade‘. Er ist in Form. Er ist gross und schlank. Er hat ein breites Lächeln. Er hat ein Funkeln in den Augen.

Man merkt jedoch, dass es verblasst. Nachdem er vor drei Jahren an der Adama University Psychologie studiert hat, hat er auf dem Gebiet seines Studiums noch keine Arbeit gefunden und lebt zu Hause bei seinen Eltern. Er ist unterbeschäftigt (underemployed) und arbeitet als Wächter an einer Berufsfachschule.

Er hatte grosse Träume. Träume, ein besseres Leben aufzubauen und Menschen zu helfen. Als er erkannte, dass er keinen Job finden konnte, beschloss er, seinen Lebensunterhalt mit seinem Hobby zu verdienen: dem Kochen. Zu seiner Bestürzung fand er nach seiner Ausbildung zum Koch schnell heraus, dass sein Posten als Wachmann besser bezahlt wurde als ein Einstiegsgehalt als Koch in der Stadt. Verärgert blieb er bei seinem alten Job. Girma sind die Ideen ausgegangen.

Verständnis von Girma im Rahmen der Entwicklung in Äthiopien

Girma ist ein stolzer Äthiopier und ein stolzer Afrikaner. Man sieht wie die Gedanken an seine Zukunft ihn schwer belasten. Wie seine aktuelle Situation an seinem Stolz knabbert. Er erzählt, dass er, bevor er an die Universität kam, die Chance hatte, mit einigen Freunden nach Dubai zu gehen und im Bauwesen zu arbeiten. Das sagt er mit Bedauern. Er hat einen Abschluss und ist ausgebildeter Koch. Das sollte doch etwas bedeuten, oder? Er ist wütend. Wütend auf sich selbst. Wütend, dass er seine Mutter nicht unterstützen kann, die auf dem lokalen Markt arbeitet und Zwiebeln, Salat und anderes Gemüse verkauft, während sein Vater als Gelegenheitsarbeiter schuftet. Dennoch gibt es einen Hoffnungsschimmer, denn er hat den Optimismus eingefangen, der das Land seit dem Amtsantritt von Abiy erfasst hat. Doch er ist alt genug, um zu verstehen, dass sich über Nacht nichts ändern wird. So bleibt er wütend auf die Regierung wegen des Missverständnisses.

70 Prozent der Bevölkerung in Äthiopien sind jünger als 30 Jahre alt. Es wird erwartet, dass bis 2050 etwa 130-160 Millionen Menschen dort leben werden. Grob berechnet, werden 91 bis 112 der 130-160 Millionen die Jugendlichen sein, die heute im Land leben. Doch genau wie Girma fühlen sich diese jungen Menschen oft unverstanden. Sie gelten als unberechenbar, gewalttätig und konfliktanfällig. Ihre Ansichten über die Legitimität von Regierungen sind jedoch von Bedeutung. Girma war vielleicht nicht auf den Strassen unterwegs, aber so viele seiner Mitbürger waren es. Sie brachten Äthiopien zum Stillstand und an den Rand einer Katastrophe.

Die Herausforderung ist riesig: Etwa 70 Millionen Äthiopierinnen und Äthiopier sind unter 30. Schätzungen besagen, dass mindestens 30 Millionen davon ohne Job seien. Der Rest arbeitet als Tagelöhner auf Feldern oder im informellen Sektor. Viele junge Menschen wie Girma Mekonnen gehören zur vielleicht am besten ausgebildeten Generation ihres Landes. Trotzdem haben viele keinen Job. à Daraus resultieren: Perspektivlosigkeit, Frust und Zorn, die sich jederzeit in gewaltsamen Protesten entladen können.

Proteste, die seit 2015 bis Anfang 2018 anhielten, zwangen die äthiopische Regierung, zwei Notstände auszurufen, wobei der letzte den Premierminister Hailemariam Desalegn zwang, im Februar 2018 zurückzutreten. Das führte zur Ernennung des Reformers Abiy Ahmed. Die Proteste waren eine Reaktion auf das repressive Regime und den niedrigen Lebensstandard.

Was ist die Lösung?

Es gibt keine Wunderwaffe. Es gibt im Wesentlichen zwei Säulen, , auf denen sich die Perspektiven verbessern können:

 

1) Good governance

Malcolm Gladwell behauptet: »Führungskräfte müssen verstehen, dass wahre Autorität und Gehorsamkeit mit dem Ausdruck von Legitimität einhergehen.» Er glaubt, dass dies zu einem besseren Verhältnis zwischen dem Bürger und der Regierung führen kann.

2) Job creation (Schaffung von Arbeitsplätzen)

Es gibt eine Vielzahl von möglichen Interventionen. Vier Haupttätigkeiten scheinen immer enthalten zu sein in der Entwicklungshilfe:

Transparenz, Verantwortlichkeit und Reduzierung der Korruption (Anbindung an Good Governance)
Zugang zu Mikrokrediten
Der Mangel an Kapital bleibt eines der Hauptprobleme bei der Förderung von Klein- und Kleinstunternehmen.

MfM Schweiz hat diesbezüglich gute Erfahrungen gemacht in Debre Berhan.wo Frauen Kleinkredite bekommen haben. Die Frauen organisieren sich in Selbsthilfegruppen und starten mit Kleinkrediten eigene Geschäfte.
Demand-driven skills development programmes: Spezifisch in Lehrlingsausbildung und Berufsausbildung
Viele Ausbildungen führen zu Befähigungen, die nicht auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausgerichtet sind. Die Ausbildung sollte sich auf die bestehenden Lücken auf den Arbeitsmärkten konzentrieren. Mit zunehmendem Zufluss ausländischer Direktinvestitionen in das Land werden die von Fachkräften erbrachten Dienstleistungen und die Wertschöpfungsketten zunehmen.

MfM Schweiz hilft armen und alleinerziehenden Müttern mit einer Berufsbildung zur Hauswirtschafterin, wodurch sie ein besseres Einkommen erzielen, eigenständig leben und ihre Kinder versorgen können.
Private public partnerships (PPP) - Die Regierung muss die Zunahme des von der Privatwirtschaft gelenkten Wachstums unterstützen. Vor allem in Bereichen, die sich von Rohstoffen unterscheiden, wie z.B. der Export von Fertigprodukten.
Die Aufnahme lokaler Produzenten in die Wertschöpfungskette würde in diesem Fall die Wirtschaftsleistung erhöhen.
Girma kann mit seiner Regierung nicht einverstanden sein. Wenn Girma und seine Freunde in Äthiopien davon überzeugt werden können, dass ihre Regierung legitim ist und auf ihre wirtschaftlichen und Governance-Belange hinarbeiten, wird dies Geduld und Verständnis schaffen und die sich abzeichnenden Entwicklungen in Äthiopien nachhaltiger machen. Mit guter Regierungsführung und der Schaffung von Arbeitsplätzen könnte die Situation im Land dazu führen, dass sich die Beschäftigungsaussichten von Girma verbessern.

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