Bundesverdienstkreuz für Dr. Tsegaye Degineh

Am 10. Juni hat Dr. Tsegaye Degineh in Berlin das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen. Hier die Laudatio von Johannes  Daxbacher von der International Judo Federation (IJF):

"Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großer Freude darf ich Sie darüber informieren, dass Herr Dr. Tsegaye Degineh für sein überaus erfolgreiches, langjähriges humanitäres Engagement von der Bundesrepublik Deutschland höchste Anerkennung erfährt. Unserem langjährigen Wegbegleiter und meinem Freund wurde die große Ehre und Wertschätzung zuteil, mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet zu werden. Ich fasse nun mit einigen ausgewählten Informationen die intensive wie wichtige ehrenamtliche Tätigkeit von Herrn Dr. Degineh zusammen, werde allerdings nur auf ganz herausragende Punkte eingehen. Sein gesamtes Wirken für die Menschen in Deutschland, Äthiopien und Afrika ist stets mit dem Ziel "Entwicklung, Frieden, Fairness, Bildung, Wertevermittlung durch Sport speziell mit den internationalen Judo- und Budo-Werten" verbunden.

Der deutsche Bundespräsident verleiht Dr. Tsegaye Degineh das Bundesverdienstkreuz am Bande

Dr. Tsegaye Degineh wurde von Bundespräsident Steinmeier für seine vielfältigen Verdienste um das Gemeinwohl und seinen ganz persönlichen interkulturellen Einsatz mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet.

Das Bundesverdienstkreuz wird für besondere Leistungen auf politischem, wirtschaftlichem, kulturellem, geistigem oder ehrenamtlichem Gebiet verliehen. Wie Dr. Tsegaye Degineh wurden in der letzten Zeit auch weitere hoch engagierte Mitbürger mit Migrationshintergrund damit ausgezeichnet. Zum Beispiel waren dies die beiden Biontech-Gründer. Im Jahr 2016 hat der gebürtige Äthiopier Prinz Dr. AsfaWosen Asserate das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten.

Ehrenamtliches Engagement, also das unentgeltliche Einsetzen für andere Menschen, hat es Dr. Degineh angetan. Bereits während seines Studiums hat er sich als Vorsitzender des Vereins "Studienkreis der Entwicklungsländer" (SKEL) und im Vorstand der Selbstverwaltung der Alliiertenwohnungen e.V. engagiert. Danach war er an der TU Berlin für internationale Studenten ehrenamtlicher Referent bei den "Sommer Schools" und Mentor an der Humboldt Universität zu Berlin - und ist bis heute ehrenamtlich für viele Menschen hoch engagiert.

Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler verfügt über langjährige Erfahrungen in verschiedenen Positionen als Multiprojektmanager, Projektleitungen und Enterprise Architecture Management. Er ist derzeit u.a. Diversity-Beauftragter und Verantwortlicher für HR-Kommunikation bei der Daimler AG, Mercedes-Benz Vertrieb Deutschland und wurde letztes Jahr als "Gesicht der Nachhaltigkeit" des Konzerns porträtiert. Herr Dr. Degineh verfügt über eine große Expertise in den Bereichen: internationale Projekterfahrung, interkulturelle Kompetenzen,  Informationstechnologie, Personalwesen und Nachhaltigkeit.

I. Judo / Ju-Jitsu / Sport:

1.
Dr. Tsegaye Degineh, der als begeisterter Budo-Sportler (Judo und Ju-Jitsu) vor allem von dem Werte-Gerüst und den internationalen Judo- und Budo-Werten überzeugt ist, hat es sich zur Aufgabe gemacht, seine Überzeugung und Entwicklungs-Expertise auch international einzubringen. So ist er seit 2010 als Vizepräsident des afrikanischen Ju-Jitsu-Verbandes (JJAFU), als Mitglied der Ethikkommission (seit 2016) und Verantwortlicher für das Thema "Nachhaltigkeit / Sport4Climate" des Internationalen Ju-Jitsu-Verbandes (JJIF) höchst engagiert.

2.
Der Träger des 5. Dan Schwarzgurt, er auch in Deutschland hoch engagiert ist, brachte 2007 das moderne Ju-Jutsu nach Äthiopien und arbeitet seit 2009 gemeinsam mit Herrn Johannes Daxbacher am Aufbau eines nationalen Judo- und Ju-Jitsu-Verbandes in Äthiopien. Gerade in diesem Engagement "Judo / Ju-Jitsu for Ethiopians" konnte Dr. Degineh vieles ermöglichen. Lassen Sie mich nur einige wenige Punkte hervorheben, die er mit viel Mühe und enormem Durchhaltevermögen erreicht hat:

- eine enge und sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Judo-Weltverband (IJF) und dem Ju-Jitsu-Weltverband (JJIF)

- historische Teilnahme von äthiopischen Sportlerinnen und Sportlern an der Judo-Weltmeisterschaft 2011 in Paris, der Ju-Jutsu -Weltmeisterschaft 2010 in St. Petersburg, den World Games 2017 in Wrocklaw, sowie an zahlreichen internationalen Turnieren, Seminaren und Aus- und Fortbildungen für die äthiopischen Sportlerinnen und Sportler. 2019 gewinnen äthiopische Sportlerinnen und Sportler erstmals Gold- und weitere Medaillen bei der afrikanischen Ju-Jutsu Meisterschaft
   

- Durchführung und Organisation von zahlreichen Seminaren in verschiedenen äthiopischen Regionen mit sportlichen Aktivitäten für mehrere tausend äthiopische Kinder, Jugendliche und Erwachsene

- unermüdliches Engagement für die Implementierung der „Judo und Ju-Jutsu -Werte“ wie Diszplin, Respekt, Verantwortung für die äthiopische Gesellschaft

- persönliche Unterstützung der äthiopischen Athleten u.a. auch mit eigenem Geld und Organisation von zahlreichen Materialspenden für Äthiopien (in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt, dem Deutschen Olympischen Sport Bund, dem Deutschen Ju-Jutsu Verband, dem Deutschen Judo- Bund und der Deutschen Botschaft in Addis Abeba).

- er koordinierte den Einsatz von vielen Trainern nach Äthiopien und in andere afrikanische Länder.


II. Engagement für Äthiopien:

1.
Bereits seit 2000 unterstützte der in Addis Abeba geborene Tsegaye Degineh verschiedene humanitäre Initiativen in Äthiopien wie z.B. finanzielle Schulgeld-Unterstützung von bedürftigen Kindern und Waisen.

2.
Er ist hochengagiert im deutsch-äthiopischen bzw. deutsch-afrikanischen Wissenstransfer auf verschiedensten Gebieten, insbesondere für die Werte-Vermittlung, deutsche Entwicklungserfahrungen sowie im Projektmanagement.
Seit Beginn der Corona-Krise informierte er regelmäßig die äthiopische Regierung aber auch die in der Diaspora lebenden äthiopischen Menschen über die deutsche Corona-Bekämpfungsstrategie und gibt transparente und äußerst hilfreiche Maßnahmen an seine Landsleute weiter.

3.
Für die Initiative einer Städtepartnerschaft zwischen Addis Abeba und Berlin wurde er mit der erfolgreichen Kontaktaufnahme zwischen den Büros der beiden Bürgermeister betraut.

4.
Seit einiger Zeit berät er persönlich den äthiopischen Staatsminister für Kultur und Sport, insbesondere um eine umsetzbare Sport- und Bildungs-Roadmap für das Land mit etwa 110 Millionen Einwohnern zu erstellen.

5.
Aktuell ist Dr. Degineh von der äthiopischen Botschafterin in Berlin, H.E. Ms. Mulu als Berater gefragt, um ihre Taskforce bei zahlreichen Aufgaben zu verstärken.

6.
Dr. Tsegaye Degineh hat auch einen engen Kontakt zum äthiopischen Premierministerbüro und  schrieb mehrere Publikationen mit dem Titel: "Praktischer Wissenstransfer aus Deutschland" an den äthiopischen Premierminister und Friedensnobelpreisträger Dr. Abiy Ahmed. U.a begleitete er den Premierminister und dessen hochrangige Delegation während des "G7 Gipfel Compact for Africa 2019" in Deutschland.

 

III. Weiteres Engagement:

1.
Dr. Degineh ist weiterhin Mitglied und Funktionär in verschiedenen ehrenamtlichen Vereinen und ist intensiv an vielen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Veranstaltungen zu den Themen "Integration und Afrika" beteiligt.

2.
Er hat zahlreiche Fachbeiträge erstellt und ist bei deutschen und afrikanischen Medien als Interviewpartner zu den Themen "Wirtschaft und Politik, Projektmanagement, Integration und Migration, Erfahrungen aus Deutschland und Europa, Äthiopien, Sport und Gesellschaft, Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Wirtschaft und Gesellschaft" sehr gefragt.

3.
Sein in Amharisch (offizielle äthiopische Landessprache) veröffentlichtes Buch „Projektmagement für Millennium“, ist ein Standardwerk in verschiedenen Ministerien und Institutionen in Äthiopien und wurde vom Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbands als Eignung für die Erwachsenenbildung durch IIZ/DVV empfohlen. Darüber hinaus hat er ein weiteres Buch auf Amharisch „Martial Art Philosophy and Basic Techniques" veröffentlicht, das erstmalig in Amharisch und einzigartig in Afrika ist.

IV. Zusammenfassung:

Ich freue mich sehr über diese große Wertschätzung, die der Brückenbauer Herr Dr. Tsegaye Degineh von der Bundesrepublik Deutschland erfahren hat.
Als Freund und Wegbegleiter weiß ich um viele Mühen und Probleme, die Dr. Degineh in diesen vielen Jahren stoisch ertragen und toleriert hat - dabei hat er nie das rechte Ziel aus den Augen verloren.

Ich wünsche ihm weiterhin viel Erfolg bei all seinen humanitären Aufgaben. Herzlichen Glückwunsch!

Falls Sie Herrn Dr. Tsegaye Degineh gratulieren wollen, hier ist seine Mailadresse:
mail@degineh.de

Postadresse:
Herr Dr. Tsegaye Degineh
Taylorstr. 9 b
14195 Berlin"

 

Dereje Feyissa Dori: "Politische Systeme in Äthiopien"

Aksum und sein Erbe. Die Entwicklung staatlicher Strukturen in Nordäthiopien geht auf die Antike zurück. Das bekannteste und am höchsten entwickelte Staatswesen war Aksum mit einem Zugang zur Küste des Roten Meeres. Aksum entstand vermutlich im 2. Jh.v.Chr. Die aksumitische Zivilisation kam im 3. Jh. n.Chr. zur Entfaltung, was bis heute erhaltene Monumente und Münzen als Teil seiner materiellen Kultur eindrucksvoll belegen. Die aksumitische Gesellschaft zeich­nete sich durch eine archaische Struktur, ein eigenes Schrifttum und einen Königsklan „göttlicher Herkunft“ aus. Schreiben und Lesen blieb Priestern vorbe­halten und den Schreibern, die die Ereignisse des Reiches festhielten und die Verwaltung führten. Der aksumitische Staat hatte einen absoluten Herrscher, der die Einheit von Religion und Politik verkörperte. Die Könige Aksums waren Teil der religiösen Ordnung; man sah sie als Abkömmlinge der Götter an. Das galt insbe­sondere für den Kriegsgott Mahrem (griechisch Ares). Der Titel Negusa nagast („König der Könige“) wurde zum Sinnbild für die politisch-militärische Macht des Herrschers.

Aksum gilt als Wiege des christlichen Äthiopien. Die Einführung des Christentums und die Konversion des aksumitischen Königs im 4. Jh. bestimmten maßgeblich die spätere Staatsbildung Äthiopiens. Seine Könige formten den Nationalstaat, jedoch nicht nur mittels der politischen Zentralmacht, sondern auch durch eine Vereinheit­lichung der Kultur: sie zwangen die verschiedenen ethnischen und religiösen Ge­meinschaften im Land, den orthodoxen Glauben und die äthiopische Sprache anzunehmen. Zur herrschenden Klasse gehörten Kaiser, Adel, Klerus und Militär. Die Kirche bot das ideologische Fundament des Reiches und unterstützte später den Anspruch der Abstammung des Herrschers vom biblischen König Salomo. Sie recht­fertigten damit ihren Machtanspruch. Als Gegenleistung wurde der äthiopischen Kirche später ein Drittel des Landbesitzes zugesagt. Im Unterschied zu den Macht­optionen der Könige von Aksum konnte die unabhängige Gelehrtenschicht der Kirche das national-religiöse System Äthiopiens weit verbreiten. Zum Wesen des politischen Gefüges gehörte der Umstand, dass die Staatsgewalt nicht auf die Kontrolle an Grund und Boden gegründet war, sondern dass dies durch die Herrschaft über die Menschen geschah, die das Land bearbeiteten, die Bauern. Über das Rest-System (Familienerbe) erhielt die ländliche Bevölkerung Zugang zu Land. Rest bedeutete, dass alle männlichen und weiblichen Nachkommen eines Eigentümers Anrecht auf einen Teil des Landes hatten (aufgehoben 1973). Dem Rest-System übergeordnet war die Gult-Struktur. Daraus leitete sich das Recht des Adels auf einen Teil der Erträge ab (eine Art Lehensrecht), die als Tribut oder als Steuer in Form von Geld und Naturalien oder als Arbeitskraft zu entrichten waren und an die Grundbesitzer zu zahlen war.

Muslimische Politik. Es gab weitere Zentren mit staatlichen Strukturen in Äthiopien. Während im nördlichen Hochland das orthodoxe Christentum die Ideologie für die Entwicklung des Staatswesens stellte, bot der Islam im zentralen, südöstlichen und südwestlichen Hochland eine vergleichbare Ideologie. Sultanate wie Ifat und Adal als bekannteste Vertreter entstanden in Zentraläthiopien bereits im 10. Jh. Sie kon­kurrierten mit dem christlichen Reich vom 13. bis 16. Jh. um Handel, Handelsrouten und politische Macht. In diesem Kampf setzte sich der christliche Staat durch, unterlag allerdings kurzzeitig im ersten Viertel des 16. Jh., als Ahmad Ibn Ibrahim al-Ghazi (Grany) Äthiopien unterwarf. Mit dem Sieg über Granys Armeen verloren die muslimischen Sultanate an Macht, überlebten aber, wenn auch deutlich reduziert, weiter im wirtschaftlich bedeutenden Stadtstaat Harar.

In Südäthiopien lag ein drittes Siedlungsgebiet, das eine Reihe von staatlichen Ein­heiten hervorbrachte, teils tributpflichtig, teils unabhängig vom christlichen Imperium. Diese Königreiche waren von traditionellen Glaubensvorstellungen geprägt. Die poli­tisch mächtigsten und einflussreichsten von ihnen waren die Reiche der Kafa und Walayyta. Eine weitere Organisationsform äthiopischer Gesellschaften stellt die rituelle Königsherrschaft dar. Die Anywaa im westlichen Gambella sind deren klassische Ver­treter. Sog. Vorsteher oder Adlige galten als spirituelle Führer ihrer dörflichen Gemein­schaften. Sie bemühten sich kaum, andere Gebiete zu erobern.

Auch wenn Konflikte zwischen den Anywaa zum Alltag gehörten, resultierten daraus keine territorialen Ansprüche. Gegenstand der Kämpfe zwischen Anführern und Adligen waren überwiegend königliche Insignien oder andere Zeichen der Macht. Symbole der Häuptlings- oder Königswürde bestanden vor allem aus wert­vollen Perlen, einem Thron und besonderen Speeren.

Die Oromo und die Altersgruppen. Ganz anders als die südlichen Königreiche organisieren sich die auf Altersklassen basierenden Gesellschaften mit einem eher integrativen, nichthierarchischen Ansatz der Gemeinschaft. Das sich an Generationen orientierende Gadaa-System der Oromo ist repräsentativ für diese Form sozialer Organisation (so bei den Konso, Dirasa und Sidaama). Alle männlichen Mitglieder werden in Gruppen zusammengefasst, die sich nach der Zugehörigkeit zu einer Generation richten, aber nicht nach Alter oder väterlicher Abstammungslinie. Alle Söhne der Männer einer Generation bilden eine eigene Gruppe. Weil jede Generationengruppe Personen unterschiedlichen Alters vereint, werden sie jeweils in fünf Altersgruppen unterteilt. Alle acht Jahre steigt jede Gruppe in die nächste, höhere auf. Jede Klasse hat eigene Rechte und Pflichten – vom Hirten im Kindesalter über junge Krieger zu reifen Entscheidungsträgern und weisen Ältesten. Auf diese Weise werden soziale Rollen in einer lebenslangen Abfolge verteilt, wobei der Führungsanspruch von einer Generationengruppe auf die nächste übertragen wird. Außerdem wählen die Mitglieder der führenden, im Gerichtswesen entscheidenden Generationengruppe aus ihren Reihen die Repräsentanten bzw. Oberhäupter. Die Versammlung von Generationengruppen im Schatten heiliger Bäume wie der Sykamorenfeige ist eines der herausragenden Symbole im demokratischen Wertekanon der Oromo. Es zielt auf eine ununterbrochene Abfolge von Argumentation und Bestätigung ab und darauf, den Frieden (Nagaa) zu bewahren.

Segmentäre Systeme. Eine völlig andere politische Ordnung verkörpert die segmen­täre Gesellschaft der Hirtengemeinschaften West- und Ostäthiopiens. Die Nuer, die in Westäthiopien und im Südsudan leben, sind der Prototyp der politischen Organi­sation jener „Stämme ohne Herrscher“ (so Somali und Gurage), in der die väterliche Linie beim Fehlen einer Zentralinstanz zum Maßstab der gesellschaftlichen Solidarität wird. Im segmentären Abstammungssystem gilt die Herkunft väterlicherseits als grundlegender Wert, darauf gründet sich das politische System. Das Abstammungs­system und die politische Ordnung entfalten sich in zwei Bereichen: den väterlichen Linien (Klane und Abstammungslinien) und den territorial abgrenzbaren Stämmen. Abgesehen vom ideologischen Rahmen sind Abstammungslinien ein wesentlicher Bezugspunkt für die Nuer, um die Regeln der Exogamie zu befolgen. Zudem dienen sie als Grundlage bei der Ausübung von Ritualen. In segmentären Gesellschaften sind „Stämme“ weitaus anpassungsfähiger und integrativer als das herkömmliche Ver­ständnis des Begriffes Stamm vermuten lässt. So fühlen sich Mitglieder anderer Klane und erst recht Außenstehende einem bestimmten „Stamm“ verbunden, dem sie durch Heirat oder andere Formen sozialen Austauschs angehören, so dass letztlich eine wachsende politische Gemeinschaft entsteht. Vor diesem Hintergrund sind segmentäre Gesellschaften durchaus offen für Assimilierungsprozesse.

Christliche Expansion. Diese unterschiedlichen politischen Systeme wurden Ende des 19. Jh. dem expandierenden christlichen Imperium einverleibt. Nach den beiden großen Herausforderungen – die islamischen Sultanate und die Oromo-Migration im 16. und 17. Jh. – erstarkte der äthiopische Staat erneut im Zentralmassiv: das Königreich von Shawa entstand. Dank kluger, politischer und militärischer Führer hielten sich die Könige Shawas aus den zerstörerischen Konflikten im 18. und des 19. Jh. heraus, die als „Zeitperiode der Fürsten“ (Zamana Masafent) bekannt sind, in der die Monarchie zerfiel und selbsternannte lokale Machthaber als Königsmacher regierten. Die Könige von Shawa festigten ihre Stellung durch Expansion nach Süden weit über das christliche Königreich des Mittelalters hinaus. Sie knüpften diplomatische Beziehungen zu Europa, um den Handel und den Zugang zu Feuerwaffen auszubauen. Militärisch gerüstet machte sich König Menilek II. daran, die territoriale Erweiterung nach Süden, Westen und Osten voranzutreiben. Der ökonomische Reichtum der eroberten Gebiete wiederum ermöglichte es ihm, seinen Anspruch auf den Kaiserthron gegenüber den Königen im Norden geltend zu machen und schließlich zum „König der Könige“ gekrönt zu werden. Die Aufgabe, Menileks Reich zu festigen und zu modernisieren, fiel Kaiser Hayla Sellase (reg.1930–1974) zu.

Jüngste Umbrüche. Die Erneuerung Äthiopiens förderte soziale Widersprüche und wachsende Forderungen verschiedener Gesellschaftsschichten zutage. Die ideologische Basis des äthiopischen Reiches wurde von den Studentenbewegungen der 1960er und 1970er Jahre, die politische Veränderungen und eine Bodenreform forderten, erschüttert und von regionalen und ethnisch-autonomen Bewegungen, insbesondere den separatistischen Befreiungsbewegungen in Eritrea, infrage gestellt. Nach einem Jahrzehnt der Studentenproteste schritt eine Gruppe von Militärs ein und stürzte den Kaiser und mit ihm eine der ältesten Monarchien der Welt. In der Folge versuchte die Militärregierung, der Darg, eine neue politische Ordnung nach den Prinzipien des Sozialismus zu errichten. Mit dem Anspruch, „echte“ sozialistische Organisationen zu sein, forderten mehrere politische Parteien und Freiheitsbewegungen, die aus der Studentenschaft hervorgingen, den Darg politisch und militärisch heraus. Zwar gelang es zunächst, städtisch geprägte marxistische Parteien wie die Ethiopian People´s Revolutionary Party (EPRP) niederzuschlagen, ländliche marxistische Freiheits­bewegungen wie die Tigray People´s Liberation Front (TPLF) hielten jedoch stand und stürzten den Darg. Ende der 1980er war die TPLF die stärkste Unabhängigkeits­bewegung und bildete eine Koalition mit Splittergruppen von EPRP und anderen ethnisch-politischen Vereinigungen. Daraus entstand eine landesweite Partei, die Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front (EPRDF).

Die EPRDF stürzte 1991 den Darg und übernahm die Kontrolle über den äthiopischen Staat, den es in der Folge radikal veränderte. Den Jahrhunderte alten, von politischer Zentralisation und kultureller Vereinheitlichung geleiteten Prozess der Nationenbildung umkehrend, begründete die EPRDF eine Ordnung, die die kulturelle Vielfalt akzeptiert. Das Land wird als Föderation auf der Basis ihrer Völker neu organisiert. Den “Nationen, Nationalitäten und Völkern” Äthiopiens wird laut Verfassung die Selbstbestimmung gewährt bis hin zur möglichen Sezession, sollten die Rechte durch die föderale Regierung verletzt werden. Die äthiopische Föderation umfasst neun nach ethnischen Kriterien gegliederte Staaten und zwei Stadtstaaten, die Hauptstadt Addis Ababa und Derre Dawa.                  

Literatur: Donald Crummey, Land and Society in the Christian Kingdom of Ethiopia: From the 13th to the 20th Century, Chicago, IL 2000; Edward Evans-Pritchard, The Nuer: A Description of the Modes of Livelihood and Political Institutions of a Nilotic People, Oxford 1940.

Dereje Feyissa, Addis Ababa University

Dieser Artikel ist erschienen im Handbuch: Politische Systeme in Äthiopien“ aus „Athiopien – Geschichte, Kultur, Herrausforderungen“ (Hrsg. u.a. S. Uhlig ). Das Buch kann bestellt werden direkt bei der Deutsch-Äthiopien Stiftung oder bei ProEthiopia.

 

Wahl-News 2021 (Mai-Juni)

30. April: Vier US-Senatoren schreiben an den Horn-Sondergesandten Jeffrey Feltmann einen Brief in dem es vor allem um den Krieg in Tigray geht – aber auch um die anstehenden Wahlen: „These planned elections are not currently on track to meet international standards for freedom, fairness, and transparency“. 9. Mai: Das NEBE antwortet: “Reforms in the election year carry significant technical, financial, political and security risks. A publicly available assessment by NEBE regarding the feasibility of reforms suggests that significant changes at this stage in the electoral cycle could further imperil the overall integrity, credibility, exclusivity and timeliness of the electoral process.”

3. Mai: EU kündigt an, keine Wahlbeobachter zu schicken: "Despite all efforts by the European Union, it was not possible to reach an agreement with Ethiopian authorities on key parameters for the deployment of an EU Electoral Observation Mission in view of the parliamentary elections on 5 June 2021. As conditions are not fulfilled, the deployment of the mission has to be cancelled." – 4. Mai: Das äthiopische Außenministerium kommentiert diese Entscheidung: “The Government is committed to make the upcoming elections free, fair and democratic and is determined to continue working with all stakeholders to make it so. While external observers could add some value to strengthen the quality of electoral processes, they are neither essential nor necessary to certify the credibility of an election. The validity and legitimacy of Ethiopia’s election is determined solely by Ethiopian laws, Ethiopian institutions, and ultimately, by the people of Ethiopia."

18. Mai: Der Generaldirektor der Ethiopian Mass Media Authority erklärt die erneute Verschiebung der Wahl habe nichts mit dem Tigray-Konflikt zu tunin diese Richtung hatte die Agentur Associated Press berichtet.

27. Mai: NEBE erteilt dem International Republic Institute (IRI) und dem National Democratic Institute (NDI) eine Genehmigung die Wahlen zu beobachten.

28. Mai: Bei einer Sitzung ihres Exekutivkomitees erneuert die Prosperity Party ihre Zielvorgaben „Wohlstand und Frieden“

29. Mai: Die Partei “Ethiopian Citizens for Social Justice” (EZEMA) kritisiert die Amtsinhaber als größtes Hindernis für freie und faire Wahlen. Sie seien verantwortlich für Unregelmäßigkeiten.

29. Mai: NEBE bitte sieben Bundesländer um 9.222 Autos, um das Wahlmaterial in die ca. 50.000 Wahlbüros zu transportieren.

3. Juni: Wahlleiterin Birtukan Mideska erscheint vor Gericht und erklärt, dass auch inhaftierte Mitglieder der Oppositionspartei Partei „Balderas for True Democracy“ (Eskinder) auf den Wahllisten stehen dürfen. Zuvor war das abgelehnt worden.

5. Juni: Die Information Network Security Agency (INSA) warnt vor möglichen Cyber-Attacken auf Äthiopiens 6. Nationalwahl und die zweite Befüllungsrunde für den Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD).

11. Juni: Die US-Regierung ist “sehr besorgt” über die Rahmenbedingungen zur Wahl: “The detention of opposition politicians, harassment of independent media, partisan activities by local and regional governments, and the many interethnic and inter-communal conflicts across Ethiopia are obstacles to a free and fair electoral process and whether Ethiopians would perceive them as credible. The exclusion of large segments of the electorate from this contest due to security issues and internal displacement is particularly troubling.”

12. Juni: Das Komitee für das Referendum über einen “South West Regional State” will nicht wie vom NEBE entschieden die Abstimmung verschieben.

14. Juni: Das Wolaita National Movement und die Wolaita People Democratic Front beschweren sich über Schikanen und Verhaftungen. Auch National Movement of Amhara, Balderas for True Democracy, Hiber Ethiopia Democratic Party, All Ethiopian Unity Organization, Enat Party sind mit dem Wahlprozess nicht einverstanden.

16. Juni: Ministerpräsident Dr. Abiy verspricht friedliche Wahlen.

17. Juni: Die Ethiopian Media Authority drängt die Medien die Ausstrahlung eines Abiy-Interviews zu unterlassen - 16. Juni war der letzte Tag für die Ausstrahlung von Wahlwerbung.

Bayern unterstützt Wiederaufforstungsprojekt von "Menschen für Menschen"

Bodenerosion, Wüstenbildung, Dürre – Äthiopien leidet stark unter den Folgen der Abholzung und der Klimakrise. Die Stiftung Menschen für Menschen setzt sich daher bereits seit rund drei Jahrzehnten mit Aufforstungsprogrammen in dem Land am Horn von Afrika für den globalen Klimaschutz ein. Die Bayerische Staatskanzlei unterstützt seit 2019 ein breit angelegtes Wiederaufforstungsprojekt von Menschen für Menschen: Erfolgte das Engagement zunächst im Rahmen eines einundhalbjährigen Vorhabens, folgt nun mit erneut 405.000 Euro eine auf knapp zwei Jahre angelegte Erweiterung des Projekts. Auf 500 Hektar Land im Bezirk Borena, 580 Kilometer nördlich von Addis Abeba, werden dabei nicht nur Bäume gepflanzt, sondern gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung umfassende Maßnahmen umgesetzt, um natürliche Ressourcen zu schützen und die Lebensgrundlage der Menschen vor Ort zu verbessern.

405.000 Euro für globalen Klimaschutz

In weiten Teilen Äthiopiens und auch in der Region Borena ist Bodenerosion ein großes Problem. Für die äthiopische Landbevölkerung ist Holz vor allem zum Haus- und Hüttenbau, aber auch zur Befeuerung der Öfen ein kostbares Gut. Frauen und Mädchen sind täglich oft Stunden unterwegs, um Holz zu sammeln. Ein weiterer Grund für die Abholzung ist der Bedarf an neuen Anbauflächen, wenn etwa die alten aufgrund von Erosion oder schlechter Bodenqualität unbrauchbar geworden sind. Laut „The World Factbook“ sind heute lediglich zwölf Prozent des Landes in Äthiopien bewaldet. „Mit dem breit angelegten Wiederaufforstungsprojekt restaurieren und schützen wir den natürlichen Lebensraum, vor allem auch für die dort lebenden Menschen. Der Schlüssel zum Erfolg eines solchen Projekts ist unsere Nähe zu den Menschen in der Region“, erläutert Dr. Sebastian Brandis, Vorstandssprecher der Stiftung Menschen für Menschen. „Wir sind sehr froh darüber, dass wir die Bayerische Staatskanzlei als Unterstützerin für dieses wichtige Projekt gewinnen konnten und danken allen Beteiligten von ganzem Herzen. Es ist eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft.“

Maßnahmen bringen auch Ernährungssicherheit in der Region

Mit der finanziellen Unterstützung der Bayerischen Staatskanzlei setzt die Stiftung Menschen für Menschen gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung in Borena vielfältige Maßnahmen um. Dazu zählen die intensive Einbindung der Bevölkerung, die Ausweisung von Schutzgebieten, in denen Nutztiere nicht mehr grasen dürfen, das Anlegen von Terrassen zum Anpflanzen von Setzlingen, der Bau von 10.000 Mikrobassins zum Auffangen des Regenwassers, das Anlegen von zwei Baumschulen für das Ziehen von rund 6 Millionen Baum- und Obstbaumsetzlingen, die Einführung von Kleingärten, die Verteilung von Getreide-, Gemüsesaatgut und Obstbaumsetzlingen sowie die Verteilung von 2.000 Holz sparenden Lehmöfen an Familien, um deren Holzverbrauch zu reduzieren. Durch das Zusammenspiel all dieser Maßnahmen verbessern sich neben dem Baumbestand und den natürlichen Ressourcen auch die Ernährungssicherheit einer ganzen Region. Die Bauernfamilien sind in der Lage, den wachsenden Wald zu sichern und Vorräte anzulegen, um sich bei Ernteausfällen abzusichern.

Melanie Huml, Bayerns Ministerin für Internationales: „Wir wollen ein Zeichen setzen für eine langfristige Partnerschaft auch in schwierigen Zeiten. Gerade bei der Wiederaufforstung der wertvollen Wälder des Landes zeigt sich, wie nachhaltig eine solche Unterstützung wirkt, auch im Sinne eines globalen Klimaschutzes. Mit unserer Hilfe wurden bereits rund drei Millionen Baumsetzlinge gezüchtet und gepflanzt. Aber diese Hilfe ist nur ein – wenn auch wichtiger – Baustein in unserem Partnerschaftspaket, das das gegenseitige Verständnis füreinander fördern will.“

Bereits 2019/2020 hat die Bayerische Staatskanzlei mit knapp 400.000 Euro die Ausbildung von jungen Äthiopierinnen und Äthiopiern am Agro Technical and Technology College in Harar durch die Bereitstellung einer Vielzahl an neuen Maschinen, Geräten und Nachschlagewerken mitfinanziert. Dort qualifizieren sich junge Frauen und Männer in praxisorientierten Studiengängen in agrarökologischen und handwerklich-technischen Berufen. Daneben hat die Staatskanzlei 2019/2020 mit 143.000 Euro den Aufbau einer Kaffeekooperative westlich von Addis Abeba zur Schaffung von Jobs für junge Erwachsene gefördert. 2020 stellte die Bayerische Staatskanzlei darüber hinaus 100.000 Euro für die Unterstützung der äthiopischen Bevölkerung in der Covid-19-Pandemie zur Verfügung.

"Aktuelle Probleme wie die hohen Nachernteverluste adressieren"

Die Landwirtschaft wird eine zentrale Rolle bei der Steigerung des Wohlstandes in Äthiopien spielen. Wie aber bekommt man das Wissen aus den Universitäten fruchtbar auf die Erde? Damit beschäftig sich das Panel "Capacity Building als Schlüssel für Innovation und Wertschöpfung im äthiopischen Agrarsektor" bei unserem Online-Forum am 20. März. Mit dabei Haile Mengesha (Consultant CIMMYT/GIZ), Julia Schmidt (Originalfood) und Prof. Dr. Carsten Lorz ("Bavarian-Ethiopian Alliance for Applied Life Sciences"). Letzerem hat unsere Moderatorin Juliane Glovania (Uni Weihenstephan) schon vorab ein paar Fragen gestellt.

Glovania: Welche Aktivitäten setzt die HSWT in Afrika und speziell in Äthiopien um?

Lorz: Die Hochschule ist schon seit mehreren Jahren auf dem afrikanischen Kontinent aktiv. Wir setzen mit einer Vielzahl afrikanischer Hochschulen einen partnerschaftlichen Austausch im Bereich angewandte Lebenswissenschaften um. Laufende Initiativen sind beispielsweise der „Ausbildungspakt mit Afrika“ sowie der „Technologie- und Anwendungspakt“, welche in Kooperation mit der GIZ umgesetzt und vom BMZ finanziert werden. Äthiopien ist in beiden Vorhaben jeweils Schwerpunktland. Darüber hinaus haben wir aber auch weitere Projekte, welche speziell auf Äthiopien abzielen. Hier ist zum einen die „Bavarian-Ethiopian Alliance for Applied Life Sciences“ zu nennen, welche von der Bayerischen Staatskanzlei im Rahmen des Bayerischen Afrikapakets gefördert wird, zum anderen aber auch unser neues DAAD-Projekt „Tomato – Harnessing of Efficient Vegetable & Fruit Production, Processing and Marketing Systems in Ethiopia“.

G: Was ist das Ziel der “Bavarian-Ethiopian Alliance for Applied Life Sciences” sowie des “Tomato-Projekts”?

L: Die “Bavarian-Ethiopian-Alliance for Applied Life Sciences” hat zum Ziel, ein Partnernetzwerk zwischen bayerischen und äthiopischen Akteuren aus Wissenschaft, Industrie und öffentlichem Sektor in den angewandten Life Sciences zu errichten. Gemeinsam soll das Konzept der Hochschulen für angewandte Wissenschaften, wie die HSWT es seit 50 Jahren umsetzt, diskutiert, weiterentwickelt und an den lokalen Kontext angepasst werden. Das Projekt läuft seit Ende 2019, leider konnten nach einigen Anbahnungsreisen nach Äthiopien die Vorhaben aufgrund der Covid19-Pandemie nur noch online umgesetzt werden. Das hat bis jetzt aber super geklappt – so haben wir unter anderem schon virtuelle Workshops zu angewandter Lehre in der Landnutzung, der Lebensmitteltechnologie sowie der Biotechnologie mit unseren bayerischen und äthiopischen PartnerInnen abgehalten. Das „Tomato-Projekt“ hat einen engeren Fokus als die Allianz und zielt speziell auf die Bereiche Produktion, Verarbeitung und Vermarktung von Obst und Gemüse ab. Im Projekt möchte die HSWT in Kooperation mit den Universitäten Bahir Dar, Hawassa und Arsi die praktische Ausbildung in den Lebensmittel-Studiengängen stärken, so dass Absolvierende vermehrt in der Lage sind, aktuelle Probleme wie die hohen Nachernteverluste in Äthiopien zu adressieren.

G: Wie soll sich Ihre Arbeit in einigen Jahren „on the ground“ in Äthiopien bemerkbar machen?

L: In Äthiopien gibt es von Regierungsseiten das Bekenntnis, die bislang sehr Theorie-lastige Hochschullehre praktischer gestalten zu wollen. Wir hoffen, mit unseren Projekten zu dieser Transformation beitragen zu können. Es wäre schön, wenn in Zukunft immer mehr äthiopische Absolvierende in ihrem Studium bereits praktische Erfahrungen machen, sodass sie attraktiver für den lokalen Arbeitsmarkt sind und innovative Lösungen für bestehende Herausforderungen entwickeln können.

"Es braucht weitere ernstgemeinte "bottom-up"-Initiativen"

Die Afrikanische Freihandeslszone ist ein Jahrhunderprojekt - auch Deutschland unterstützt diese afrikanische Initiative intensiv. Bei unserem Online-Forum werden wir am 19. März deshalb im Rahmen unserer offenen Investmentrund ("Time to invest in Ethiopia?") zu diesem Thema einen Impulsvortrag von Dr. Benedikt Kamski haben. Der Politikwissenschaftler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Arnold-Bergstraesser-Instituts und seit 2012 am Horn von Afrika aktiv - darüber hinaus berät er dort internationale Firmen. Wir haben ihn vorab gesprochen.

DÄV: Inwiefern ist die Panafrikanische Freihandelszone (AfCFTA) ein afrikanisches Projekt also Verwirklichung von „The Africa we want“ (Agenda 2063)?

Kamski: Seit 2001 koordiniert dir Afrikanische Union den kontinentalen Integrationsprozess. Die Schaffung der AfCFTA ist dabei ein zentraler Meilenstein für die wirtschaftliche Integration und Kooperation der AU-Mitgliedstaaten. Die AU-Agenda 2063 ist das übergeordnete Rahmenwerk für die Ziele und angestrebten Maßnahmen des Aktionsplans von Lagos (1980) und der Vertrag von Abujy (1991). Die AfCFTA ist eines von insgesamt 15 "Flagship" Programmen der Agenda 2063 und neben Infrastrukturentwicklung unabdingbar für erfolgreiche regionale wirtschaftliche Integration in Afrika.

D: Welche Rolle hat Äthiopien bei Ihrer Entstehung gespielt?

K: Äthiopien war ein früher Unterstützer des AfCFTA Prozess. Im März 2018 hat Äthiopien zusammen mit 43 anderen AU-Mitgliedstaaten das Abkommen in Kigali unterzeichnet und bereits im April 2019 den nationalen Ratifizierungsprozess abgeschlossen und die entsprechenden Dokumente bei der AU Kommission hinterlegt.

D: Welche positiven Auswirkungen kann die Freihandelszone auf Äthiopien haben? Sind auch negative Folgen zu erwarten?

K: Der Ratifizierungsprozess verlief überraschend schnell und die Verhandlungen sind noch nicht vollumfänglich abgeschlossen. Entscheidend für den Erfolg der AfCFTA sind insbesondere der Ausbau der technischen und institutionellen Kapazitäten auf nationaler Ebene. Der seit 2018 angestoßene wirtschaftliche Reformprozess in Äthiopien ist ein wichtiges Signal; dennoch die Herausforderungen bleiben große angesichts unterschiedlicher ordnungspolitischer Hindernisse in der Region.

D: Wie kann die wirtschaftliche Integration Afrikas das Investmentklima für deutsche Firmen in Äthiopien langfristig verbessern?

K: Erfolgreiche regionale und kontinentale wirtschaftliche Integration beginnt bei den AU-Mitgliedstaaten. D.h. neben dem durch die AU initiierten "top-down approach" zur Schaffung der Freihandelszone braucht es weitere ernstgemeinte "bottom-up"-Initiativen. Die AfCFTA ist ein wichtiger Aspekt zur zukünftigen Verbesserung des Investmentklimas in Äthiopien ABER erfordert weitere grundlegende Reformen.

"Die überwiegende Mehrheit lebt friedlich-schiedlich zusammen"

Christen und Muslime leben in Äthiopien überwiegend friedlich miteinander - in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten gab es jedoch einige gewaltsame Konflikte. Auch ethnische Auseinandersetzungen sind vermehrt religiös konnotiert. Im Rahmen unseres Äthiopien-Forums diskutieren wir am 20. März deshalb zu der Frage "Christentum & Islam: Dialog oder Entfremdung?" - mit dabei sind Dr. Andreas Wetter und Dr. Jürgen Klein. Dieser hat gerade eine Dissertation zum Thema "Christlich-Muslimische Beziehungen in Äthiopien" fertig gestellt - wir haben ihm vorab ein paar Fragen gestellt. Gemeinsam ist es uns wichtig, darauf hinzuweisen, dass die kurzen Antworten die Komplexität der Themen nur stark verkürzt wiedergeben können.

DÄV: Äthiopien ist sehr stolz auf das friedliche Miteinander von Christen und Muslimen – zu Recht?

Klein: Ja, das stimmt im Großen und Ganzen. Trotz diverser Konflikte leben Christen und Muslime in der überwiegenden Mehrheit friedlich-schiedlich zusammen, und arrangieren sich, je nach dem jeweiligen Kontext von Mehr- und Minderheitssituationen, mal rechter oder schlechter. Der Sinn für soziale Interaktionen wie Nachbarschaftshilfe oder Kooperationen in Hilfsvereinen, beispielsweise bei Beerdigungen, ist insgesamt aber gut ausgeprägt.

DÄV: Können sich andere Länder hier etwas abschauen?

Klein: Auf jeden Fall ist es lohnenswert für andere Länder, das engmaschige Wertesystem Äthiopiens kennenzulernen, wo Werte wie Gemeinsamkeit, einander achten, diplomatische Toleranz, Kooperation und die Fähigkeit, bei Konflikten durch versöhnende Aktivitäten zu friedlichen Verhältnissen zurückzufinden, praktiziert werden. Auch die Aktivitäten im Kampf gegen den religiös-konnotierten Radikalismus sind beachtenswert.

DÄV: Bekommt diese friedliche Koexistenz Risse? Wenn ja warum? Wer hat ein Interesse an einer Spaltung?

Klein: Es gibt radikal-extreme und ideologische Auffassungen, die die positiven Intentionen der Religionen verdrehen und über die Grenze des theologisch und religiös gemeinsam Akzeptierten hinausgehen. Die Infiltration von religiös konnotierten Ideologien, hinter denen oftmals religiöse Expansionsansprüche oder machtpolitische Interessen von außen und innen stehen, kann zu Rissen im friedlichen Miteinander religiös diverser Menschen führen. Das sind sowohl vermeintlich „christliche“ als auch „muslimische“ Radikale, die im Namen der Religion durch Worte, Schriften und Aktionen zu Gewalt aufrufen und Konflikte zündeln. Sie sind kaum pluralitätsfähig und meinen, ihre eingeschränkte Sicht sei die maßgebende, die es mit allen Mitteln durchzusetzen gilt. Das erleben wir aber weltweit, und auch in anderer Form bei uns.

DÄV: Die ethnischen Konflikte in Äthiopien werden auch immer öfter entlang religiöser Unterschiede definiert. Wie ist das passiert?

Klein: Religion wird von Radikalen für die Durchsetzung ethnisch-motivierter und politischer Interessen missbraucht. Das ist nichts Neues weltweit, in Afrika, und auch in einem Vielvölkerstaat wie Äthiopien nicht. Die Wut aufgrund von jahrzehntelanger politischer Unterdrückung, Ausnutzung oder der Perspektivlosigkeit aufgrund von konstanter Armut entlädt sich an denjenigen, die politisch, ethnisch und religiös dafür verantwortlich gehalten werden – mit Religion selbst hat das ganz wenig bis gar nichts zu tun!

DÄV: Wer hat ein Interesse an einer interreligiösen Kooperation?

Klein: Es gibt ein Netzwerk der Kooperation, einen Kooperationsraum, in dem religiöse und nichtreligiöse Zivilorganisationen agieren. Das sind Faith Based Organisations (FBOs) wie die Religionsgemeinschaften und der Inter-Religious Council of Ethiopia (IRCE), oder
Hilfsorganisationen und NGOs wie Norwegian Church Aid und viele andere. Das sind aber auch Universitäten und Regierungseinrichtungen wie das neue Ministry of Peace, das bemüht ist, mit den Zivilorganisationen auf der Schiene der Entwicklungsarbeit zu kooperieren. Seit den größeren Konflikten 2006 und 2011 im Südwesten Äthiopiens und anderswo läuft eine breit angelegte Antiradikalismuskampagne, die ich intensiv erforscht habe.

DÄV: Welche Tendenz wird sich langfristig durchsetzen?

Klein: Je mehr es zu Auffassungen kommt, in denen das Anderssein der Andersreligiösen nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung der Identität verstanden wird, desto stärker werden sich kooperierende Formen des Zusammenlebens gegenüber konfliktiven
Verständnis- und Aktionsformen durchsetzen. Das ist die Hoffnung. Dazu ist allerdings noch viel Verständigungsarbeit nötig.

Die Publikation der Dissertation mit dem Buchtitel "Christlich-Muslimische Beziehungen in Äthiopien. Interreligiöse Situation – Konflikträume – Verstehenszugänge" wird derzeit vorbereitet und spätestens in der zweiten Hälfte des Jahres 2021 erscheinen.

"Die Schlacht hätte auch anders ausgehen können"

Am 2. März diesen Jahres jährte sich die legendäre Schlacht von Adua zum 125. Mal. An der Spitze des äthiopischen Heeres besiegte Kaiser Menelik zusammen mit seiner Gattin Taytu eine italienisches Expeditionsarmee. Italien musste schließlich seine Expansionspläne in Afrika erst einmal ad acta legen. Äthiopien wurde nie kolonisiert. Heute ist "Adua" Befreiungssymbol für den ganzen afrikanischen Kontinent. Grund für DÄV-Pressereferenten Alexander Bestle mit Prof. Dr. Stefan Brüne zu sprechen. Brüne war Mitarbeiter der in Dschibuti ansässigen Intergovernmental Authority on Development (IGAD) und Gastprofessor am Institute for Peace and Security Studies der Universität Addis Abeba (Äthiopien). Am Donnerstag, 26. März (ab 19 Uhr) ist Brüne zum Thema "Adua" Gast beim Online-Stammtisch der Partnerschaft mit Alem Katema (Link!) - in Kooperation mit dem DÄV.     

DÄV: Wie kam es 1896 zur Schlacht von Adua? Italien hat sich da ja nicht unbedingt klug angestellt. Es unterzeichnete einen Vertragstext, dessen italienische Variante sich von der amharischsprachigen unterschied.

Brüne: Es handelte sich um geopolitische und taktisch motivierte Verhandlungskalküle. Rom hatte koloniale Ambitionen, die kulturelle, linguistische und räumliche Dominanzbeziehungen vorsahen. Nachdem man Eritrea 1989 erobert hatte suchte Italien seine koloniale Einflusssphäre auszudehnen.

D: Haben die Äthiopier die Schlacht von Adua gewonnen oder haben die Italiener sie verloren?

B: Die militärisch und technisch überlegenen Italiener haben zahlreiche Fehler gemacht. Sie kannten sich in Eritreas Nachbarregionen nicht besonders gut aus, fuhren in die falsche Richtung und so weiter …

D: Das Narrativ von schlecht ausgerüsteten Äthiopiern, die gegen eine übermächtige italienische Armee kämpften, entspricht also nicht der Realität?

B: Auf italienischer Seite kämpften effizienzarme, zum Teil schlecht informierte Truppen. Hinzu kam, dass Äthiopien auch italienische Waffen bezog. Auf äthiopischer Seite kämpften 100.000, auf italienischer 14.500 Soldaten.

D: Die italienischen Waffen ermöglichten also die äthiopischen Gewehrträger, die „naftegna“, die Kaiser Menelik den Sieg bescherten?

B: Ja und Nein. Die Schlacht um Adua hätte auch anders ausgehen können.

D: Kaiser Menelik II. war als oberster Feldherr dabei – welchen Anteil hatte er an der italienischen Niederlage?

B: Menelik verband diplomatische Erfahrung mit Glück und nutzte seine Kontakte zu Frankreich und Russland. Auch London sah die italienischen Expansionsvorhaben skeptisch.

D: Sie haben angemerkt, dass Äthiopien zunächst nicht als ein fest strukturierter Nationalstaat existierte – inwiefern hat „Adua“ zur Festigung national begründeter Politiken beigetragen?

B: Kaiser Menelik II. hatte anfangs große Probleme, seine Herrschaftsansprüche auf Gebiete auszuweiten, die historisch – wie der Süden Oromos – nicht zu Äthiopien zählten. Die Schlacht von Adua hat dann einen fragilen Staatsbildungsprozess befördert, der bis heute anhält. Wie auch immer. Menelik konnte behaupten: Wir haben als erstes und einziges afrikanisches Land Europas kolonialen Imperialismus besiegt.

D: Gibt es also direkte Verbindungslinien zwischen den Konflikten von damals und heute?

B: Der Sieg von Adua beförderte eine feudal verfolgte Expansionspolitik, in deren Folge die heute südäthiopischen Ethnien und Regionen von Tigray und Amharen - unter anderem durch Nutzung des Sklavenhandels - unterworfen wurden. Es folgten konfliktreiche Dekaden und - während des Zweiten Weltkriegs - Mussolinis vergeblicher Versuch, Äthiopien zu unterwerfen.

D: Taugt die Schlacht von Adua als Symbol für den Sieg der Afrikaner gegen die weiße Vorherrschaft?

B: Es lässt sich rückblickend feststellen, dass die Äthiopier ihre relative Schwäche geschickt nutzten, um die internationale Gemeinschaft von ihren antikolonial und antiimperialistisch begründeten Anliegen zu überzeugen. Inneräthiopische Problemlagen traten in den Hintergrund.

D: Eines der diesjährigen Mottos lautet „Adwa – emblem of a pluralistic unity“. Was halten sie davon?

B: Aus äthiopischer Staats- und Regierungssicht macht es Sinn, gegenwarts- und zukunftsbezogene Probleme als Teil eines pluralistisch motivierten Fortschritts zu beschreiben.  

D: Was hätte passieren können, wenn die Schlacht von Adua verloren gegangen wäre?

B: Italien hätte sich als Kolonialmacht etablieren können. Die Geschichte wäre komplett anders verlaufen.  

D: Aber der Glaube an einen Sieg und Menelik, der das Land geeint haben soll, hält offensichtlich nicht mehr so richtig?

B: Die „Demokratische Bundesrepublik Äthiopien“ ist heute eine föderale, maßgeblich von Meles Zenawi geprägte Regionalmacht. Ausgeprägte kulturelle, sprachliche, religiös und ökonomisch verantwortete Probleme und Gegensätze halten an und erschweren, wie sich bei den jüngst gewaltförmig ausgetragenen Auseinandersetzungen in und um in Tigray zeigte, eine friedenspolitisch verhandelte Zukunft.

D: Gibt es für heute etwas aus Adua lernen? Vielleicht um den Staat wieder etwas zusammenzubringen?

B: Die jüngeren Entwicklungen sind besorgniserregend. Während Erinnerungen an Adua und der damit verbundene Feiertage bedeutsam bleiben, ist offen ob und wann eine geschichtsbezogene Selbstvergewisserung zur Einhegung oder Beilegung aktueller Konflikte beitragen kann. Internationalen Quellen zufolge gibt es gegenwärtig im Sudan 60.000 aus Äthiopien stammende Flüchtlinge. Jüngste Vermittlungsversuche der internationalen Gemeinschaft und des von der EU beauftragten finnischen Ministerpräsidenten endeten ergebnisarm. Ein schnelles Ende des in vor allem Tigray ausgetragen militärischen Konflikte ist nicht in Sicht. Bedrückende Menschenrechtsverletzungen halten an und eine anhaltend beförderte humanitäre Katastrophe sind wahrscheinlich. Vermittlungsversuche der internationalen Gemeinschaft endeten bislang ergebnisarm.

D: Haben Sie eine Idee?

B: Vielleicht hilft es den Blick in die Zukunft zu richten. Als ich 1975 erstmals in Äthiopien war hatte das Land 22 Mio. Einwohner. Heute sind es 110 Millionen. Damals gab es eine Universität, heute sind es über sechzig. Zwei Drittel der äthiopischen Bevölkerung ist jünger als dreißig Jahre, jede(r) zweite jünger als fünfzehn. Hier wächst eine neue Generation heran. Es gilt eine zukunftsorientierte Politik befördern, die die Bedürfnisse und das Vermögen der neuen Generation telefon- und internetbezogen berücksichtigt.

D: Wie könnten die Verhandlungen in Tigray ausgehen? Nach allem was passiert ist, war doch klar, dass die äthiopische Regierung auf Forderungen den Westen nach Verhandlungen mit der TPLF nicht eingehen wird.

Dafür spricht Vieles. Dennoch bedarf es einer zukunftsorientierten Strategiedebatte für ganz Äthiopien, die konkurrierende Ideen, Identitäten, Interessen und Institutionen umfänglich berücksichtigt. Es geht um Kultur, Politik und Wirtschaft. Die EU war bislang zurückhaltend. Es gilt, das überkommene „We are right and they are wrong“ durch eine strategische Mischung aus Einflußnahme, Vermittlungsbemühungen und Entwicklungsszenarien zu überwinden.

"All relevant stakeholders need to be included in the settlement process"

Der "ethnische Föderalismus" wurde zu Beginn der 90er-Jahre als Lösung für Konflikte zwischen den äthiopischen Völkern in die äthiopische Verfassung geschrieben. Heute gilt er vielen als die Ursache für die Vertiefung der ethnischen Konflikte. Im Panel "Federalism in Ethiopia: Ethnicization, Politicization, and Traditions of Diversity" werden wir darüber bei unserem Online-Forum am 20.März mit Dr. Wolbert Smidt (Uni Jena, Uni Mekelle), Dr. Dereje Feyissa Dori (Life and Peace Institute / Uni Bayreuth) und Prof. Stefan Wolff (University of Birmingham) diskutieren. Prof. Stefan Wolff ist als Politikwissenschaftler unter anderem Spezialist für "subnational governace and conflict". Panel-Moderatorin Sophia Wellek hat ihn vorab schon für uns interviewt.

DÄV: We are experiencing an increase in intra-state conflicts around the world. In many places, for lack of alternatives, people are relying on subnational governance such as federalism to manage diversity and conflict domestically. Do you also continue to see the great potential of subnational governance to mitigate conflict, and why?

Wolff: Subnational governance—be it territorial autonomy, devolution, decentralisation, or federal structures—has very clear conflict-mitigating effects. It is, therefore, not just a second-best solution in the absence of other alternatives. The reason for this is that subnational governance has a variety of benefits: it brings government closer to the people, makes politicians more accountable and politics more transparent, and creates opportunities for more localised approaches to service delivery. That is at least the theory behind subnational governance. But we also see it in practice. In a recent study on "Territorial self-governance and proportional representation" (find link below) I conducted with two colleagues, we found that state structures with at least one territorial self-governance arrangement have a statistically significant reducing effect on the prevalence of territory-centred intrastate violence.

D: What factors are particularly crucial for subnational governance to mitigate conflict in a sustainable way?

W: There are two important issues here. First, subnational governance as an approach to conflict-mitigation is not a panacea. In other words, not all drivers of conflict are responsive to a ‘treatment’ with some form of subnational governance. So we have to be realistic about what kinds of conflict can be settled with subnational governance reforms. Second, because conflict drivers are often many, subnational governance needs to be combined with other conflict-mitigation techniques. Here we found in the same study that the most effective combination of institutions is a form of subnational governance combined with a national PR electoral system and a non-parliamentary form of government. This is most likely because this combination of institutions best enables the representation of societal diversity in national and subnational institutions, that is, as noted above, it brings government closer to the people and makes politicians more accountable and politics more transparent. This argument, however, presumes at least minimally democratic political institutions with regular, free, and fair elections.

D: What can Ethiopia learn from these and other federal systems?

W: Two types of lessons can be learned from broader comparisons. The first relates to the key institutions that work best in the mitigation of actual (or potential) conflict. The one lesson that I have already mentioned is that, all else being equal, some form of territorial self-governance combined with a national PR electoral system and a non-parliamentary form of government has the greatest likelihood in reducing the risk of violent conflict. In turn, the worst combination of institutions is one with no territorial self-governance arrangement but with a proportional electoral system for the national legislature and a parliamentary form of government. The contrast between these two combinations is stark: in the former case, we find a likelihood of violent conflict of 2.5%, in the latter case, the risk is more than five times as great with 13.3%.

The other lesson to be learned is more about the process of how a new system of institutions should be negotiated. Here, findings from a recent Worl Bank study "Subnational Governance and Conflict" (find link below) indicate that the issue is about the inclusiveness of negotiations. This means that all relevant stakeholders are included in the settlement process and have a voice and vote in deciding when it comes to defining future institutional arrangements that create and sustain resilient institutions and are responsive to citizens’ needs. This minimises the risk of future spoilers derailing a peace process, especially if international partners commit to the long-term support of the governance structures that emerge from these inclusive negotiations.

Neudorf, Natascha; Theuerkauf, Ulrike; Wolff, Stefan: "Territorial self-governance and proportional representation: reducing the risk of territory-centred intrastate violence"

Wolff, Stefan; Ross, Simona; Wee, Asbjorn "Subnational Governance and Conflict : The Merits of Subnational Governance as a Catalyst for Peace"

"Europa muss seine Bonität einsetzen für ein sehr wertvolles und großes Ziel"

Martin Schoeller ist Familienunternehmer ("Schoeller Group") und Honorarkonsule der Republik Togo. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch „Afrika First! Die Agenda für unsere gemeinsame Zukunft“, das er zusammen mit dem Wirtschaftsjournalisten Daniel Schönwitz verfasst hat. Am 20. März sind beide zu Gast im Panel "Entrepreneurship: Neue Wege der EZ?" bei unserem Online-Äthiopien-Forum. Unsere Pressereferent Alexander Bestle hat deshalb mit Martin Schöller gesprochen.

DÄV: Ganz platt gefragt: Wie könnte Unternehmertum Afrika „retten“?

Schöller: Afrika braucht Infrastruktur, 70 % der Menschen haben keinen Strom, Wasser und keine richtige Straße. Wir können das in Partnerschaft bauen, dabei die Soziale Marktwirtschaft einführen und die Voraussetzung für Wohlstand schaffen. Das ist nicht nur sinnvoll, es ist auch ein riesiges Geschäft für beide Seiten. Es braucht kein Geld vom Steuerzahler, aber Europa muss seine Bonität einsetzen für ein sehr wertvolles und großes Ziel.

Was muss an die Seite von Unternehmertum treten, dass in Afrika so viele Menschen wie möglich profitieren?

Die Europäische Union und das Unternehmertum müssen hier koordiniert vorgehen, der Wille ist da und für den Weg gibt es z.B. unser Buch. Afrika braucht die Soziale Marktwirtschaft, die uns in Europa Frieden, Freiheit und breiten Wohlstand beschert hat. Wichtig sind insbesondere faire Löhne und soziale Netze. Nur durch die soziale Marktwirtschaft gibt es auch Konsumenten mit Kaufkraft. 1 € am Tag ist das Problem, das Afrika arm hält, aber dieses Problem können wir lösen.

Momentan dominieren noch die Chinesen, sie sind aber vor allem an den Rohstoffen interessiert. Wir brauchen diese Rohstoffe auch für eine grüne Zukunft.

Wie können in Afrika mehr Unternehmen entstehen, die Arbeitsplätze schaffen?

Ich bin überzeugt, dass Verkehrs-, Strom-, Digital- und Wassernetze die Plattform sind, auf der unternehmerisches Engagement gedeiht. Hier müssen wir ansetzen: In „Afrika First!“ plädieren wir für eine europäische Initiative zum Infrastruktur-Aufbau – die „Gewürzroute 4.0“. Das Unternehmertum folgt, wenn die Infrastruktur da ist. Es braucht außerdem Risikofinanzierung und solidarischer Risikoschutz.

Europa muss Unternehmern helfen, wenn afrikanische Regierungen Verträge nicht einhalten wollen oder plötzlich enteignen wollen. Das ist eine der größten Ängste, die Unternehmertum noch bremsen.

Müssen Gelder der Entwicklungszusammenarbeit umverteilt werden - zugunsten von Venturecapital für Start-ups hier und dort?

Zunächst sollte die Infrastruktur-Finanzierung ins Zentrum der Entwicklungszusammenarbeit rücken.

Mit Zinszuschüssen könnten wir einen 100-fachen Hebel erreichen, da die Zinsen in Europa unter 1 % liegen. Wir müssen allerdings bereit sein zu langfristigen Finanzierungen auf Basis der europäischen Bonität.  Darüber hinaus gilt es, mit klugen Konzepten mehr privates Kapital für Startups und Mittelständler zu mobilisieren. Das kann gelingen durch Transparenz und Vernetzung. Da sind wir dran und starten eine „Afrika-First-Plattform“ für Impact Investing, die Unternehmer und Investoren zusammenbringt. Der Zeitpunkt ist angesichts niedriger Zinsen und teurer Aktien in den Industrieländern günstiger denn je.    

Wie ist mehr Wohlstand für Afrika mit klimapolitischen und ökologischen Zielen vereinbar?

Heute verfügen wir mit Solarstrom, Batterien und Elektroautos über die Technologie, um eine vollkommen CO2-freie Welt zu bauen und dennoch den Wohlstand zu steigern. Afrika hat ein Vielfaches an Sonne und auch Platz für Speicher und auch für Wasserspeicher. Wir können es uns also leisten, die Armut zu bekämpfen, ohne ökologische Ängste zu haben.

Martin Schöller in einem YouTube-Video über sein Buch

Die langen Wurzeln des äthiopischen Bürgerkriegs

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit­­­­­

Ausgangspunkt des äthiopischen Bürgerkriegs war letztlich der Übergang der Macht an den Oromo Abyi Ahmed im Jahr 2018. Für die Tigre war das kein Regierungswechsel, sondern der Verlust einer für naturgegeben gehaltenen Macht. Es gab Spannungen. Abiy Ahmed entließ hohe Tigre-Funktionäre des Militärs und der Sicherheitskräfte. Schließlich erklärte Tigray im September 2020 die Zentralregierung für illegitim, da ihre Amtsperiode abgelaufen sei. Das stimmte. Abiy Ahmed hatte die ursprünglich für Mai 2020 angesetzten Wahlen verschoben. Aus Coronagründen, wie er sagte. Aber die Verschiebung kam ihm auch politisch gelegen.

Tigray wählte eine neue Regionalregierung. Abiy Ahmed seinerseits erklärte nun diese Regierung für illegitim. Das kam nicht gut an. Truppen der TPLF griffen einen Posten der Äthiopischen Armee in Tigray an. Die TPLF bestreitet das. Neutrale Beobachter gibt es in der Region nicht. Dafür jede Menge Gerüchte. Jedenfalls nahm Äthiopien das zum Anlass von Kriegshandlungen in Tigray, einschließlich ein Luftangriffen auf Stellungen der TPLF. Am Ende nahm die äthiopische Armee das kampflos geräumte Mekelle ein.

Der Krieg sei zu Ende, erklärte damals Äthiopiens Staatschef Abiy Ahmed. Er sei keineswegs zu Ende, antwortete Tigray-Chef Debretsion Gebremikael telefonisch aus dem Untergrund. „An jeder Front“ gingen die Gefechte weiter. Das ist leider die richtige Version. Der Krieg ist voll im Gange. Die Armee hat weitere Städte besetzt. Die TPLF (Tigray People´s Liberation Front) ist im Untergrund und in der Lage, einen langen Guerillakrieg zu führen.

Die TPLF ist zugleich Regierungspartei des angeblich eroberten Bundeslandes Tigray und Guerillabewegung. Sie kann eine große Zahl von Kämpferinnen und Kämpfern aktivieren, nach Angaben der International Crisis Group 250.000. Im Sudan soll es bereits Trainingslager geben.

Die TPLF hat nach der Revolution von 1974 in einem 16-jährigen Guerillafeldzug 1991 die Macht in Äthiopien erobert und bis 2018 behalten. Heute ist sie über bewaffnete Dorfmilizen in ganz Tigray präsent. So ein Land erobert man nicht mit der Einnahme der Hauptstadt in einem Blitzkrieg. Man denkt an die afghanischen Taliban, die seinerzeit Kabul kampflos geräumt haben, womit der Krieg nicht zu Ende war, sondern erst begann.

Eritrea ist vom Norden her einmarschiert und hat die Städte Adua, Aksum und Schire besetzt. Wie aus Berichten von Flüchtlingen und Telefonaten mit Asmara hervorgeht, plündern die eritreischen Soldaten, und auf den Straßen  von Asmara werden bereits Beutestücke aus dem Feldzug verkauft – bis hin zu Haustüren.

Das Eingreifenn der Eritreer wirft auch ein neues Licht auf den Friedensbringer Abiy Ahmed und seinen Nobelpreis. Man darf annehmen, dass er den Krieg voraussah und nördlich von Tigray keinen Feind haben wollte, sondern einen Verbündeten. Der Krieg lag in der Luft. In Addis Abeba sprach man seit längerem vom bevorstehenden Bürgerkrieg – mit der Furcht, dass er komme und der Hoffnung, dass er nicht kommt.

Der Boden des Brunnens

Hat man sich mit der Geschichte Äthiopiens befasst, fällt einem Thomas Manns Bild vom tiefen Brunnen der Vergangenheit aus den Josefsbrüdern ein. Der Boden des Brunnens liegt in der Zeit um Christi Geburt in Aksum im heutigen Tigray. Damals entstand das aksumitische Reich, von dem heute noch die Stelen von Aksum zeugen. Es war eines der bedeutenden Reiche der Antike, das im vierten Jahrhundert begann christlich zu werden. Unter dem Druck der Expansion des Islam minderte sich die Macht des Reiches bis Aksum Mitte des 10. Jahrhunderts durch die Invasion der aus dem Süden kommenden Königin Gudit zerstört wurde. Aksum war kein Ort der Macht mehr, wurde aber wieder Zentrum von Religion und alter Kultur - und blieb es bis heute.

Auf einer dreisprachigen Inschrift in Aksum aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts findet sich zum ersten Mal der Name „Äthiopier“ in dem Gebiet, das sich heute Äthiopien nennt. In der griechischen Fassung wird der König Ezana „basileus toon aithiopoon“, König der Äthiopier, genannt. Das bezieht sich wahrscheinlich darauf, dass Ezana Meroe, die Hauptstadt des Nubischen Reiches im Nordsudan, erobert hatte. Das Land wurde damals in der Welt des Mittelmeers Äthiopien genannt. Das griechische aithiops bedeutet wörtlich „Mensch mit verbranntem Gesicht“ und bezeichnet den Dunkelhäutigen.

Herodot (Historie VII, 70) spricht bei der Beschreibung des persischen Heeres von „wollhaarigen“ und „glatthaarigen“ Äthiopiern und meint damit Kontingente aus Afrika und Indien.

Die heutigen Tigre leben im Gebiet des alten aksumitischen Reiches, und ihre Sprache Tigrinya ist eine Weiterentwicklung des damals gesprochenen Ge’ez. beeindruckende Zeugnisse der großen Vergangenheit sind die Stelen von Aksum, in der Neuzeit ergänzt durch eine Vielzahl eindrucksvoller archäologisch erschlossener Stätten. In Aksum wird die angebliche Bundeslade des Alten Testaments aufbewahrt. Es gibt zwei große Marienkirchen, eine aus dem 17., eine aus dem 20. Jahrhundert. Aksum gilt als heilige Stadt und war zeitweise Krönungsstadt der äthiopischen Kaiser. Anders als das sehr junge Addis Abeba atmet Aksum den Geist alter lebendiger Geschichte.

In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstand mit der Zagwe Dynastie in Lalibela ein neues Machtzentrum. 1270 ging die äthiopische Herrscherwürde nicht ohne Konflikte von Lalibela an den Yekuno Amlak, aus dem semitischen und christlich-orthodoxen Volk der Amharen, den Begründer der sogenannten salomonischen Dynastie. Er erhob den Anspruch, von Salomo und der Königin von Saba abzustammen, von deren Besuch in Jerusalem um 1000 v. Chr. das Alte Testament im 10. Kapitel des 1. Buchs der Könige erzählt. Von da an mussten alle Kaiser bis hin zu Haile Selassie von der gemeinsamen Nacht in Jerusalem abstammen.

Ein Kaiser aus Tigray

600 Jahre später bestieg endlich wieder ein Tigre den Kaiserthron: Kasa Marca aus Tigray wurde 1881 unter dem Namen Yohannes IV. Negus Negest, König der Könige, Kaiser. Er gewann Ruhm durch zwei siegreiche Schlachten gegen eine ägyptische Invasionsarmee, fand aber im Jahre 1889 bei Metemma an der Grenze zum Sudan den Tod gegen die Truppen des 1885 im Sudan gegründeten islamisch-fundamentalistischen Mahdi-Staates. Nachfolger wurde nicht sein Sohn und Erbe Mengesha. Die Macht usurpierte der König von Shoa und Gründer von Addis Abeba, Sahle Mariam, als Kaiser Menelik II, genannt nach dem sagenhaften Sohn von Salomo und der Königin von Saba. Er konnte zur Kaiserwürde greifen, weil er die größere Hausmacht besaß, unter anderem durch ein Bündnis mit Italien und die von dort gelieferten Waffen. Menelik vergrößerte durch koloniale Eroberungen Äthiopien auf annähernd das Doppelte. Die Macht blieb bei den Amharen und in Addis Abeba bis zum Sturz Haile Selassies 1974.

In dieser Zeit war das Verhältnis von Tigray zum Kaiserreich nicht immer gut. Wahrend der italienischen Invasion von 1935 stellten sich Teile von Tigray auf die Seite Italiens in der Hoffnung so eine bessere Position im Kolonialreich zu erreichen. Als Haile Selassie nach seiner Rückkehr aus dem Exil die zentralistischen Zügel anzog, kam es 1943 in Tigray zu dem woyene-Aufstand, der durch britische Bomben auf Mekelle, die Hauptstadt von Tigray, beendet wurde. Auch das trug zur Marginalisierung von Tigray bei.

Sieg in Addis Abeba

Starker Mann nach der Revolution von 1974 wurde Mengistu Haile Mariam, etwas unklarer Herkunft, aber jedenfalls kein Tigre. Es gab Tigre, die an der Macht teilhatten. Es gab andere, die gründeten 1975 die Aufstandsbewegung TPLF. Die war marxistisch eingestellt, ebenso wie das Regime, gegen das sie antrat. Sie kämpfte, wuchs und kämpfte bis sie im Mai 1991 gemeinsam mit der eritreischen EPLF mit einer riesigen Eselkarawane kampflos in Addis Abeba einzog, nachdem Mengistu Haile Mariam von einer Dienstreise abgewichen und ins Exil nach Zimbabwe geflohen war. Eritrea wurde unabhängig; die Tigre mit Meles Zenawi als Ministerpräsident übernahmen die Macht. Sie gründeten eine Bundesrepublik mit Anlehnung an die deutsche Verfassung. Die Tigre, die weit weniger als ein Zehntel der äthiopischen Bevölkerung stellen, übernahmen die zentralen Schlüssel der Macht. Die wichtigsten anderen Völker wurden in Form eines Systems von Blockparteien eingebunden. Zu den Siegern gehörte auch die Oromo Liberation Front (O.L.F.). Sie war kurz an der Regierung beteiligt, stieg dann aber 1992 aus und ging in den Untergrund. Dort kämpft sie bis heute für einen eigenen Staat der Oromo.

Meles heißt „er hat zurückgegeben“. Der Name wurde von manchen in dem Sinne gedeutet, dass nun Gott den Tigre die Macht zurückgegeben habe. Das ging gut bis 2012, als Meles Zenawi starb. Die Macht der Tigre fing an zu erodieren, und 2018 wurde Abiy Ahmed aus dem lange benachteiligten größten Volk Äthiopiens, den Oromo, Ministerpräsident. Wieder waren die Tigre out.

Der Faktor Rassismus

In dem Brunnen der Vergangenheit liegt ein zweiter Stein: der alte Rassismus der semitischen Völker den Afrikanern gegenüber. Ein Gefälle von semitischen zu afrikanischen Sprachen, von hellerer zu dunklerer Haut. Eine Tigre-Freundin redete über die Oromo ungefähr wie weiße Südafrikaner über schwarze Südafrikaner reden. So wie am Nil die Ägypter auf die Nordsudanesen herabschauen und die Nordsudanesen auf die Südsudanesen so blicken die Tigre auf die Amharen herab und die Amharen auf die Oromo und erst recht auf die kleinen Völker weiter im Süden. Wie meist beim Rassismus ist das schwer zu fassen und auch nicht immer und überall so. Es gibt auch Mischehen unter den Volksgruppen. Aber auch die Distanz liegt in der Luft. Die Tigre schätzen die Einheit Äthiopiens solange sie oben sind. Sie geben ihrem Unbehagen deutlich Ausdruck,  wenn sie – 6 Prozent der 110 Millionen Äthiopier - von den Völkern des Südens regiert werden sollen.

Die Tigre haben 16 Jahre lang um die Macht gekämpft, und sie riskieren weitere Jahre des Krieges, wenn sie ihre mühsam errungene Oberherrschaft wieder herstellen wollen.

Eine Alternative für Äthiopien wäre es, Tigray einfach frei zu geben und aus dem äthiopischen Bundesstaat auszuschließen. Dagegen spricht, dass es im übrigen Äthiopien, vor allem unter den Ende des 19. Jahrhunderts erst als Kolonien eroberten Völkern Konflikte und potentielle Abspaltungstendenzen gibt. Hier denkt man dann nicht an Afghanistan, sondern an den Zerfall Jugoslawiens.

Kolonisator und Kolonie zugleich

Das alles ist Teil eines größeren äthiopischen Problems, welches wenig im Blickfeld steht. Äthiopien ist zugleich Kolonialmacht und Kolonie. Am Ende des 19. Jahrhunderts, als die europäischen Kolonialmächte Afrika besetzten, eroberte der Norden des heutigen Äthiopien den Süden des Landes. Die semitisch-christlichen Völker des Nordens kolonisierten die vornehmlich kuschitischen Völker des Südens, die überwiegend Muslime oder Anhänger der alten Religionen waren. Als selbstbewusste afrikanische Macht nahm Äthiopien im Anfang des 20. Jahrhunderts diplomatische Beziehungen zu London, Paris, Rom und Berlin auf und eröffnete 1905 für Diplomaten und andere auswärtige Gäste das noch heute reizvolle Itegue (Kaiserin) Taitu-Hotel in Addis Abeba.

Das größte der kolonisierten Völker sind und waren die Oromo, die rund 35 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Führung lag immer beim Norden – bis 2018 als der Oromo Abiy Ahmed an die Spitze trat. Das war zunächst Anlass für den derzeitigen Krieg. Es birgt aber hohes Potential für weitere Konflikte. Die Erfahrung zeigt, dass angrenzende Kolonien sich später ablösen als überseeische. Ein plastisches Beispiel ist die Auflösung der Sowjetunion und der Abfall von Kolonien wie Kasachstan, Azerbetschan, Armenien, Georgien oder Tadschikistan.

Helmut Falkenstörfer, DÄV-Mitglied, Theologe und Journalist. Von 1974 bis 1977 hat er in Äthiopien gelebt und gearbeitet. Zuletzt war er im vergangenen Februar in dem Land.

 

Legal Pluralism in Ethiopia: Actors, Challenges and Solutions

Die kulturelle und ethnische Vielfalt Äthiopiens ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung für das Land. Neben dem staatlichen Recht koexistieren bis heute traditionelles und religiöses Recht mit ihren eigenen Normen, Institutionen, und Praktiken, welche nicht nur für die Landbevölkerung, sondern auch im urbanen Kontext eine große Rolle spielen. Da während früherer Regimes offiziell nur das staatliche Recht erlaubt war, wurden traditionelles und religiöses Recht nur inoffiziell angewandt. Seit 1995 erlaubt die neue Verfassung jedoch offiziell, Fälle des öffentlichen und zivilen Rechts lokal zu lösen, vorausgesetzt, alle beteiligten Parteien sind damit einverstanden. Lokales Recht und kulturelle Vielfalt haben hiermit eine große Aufwertung erfahren.

Der im Juli 2020 erschienene Sammelband untersucht diese Koexistenz von staatlichen, traditionellen und religiösen – vor allem islamischen - Rechtsforen aus der Perspektive von Rechtspraktikern und Rechtsuchenden. Die Fallbeispiele zeigen, dass beide Seiten Strategien entwickeln, um ihre Interessen zu verfolgen. Während sich Regierungsangestellte in Verwaltung und Gerichten für die Implementierung des nationalen Rechts einsetzen und gleichzeitig versuchen müssen, das Vertrauen der lokalen Bevölkerung nicht zu verlieren, so kämpfen Rechtssuchende für die Durchsetzung ihrer persönlicher Interessen, aber auch den Erhalt ihrer kulturellen Werte und Identität, die in vielen Fällen denen, die dem staatlichen Recht zugrunde liegen, widersprechen.

Diese Gegensätze führen teilweise zu ungewollter Konfusion und Konflikten, aber auch zu nachhaltiger und lokal akzeptierter Konfliktlösung, innovativen neuen Abläufen und auch zu neuen, hybriden Normen und Rechtinstitutionen. Ohne die existierenden Probleme zu verleugnen, legt das Buch einen besonderen Schwerpunkt auf die Potentiale des Rechtspluralismus und betont die Kontexte und Konditionen, die eine kooperative und produktive Koexistenz verschiedener Rechtssysteme stimulieren.

Der Sammelband ist das Ergebnis eines dreijährigen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projektes, welches von 2016–2019 am Frankfurter Frobenius Institut angesiedelt war. Das Projekt „Negotiating Law in the Peripheries of Southern Ethiopia“ untersuchte die täglichen Herausforderungen, mit denen sich Rechtspraktiker und Rechtssuchende im heutigen Äthiopien konfrontiert sehen, und wie sie mit der Vielzahl an existierenden Rechtsforen und -formen umgehen. Der Band wurde von Susanne Epple, Ethnologin am Frobenius Institut, und Getachew Assefa, Jurist an der School of Law der Addis Ababa University, herausgegeben. Neben der Einleitung und drei eher theoretischen und konzeptionellen Beiträgen enthält er zwölf Fallbeispiele namhafter äthiopischer und deutscher Wissenschaftler aus verschiedenen Regionen Äthiopiens.

Kommentar W. Smidt: "Einen 'deep state' gibt es nicht"

Leider wird die äthiopische Situation von vielen ausländischen Kommentatoren aus ganz irreführenden Blickwinkeln beurteilt. Sie geraten in zahlreiche Denkfallen, z.B. glauben sie die "afrikanische Stammesvielfalt" (modern: Ethnizität) sei das Problem. Das ist ein dramatisch fehlleitendes Missverständnis der Verhältnisse, denn gerade da liegt nicht das Problem, sondern eben ganz umgekehrt in der mangelnden Kompetenz vieler Staatsinstitutionen, im mangelnden Rechtsbewusstsein/-kenntnissen der Beamten, mangelnder Sicherheit, im Gegensatz zu stabileren lokalen Einheiten (gerade nicht immer Ethnien), auf die man sich bei Unsicherheit und Unzuverlässigkeit des Staates immer zurückzieht. Dass man diese gegen einen als einen zumindest mit Skepsis oder gar tiefem Misstrauen betrachteten Staat verteidigen will (mit dem es in der Mehrzahl der Regionen seit mindestens 140 Jahren keine guten Erfahrungen gibt), ist immer angelegt. In den Krisensituationen der letzten Jahre hat dies "Politunternehmer", die auch Gewalt künstlich erzeugen, erstarken lassen, die die dadurch mögliche Dynamik anheizen, zum Teil durch geschickte höchst moderne Informationsmanipulationen in den Social Media (wie besonders in Oromiyaa).

Das Symptom wird also mit Ursachen verwechselt, und das führt bei europäischen Kommentatoren und Politikern dann dazu, dass gerade die falschen Beschlüsse besonders gestützt werden - z.B. die Tendenz zu mehr Zentralisierung auch unter Missachtung rechtlicher Prozeduren und komplex austarierter Machtbalancen durch Dr. Abiys Regierung, da er ja "Einheit" möchte, was richtig und lobenswert klingt; eine Einheit ohne Minimalrechtsstaat ist aber eine Einheit von Machtmissbrauchern, nicht des Landes, und das weiß jede Region in Äthiopien, die von der vergangenen "Einheit" des Staates nicht profitiert hat.

Dazu kommt die doch vor allem an Paranoia appellierende Erklärung, "alte Eliten" würden versteckt den Reformprozess unterwandern, was der Behauptung von Erdogan und Trump entspricht, die von einem "deep state" faseln. Den gibt es aber nicht. Damit lenkt man von den eigentlichen Ursachen des Chaos ab, wie z.B. Schwäche der Institutionen in Verbindung mit zu schneller politischer Öffnung gegenüber praktisch allen politischen Kräften, auch militanten und radikalen, von lokalen Ethnofaschisten bis zu höchst gewaltbereiten Einheitsideologen - da braucht man keine alten Eliten, um den Reformprozess zu zerstören. Diese politischen Kräfte haben ihre Chance schnell genutzt, neben den ohnehin in ihrer großen Überzahl weiterhin amtierenden Administratoren des alten Staates, die ihre Pfründe weiterhin besitzen, ihre Posten nach wie vor haben, die Teil eben des Systems waren und nach wie vor sind, und nur die ideologische Färbung nach außen hin angepasst haben.

Symptomatisch dafür ist dieser neue Artikel, der in manchen zentralen Punkten wichtiges verkennt, andere Vorgänge aber informativ beschreibt: Konfliktporträt Äthiopien der Bundeszentrale für politische Bildung

Ein Zitat, das an in Äthiopien verbreitete Überzeugungen (besonders unter orthodoxen Christen) appelliert, dass es verborgene zentrale Mächte gäbe, die einen Großteil der Vorgänge in der Hand haben: "Angesichts seines mutigen Reformkurses fürchten die alten Eliten um ihre Pfründe und lassen ethno-nationalistische Konflikte im Vielvölkerstaat eskalieren." Ein weiteres Beispiel für eine leider ganz und gar ahnungslose, aber den üblichen Mustern entsprechende Geschichtserklärung: "Das fast 1.000 Jahre strikt zentralistisch regierte äthiopische Kaiserreich...", das ganz im Gegenteil bis in die 1940er Jahre (bis zur Restauration des zurückgekehrten Haile Selassie) überaus dezentral in zahlreiche soziopolitisch überaus verschieden konstituierten Provinzen strukturiert war, wie autonome Feudalgebiete und Republiken mit eigenen Rechtstraditionen. Wer das nicht weiß, versteht auch die Rebellionen des 20. Jahrhunderts nicht, die sich gegen Okkupation durch einen entgrenzten, militaristischen Ausbeuterstaat wehrten - es sei denn, er schiebt das auf "Ethnizität" und macht damit das Verständnis ganz unmöglich.

„Äthiopien spricht nicht mehr mit den Äthiopiern“

Noch ist Äthiopien nicht Geschichte – Äthiopien ist aber nichts ohne Geschichte. Einer der intimsten Kenner Äthiopiens ist Dr. phil. Wolbert G.C. Smidt, der seit 1993 fast ununterbrochen in Äthiopien lebt und unter anderem an der Universität Mekelle lehrt. Im März musste er wegen Corona nahezu fluchtartig seine Wahlheimat verlassen. DÄV-Pressereferent Alexander Bestle sprach ausführlich mit dem DÄV-Mitglied über seine überstürzte Abreise, seine aktuellen Forschungsschwerpunkte und vor allem über Geschichte und Geschichten, Äthiopien und der Rest der Welt – kurz: über das große Narrativ Äthiopien. Wir haben das Gespräch Anfang September vor Smidts Rückreise nach Äthiopien geführt - aufgrund der Corona-Bestimmungen ist er inzwischen jedoch schon wieder zurück in Deutschland.

DÄV: Im März mussten Sie wegen Corona Äthiopien Hals über Kopf verlassen – warum denn das? Wie abenteuerlich war die Ausreise?

Smidt: Ich war gerade im Rahmen der Zusammenarbeit zwischen der Friedrich-Schiller-Universität Jena und dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) bei der Ausgrabung in Yeha, wo ich als Teammitglied rund um die antiken Stätten nach Traditionen und Überlieferungen forsche. Da kam dann am Donnerstag, den 12. März, die Nachricht vom DAI, die Ausgrabung müsse wegen der rapide weltweit steigenden Corona-Infektionen aus Sicherheitsgründen schnellstmöglich abgebrochen werden. Aus Jena gab es noch keinen Beschluss, aber die Ankündigung, dass es wohl sehr bald auch einen Rückruf für mich gebe. Am Freitag und Samstag waren wir dann alle nochmal ein letztes Mal auf der Ausgrabung - es war eine ungewöhnliche Situation, denn die ganze Gegend war in eine diesige gelbbraune Wolke eingehüllt. Die lokale Bauern fragten, ob es ein Zeichen Gottes sei oder womöglich eine Corona-Wolke, die aus Europa kam. Es war aber über weite Distanzen hinweg angewehter Saharastaub, ein sehr seltenes, aber ganz natürliches Phänomen - aber trug zu einer eigenartigen Stimmung bei. Ein Ältester während besorgter Diskussionen an der Kirchenmauer, er erinnere sich, dass es schon einmal vor ungefähr fünfzig oder sechzig Jahren eine solche Wolke gegeben habe und beruhigte so die Jüngeren. Wir husteten praktisch alle und fragten uns: Ist das Corona oder der Staub? In dieser unwirklichen Stimmung schlossen wir alles zügig ab. Ich selbst hoffte noch auf mehrere Tage Aufschub - ich hatte eine Forschungsverlängerung beantragt, denn ich steckte mitten in einer besonders produktiven Phase der Forschungen. Schon am Tag danach reisten die Kollegen auf verschiedenen Wegen ab - Flugzeuge gingen wegen der Saharawolke nicht mehr. Aber irgendwie suchte jeder einen Weg, über gemietete Autos nach Addis Abeba oder nach Mekelle, in der Hoffnung, dass dort die Flieger gingen. Aber die Wolke erreichte kurz darauf auch Mekelle, und es ging auch dort nichts mehr. Ich selbst hoffte noch und blieb noch vorerst in Adwa... wenn auch ohne große Erwartungen. Dann wurde klar, dass in der kommenden Woche eine Fluglinie nach der anderen ihre Flüge einstellen werde. Ich war dann am Sonntag noch bei Ältesten zur Aufnahme von Überlieferungen, hatte aber schon ein wartendes Auto - und kam nach Mitternacht dann in Mekelle an. Inzwischen war klar: Es gibt keine Verlängerungsmöglichkeit, ich muss sofort abreisen. Mein Lufthansaticket war nicht benutzbar, denn alle Lufthansaflüge waren voll und zwei Tage später sollten die Lufthansaflüge eingestellt werden. Im Büro von Ethiopian Airlines in Mekelle gab es auch keine Flüge nach Frankfurt mehr. Allerdings nach Addis Abeba - denn die Wolke hatte sich inzwischen verzogen. Da suchte ich gutes Internet in einem Hotel, hatte Glück und fand bei einem Onlineanbieter noch einen der letzten Plätze im Flieger am selben Abend und kaufte einfach ein neues Ticket. Dann ging alles rasant, ich erteilte eine notarielle Vollmacht an meinen Assistenten (eine so schnelle bürokratische Erledigung erlebte ich selten), packte und flog nach Addis Abeba. Das war also eigentlich gar nicht abenteuerlich... Ich konnte sogar gerade noch meine wichtigste Forschung auf dem Dorf abschließen. Aber als ich dann in Bole auf den Flieger wartete, kamen nach und nach fast alle Kollegen auch an, die viel kompliziertere Anreisen gehabt hatten - sie waren wegen der Anordnung aus Berlin früher abgereist, als gerade die Staubwolke über allem schwebte, während ich erst abreiste, als der reguläre Verkehr gerade wieder aufgenommen worden war. Das war allerdings zeitlich gerade noch richtig. In der Straße wurde einem schon von überall "Corona!" zugerufen, und der Flugverkehr wurde kurz darauf massiv eingeschränkt.

Welche Arbeit ist dadurch liegen geblieben?

Ich war gerade mitten in der Aufnahme eines offenbar teilweise in die Antike zurückreichenden Sagenzyklus mit sehr alten Erzählelementen. Ein fast erblindeter Dorfältester, dessen Familie schon seit Generationen innerhalb der Ruinenstädte eines alten Palastbezirkes lebte, und dessen damals noch lebende sehr alte Mutter ich schon vor zehn Jahren gekannt hatte, hatte plötzlich angefangen, eine lange Reihe zusammenhängender Überlieferungen zu erzählen. Es war ein fertiger Text in seinem Kopf. In früheren Jahren hatte er immer nur einzelne Elemente aus Überlieferungen erzählt, ebenso wie seine Mutter, nun aber schien er bereit, sein Wissen zusammenhängend zu präsentieren. Er hatte meine Arbeit eine Weile beobachtet und wollte, dass sein Wissen erhalten blieb. Er diktierte mir Geschichten, die an mir aus anderen Quellen bereits bekannte vorchristliche Überlieferungen über Schlangenfamilien und eine Verbindung alter Herrscher mit einem Schlangenkult anknüpfen, die Überlieferungen kuschitischsprachiger Völker ähneln, aber auch Elemente semitischer Tradition und aus antik griechischen Sagen. Es kommt sogar Pegasus vor. Es ist ein Beispiel einer sehr alten Erzähltradition, in der sich die verschiedenen antiken Kultureinflüsse des alten Äthiopien verbinden. Ich hatte auf eine Auswertungsphase in Tigray gehofft - und außerdem hatte ich kurz vor Abflug von Ruinen an einem alten Königsweg erfahren, den ich mir bisher nur hypothetisch überlegt hatte. Dieser Königsweg passt perfekt in Überlegungen, mit denen wir versuchen, alte Routen zu rekonstruieren, entlang derer die Tempelsteine von Yeha vor über 2800 Jahren transportiert wurden. Aber ob es wirklich passt? Das kann man immer erst vor Ort feststellen. Die erhoffte Fahrt zu dieser alten Route findet nun irgendwann später statt. Es trat also ganz plötzlich eine Pause ein, ich saß in Deutschland, das ich nun wieder allmählich kennenlernen muss... und ich begann, Archivalien und alte Texte zu verzeichnen. Das lohnt sich auch. Außerdem führe ich meine jahrelange Zusammenarbeit mit dem Doktorandenprogramm Geschichte der Mekelle University fort - ich traf nun meine Doktoranden nur noch online. Die Mekelle University hat mich 2019 zum Professor ernannt, als adjunct member, nachdem ich vorher adjunct Associate Professor war.

Für das Sommersemester war ohnehin ein Aufenthalt in München geplant – wie hat sich ihr Lehrauftrag durch Corona verändert?

Ja, und danach war die baldige Rückkehr nach Äthiopien geplant, um meine Feldforschung als Post-Doc der Universität Jena fortzuführen. Außerdem wollte ich meine Doktoranden in Mekelle weiterbetreuen, deren Forschungen seit Jahren immer interessanter werden. Stattdessen war nun alles anders. In München sollte ich zwei Vorträge in zwei Seminaren halten, zur Geschichte der Rassentheorie im 18. Jahrhundert, und zu modernen Entwicklungen in Äthiopien, und war Mitveranstalter eines Workshops zum Verständnis von Migrationen, am Beispiel des Horns von Afrika. Das war 2019 noch unter ganz anderen Bedingungen geplant worden und sollte eigentlich ein Aufenthalt mit vielen internationalen Begegnungen werden - daraus wurde ein schöner Aufenthalt fast ohne Begegnungen, denn alle anderen Eingeladenen hatten ihre Reisen wegen Corona abgesagt. Ich kam tatsächlich nach München, nachdem ich erst unsicher war, ob das überhaupt noch geht, hielt meine Vorträge - aber hinter dem Bildschirm, und danach verlängerte ich weiter meinen Deutschlandaufenthalt. Aber ich hatte gute Diskussionen, privat, meist mit Abständen, mit guten Kollegen, und so konnte ich doch wieder erleben, was eigentlich Humanwissenschaften ausmacht: Nämlich Menschen. Das war wieder für meine Forschungsarbeit in Jena sehr nützlich, wo wir über das Muster von Migrationen über längere Zeiträume nachdenken. Menschen nur virtuell hinter Bildschirmen sehen ist vielleicht gut für einen reinen faktischen Ideenaustausch, nicht aber für einen intensiven Gedankenaustausch, Diskussionen und Anregungen, die immer auch nonverbal laufen, körperlich, über Gesten, Bewegungen und nur in der Nähe wahrnehmbaren Emotionen. Erkenntnis über menschliche Kultur ohne Emotion und Nähe gibt es nicht, selbst wenn Fragestellungen recht technischer Art sind, da viele Informationen nur nonverbal geteilt werden.

Im September geht es jetzt wieder zurück nach Äthiopien – welche Aufgaben warten?

Eine längere Feldforschung wie geplant wird es nicht geben - mein Budget der DFG für ethnohistorische Forschungen, im Rahmen des von Professor Dr. Norbert Nebes in Jena und Dr. Iris Gerlach vom DAI geleiteten Yeha-Langzeitprojektes, kann ich gar nicht nutzen. Äthiopien ist noch auf der Liste der Risikogebiete und bleibt vielleicht noch länger drauf. Die meisten Länder haben ihre lokalen Forschungsprojekte auf Pause gesetzt, Konferenzen sind verschoben oder abgesagt. Ich werde also vor allem vor Ort meine Papiere regeln, meine Aufenthaltsgenehmigung, meine Forschungserlaubnisse - und delegieren. Ich möchte so gut es geht wenigstens kurze Gespräche mit Doktoranden führen, die ich seit 2015 betreue, in der Hoffnung, offene Fragen im direkten Austausch zu klären. Das ist am Bildschirm oder Telefon schwer. Und mit etwas Glück kann ich sogar einige kulturhistorische Fragen klären - einige Erzählungen hatten mich verwirrt. Da hilft eine Nachfrage direkt beim Erzähler, und beim Erzählen werden weitere Fragen klar.

Vermutlich geht es gleich nach Mekele (Tigray) – hier stehen Wahlen an. Als einziges Bundesland will Tigray beim ursprünglichen Zeitplan bleiben – die Zentralregierung ist dagegen. Macht es Ihnen Sorge, sich vielleicht bald zwischen Tigray und Äthiopien entschieden zu müssen?

Ich werde erst in Addis Abeba sein, wegen meiner Papiere. In Tigray gibt es zunächst die Herausforderung der eigenen Quarantäneregelung: Ich hoffe, es gibt Wege, diese zu verkürzen. Es genügt nicht, wenn man mit einem Negativtest von außen kommt - in Addis genügt das schon. Darin zeigt sich die alte Tendenz der äthiopischen Hochlandprovinzen zu einer ausgesprochenen lokalen Autonomie, die wir aus der Geschichtsüberlieferung kennen, wie Hamasen (heute das Kerngebiet des unabhängigen Eritrea) und Tigray schon vor dem Kolonialismus, aber auch andere Gebiete wie Gojjam, deren lokale Eigenständigkeit immer sehr ausgeprägt war. Im Lauf des 20. Jahrhundert äußerte sich dies gegenüber einem immer brutaleren Zentralismus ganz automatisch durch verschiedenste Rebellionen. Das geht natürlich so weiter. Keine äthiopische Regierung wird jemals die rhetorisch beschworene Einheit erreichen, solange diese verbunden wird mit einem von schwankenden Graden der Rechtsunsicherheit geprägten Staat, mit dem sich die Menschen nur bedingt identifizieren können. Sie mögen sich als stolze Äthiopier fühlen, aber gleichzeitig unter ihren Beamten leiden und unter einer Politik, die lokale Bedürfnisse und Vorstellungen nur bedingt wahrnimmt. Was in Tigray passiert, könnte man in vielen Seiten kommentieren, aber ganz kurz kann man sagen: Nachdem in Tigray ganz am Anfang die Begeisterung für Dr. Abiy und seine Reformen wie auch für den Eritrea-Friedensschluss wenige Wochen lang enorm war, kippte das alles schnell um. Auch in Tigray hatte man lange auf Reformen gewartet. Politische Hassreden erhielten nun im sich öffnenden Äthiopien ganz schnell einen Raum, auch in den Sozialen Medien, den es so massiv zuvor nicht gab - im Rahmen der Versöhnungspolitik kamen nicht nur moderate Oppositionelle frei, sondern auch Leute, die man als Gewaltunternehmer bezeichnen muss, bekamen unzählige Bühnen und zum Teil sogar wichtige Posten. Die Reform kippte sehr schnell um und gab Raum für neue Arten politischer Verteilungskämpfe und Machtverschiebungen. Äthiopische Regionen, und Tigray ist die intern soziopolitisch am meisten gefestigte dieser Regionen, regieren immer durch verschiedene Stufen des Abfalls und schließlich der Rebellion auf einen Staat, der in das Leben der Menschen einzugreifen droht. Wir sollten nicht vergessen, dass es neben den berechtigten Verhaftungen von Machtmissbrauchern auch zahlreiche Lynchmorde gab, gegen junge Tigrayer, Somalis, Amhara, je nach Region ganz verschieden, was das Vertrauen in die Reform sehr schnell in vielen Regionen untergrub. Der äthiopische Föderalstaat setzte dabei immer mehr auf eine "einigende" zentralstaatliche Rhetorik. Das ist aber immer kontraproduktiv gewesen und führt zu regionalen Abspaltungen. In schwächeren Gebieten wie dem Somali-Regionalstaat konnte sich das noch nicht manifestieren, denn 2019 griff die Zentralregierung direkt militärisch ein und verhaftete die Regionalregierung, und in der Walaytta-Zone wurde die lokale Verwaltungsspitze einfach abgesetzt. Wie berechtigt das sein mag, so war doch das Signal: Jede Region muss nun mit Intervention rechnen und sich maximal stärken gegen einen Zentralstaat, der die Balance zwischen der traditional starken Autonomie der Regionen und Interessen des Gesamtstaates verliert. Das sind dabei auch Kommunikationsprobleme: Ich beobachte, dass in Tigray oder Oromiyaa oder Afar oder in den mit kompetenten Verwaltern besetzten Ämtern in Addis Abeba dieselben Fakten völlig verschieden wahrgenommen werden. Nun, die Wahlen in Tigray sind also, darauf will ich hinaus, nur ein Ausdruck des Problems, ein Symptom, und aus lokaler Sicht sogar ein Beitrag zur Lösung. Erst wenn die Dissidenz voll sichtbar wird, können Lösungen kommen. Und wenn nicht, wird auf maximale Autonomie gesetzt. Das ist ein sehr gefährliches Spiel, wird aber in der Region seit langem, man muss sagen: seit Jahrhunderten, durchexerziert und sollte keinen überraschen. Politische Muster verschwinden nicht einfach und haben ihre Gründe, sie tauchen als Option also immer wieder auf, vor allem in Krisenzeiten. Es sind die alten politischen Methoden auch des Selbstschutzes gegen einen Staat, dem man nicht vertraut. Das allerdings kann eskalieren, und ich gestehe, dass ich mich auch davor fürchte. Aber ein unabhängiges Tigray? Auch wenn gerade in der städtischen Jugend viele davon träumen, dies ist nicht der Traum der Eliten. Aber maximale Autonomie? Aber ja, sicher - man kann sagen, dass derzeit ungeordnet abläuft, was ein Bundesstaat eigentlich ohnehin anbietet, nämlich die Subsidiarität des Rechts, ein weitgehendes Delegieren rechtlicher Abläufe an die Regionen. Es ist die Ironie, dass die EPRDF / TPLF ab 1991 den Föderalstaat aufgebaut hatte, eben dieser Prozess aber doch nie ganz umgesetzt wurde - die politischen Strukturen des modernen Äthiopien waren - ganz gegen das traditionelle Äthiopien - mehr auf Zentralverwaltungen in Addis ausgerichtet. Jetzt aber erlebt Tigray, wie sehr sie eigentlich die rechtliche Autonomie der Bundesländer brauchen, die ihre führende Partei in ihrer Sucht nach politischer Kontrolle vielen Gebieten Äthiopiens nie ganz zugestehen wollte, vor allem nach den missglückten Wahlen von 2005. Was wir sehen, ist also ein ungeordneter Prozess der Autonomisierung, der sowohl im alten Äthiopien als auch im Bundesländer-System ohnehin angelegt ist. Da auch politische und sonstige Kompetenz durch die starken Bildungsinitiativen der letzten Jahrzehnte in vielen Büros vorhanden ist, hoffe ich, dass bei aller Kräftemesserei Formeln gefunden werden, um eine kriegerische Eskalation zu verhindern. Aber es kann noch sehr kritisch werden - bis hin zu Scharmützeln an Tigrays Grenzen, und entlang anderer Grenzen innerhalb Äthiopiens, Einstellung des Verkehrs und des Warenverkehrs nicht nur nach Tigray, auch in ähnlich rebellische Gebiete Äthiopiens, Einschränkung des Budgets von Tigray. Aber ein unabhängiges Tigray? Ich glaube, dass am Ende eine de facto Anerkennung einer verstärkten Autonomie der verschiedenen äthiopischen Regionen stehen wird, aber verbunden mit vielen Jahren Unsicherheit, da die Tendenz besteht, entscheidende Fragen nicht zu lösen.

Für jedes Land auf der Welt ist die als die eigene akzeptierte Geschichte besonders wichtig – als Beobachter hat man den Eindruck, dass in Äthiopien die Geschichte noch viel, viel wichtiger ist. Woran liegt das?

Das lässt sich in wenigen Sätzen gar nicht beantworten, und nach vielen Jahren Forschung bin ich inzwischen der Meinung, dass selbst ein ausführliches Buch diese Sache noch nicht befriedigend beantworten wird. Darum mache ich es hier besonders kurz: Ich verweise nur auf ein paar Schlaglichter. Zunächst, eigentlich das erste, das man sagen muss: Ja, der Bezug auf Geschichte ist vor allem bei äthiopischen Hochländern omnipräsent. Es wird auf die Antike verwiesen, das Reich von Aksum, auf vergangene Größe, auf die sehr reichen äthiopischen Kulturen, mit eigenem Kalender, eigener Schrift, was auch Außenstehende zu Recht fasziniert. Aber Wissen um Geschichte? Das ist etwas anderes. Selbst unter studierten Historikern findet man wenige, die die Originalquellen jemals gesehen haben, oder zumindest die wichtigsten Forschungsaufsätze gelesen haben. Das Geschichtswissen besteht aus einem relativ begrenzten Set von oft über Radio, Fernsehen und modernen Zeitungen vermittelten Geschichtsnarrativen, die zum Teil in relativ neuer Zeit politisch konstruiert worden waren. Es gibt sogar allgemein bekannte Fakten, die jeder Äthiopier kennt, die irgendwann auf eine politische Rede zurückgingen oder auf eine Fehllesung zurückging. Das hat zu einem historischen Selbstbild geführt, das zum Teil die wirklich reiche Geschichte der Region verkennt, falsch einordnet und darum auch zu politischen Träumereien Anlass gibt, die ohne realen Bezug im Land sind. Ein objektives Problem dabei ist, dass es eine ungeheure Vielzahl von historischen Quellen und zahlreichen Sprachen gibt, die selbst ein guter Historiker selten vollständig benutzen kann. Dazu kommt, dass diese über Archive und Bibliotheken in anderen Ländern verstreut sind - ein ordentliches Forschen zu äthiopischen Regionen und zur politischen Geschichte führt einen, wenn einen das 19. Jahrhundert zum Beispiel interessiert, in diplomatische Archive in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Schweiz, Ägypten, Türkei, abgesehen von Äthiopien selbst, um nur die wichtigsten zu nennen. Dazu kommt ein reiches, aber selektives historisches Gedächtnis in Form von oft sehr detaillierten mündlichen Überlieferungen zu politischen Figuren und ihren Familien in den jeweiligen Regionen, die nur auf dem Land, von Ältesten bewahrt werden, von denen ein Großteil kaum in schriftlichen Quellen vorkommt. Aber wer ältere Textquellen findet, findet eben diese politischen Führungsgestalten wieder, zum Teil mit verblüffend genauer Bestätigung der mündlichen Überlieferung. Wenn man sich also das traditionelle Land, die traditionellen Gebiete Äthiopiens ansieht, findet man, dass dort vielfach, zum Teil fragmentarische historische Überlieferung lebendig ist. Das ist im lokalen Recht verankert, das den Zugang zu traditionellen Ämtern und zu Land regelt. Ohne eine genaue Überlieferung ist die Ausübung eigener Rechte nicht möglich. Man kann, gar nicht einmal zugespitzt sagen, dass alle nordostafrikanischen Gesellschaften eine historische Narrative besitzen, aus der sich ihre Gesellschaftsordnung ableitet und wirksam immer wieder neu verhandelt werden kann. Anders ist es mit den großen ganz Äthiopien umfassenden politischen Narrativen, z.B. darüber, welche Gebiete "von alters her" zu Äthiopien gehörten (oder auch, alternativ, "Wir sind keine Äthiopier!"), oder welcher Herrscher Äthiopien vereinigt habe. In solchen Geschichtsreferenzen kann man vor allem die mit politisch geglätteten Narrativen ausgestatteten Schulbücher oder auch die Projektionen der großen Oppositionsbewegungen in der Städten wiederfinden, viel weniger die Geschichte selbst. Wer Menilek II. lobt oder Yohannes IV., oder auch Tewodros II., oder das Gadaa-System, macht damit immer erst einmal ein politisches Statement. Die Referenz auf Geschichte kommt immer mit der Idee einher, man habe damit ein absolut objektives, faktisches Referenzsystem. Den wenigsten ist bewusst, wie viel politische Phantasie dabei eine Rolle spielt und wie wenig Geschichte. Die politische Wichtigkeit dieser historischen Referenzen lässt sich mit dem Blick auf die traditionellen, ländlichen Gesellschaften (im Plural, wie gesagt: Äthiopien besteht aus sehr verschiedenen Regionen!) gut verstehen: Die Geschichtserinnerung ist ein bei den traditionellen Gesellschaften System der Rechtsfestigung, der Referenz, die politische Systeme rechtfertigt und aufrechterhält. Nur funktioniert das im Chaos moderner, urban von verschiedensten politischen Kräften geprägten, widersprechenden Geschichtsnarrativen nicht mehr, in dem viele Gruppen nebeneinander stehen und ganz verschiedenartige politische Modelle im Kopf haben. Die Geschichte der salomonidischen Abstammung der äthiopischen Könige der Könige ist auch Ausfluss eines alten Modells der über Geschichte konstruierten Legitimität. Nur ist das moderne Äthiopien viel größer als das alte, es umfasst viel mehr Gesellschaften, und viel mehr widersprechende Geschichtserinnerungen und -erfindungen. Die eine, einigende Geschichtserinnerung gibt es nicht.

Sie vertreten sogar die These, dass äthiopische Geschichte nicht nur Regionalgeschichte, sondern Weltgeschichte ist. Was führt Sie zu dieser Überzeugung?

Wieder eine Frage, die man mit einem schönen Buch beantworten müsste. Zunächst eine ganz prinzipielle Vorbemerkung: Ganz erstaunlicherweise (und nach meiner Meinung höchst unprofessionell) wird Weltgeschichte weitgehend als Geschichte des Westens erzählt, ausgehend vom sich aus Römischem Reich und chaotischem Mittelalter entwickelnden, schnell aufstrebenden und dann expandierenden Europa, bis hin zu seiner ideologischen, politischen Ausstülpung Amerika. Dass man europäische Geschichte intensiv studiert, ist wichtig. Aber die Verwechslung mit Weltgeschichte ist verblüffend. Das wird oft mit der Kolonialisierung begründet, mit der erst weite Gebiete der Welt in den europäischen Denk- und Machtraum einbezogen worden waren und so erst historischer Dynamik ausgesetzt worden waren. So etwas wird ernsthaft gelehrt. Es gibt die, von den auf der Grundlage einer neu entwickelten, hochmodernen Rassentheorie argumentierenden Geschichtstheoretikern wie Kant und in seiner Nachfolge Hegel ausgehende, Idee, eine nennenswerte Geschichte in anderen Weltregionen habe es nicht gegeben. Die Herren (ja, meistens sind es Herren) kennen die Quellen nicht. In den jeweiligen Regionalwissenschaften gibt es zum Teil seit Generationen ausgearbeitete Quellenwerke, meist auf Philologen, und in anderen Regionen auf Ethnologen zurückgehend. Riesige Kompendien von Quellen in den verschiedensten Sprachen liegen vor, mit Schriftquellen, seit dem 19. Jahrhundert intensiv in zahlreichen Sprachen gesammelten mündlichen Überlieferungen, Inschriften. All dies verblieb weitgehend in den Kammern der Spezialwissenschaften, von der Tibetologie bis hin zur Äthiopistik, ganz zu schweigen von regionenübergreifenden Forschungen wie die zum Indischen Ozean. Grotesk zugespitzt scheint es: Europa ist die Welt (weil dies im Zuge der Expansionen im 18. bis 19. Jahrhundert so behauptet wurde), der Rest sind Regionen. Wir müssen also dringend Weltgeschichte neu denken. Dies wird auch überall verstärkt getan. Die Netzwerke des Islams, die alten Handelswege der afrikanischen Reiche, die großen Flotten des alten China werden immer mehr in die Mainstream-Geschichtsdebatten eingebracht. Es gibt wichtige neue Arbeiten, wie die der Juniorprofessorin Verena Krebs in Bochum, die ein wichtiges Buch über die Weltdiplomatie des äthiopischen Reiches des Mittelalters geschrieben hat, das zeigt, dass diese Diplomatie zeitweise einflussreicher und weitreichender war als die der eben erst erstarkenden europäischen Königreiche. Und hiermit kommen wir zum nächsten Aspekt: Ganz abgesehen davon, dass wir wirklich anfangen müssen, auf die Welt zu schauen, wenn wir von Weltgeschichte reden, spielt Äthiopien tatsächlich regelmäßig eine politische Rolle, die weite Regionen und geschichtliche Entwicklungen umfasst, die sich weltweit abspielen. Es gibt solche Wegscheiden und Fokuspunkte der überregionalen Geschichte, aber interessanterweise nicht nur in Europa oder im alten China, Ägypten oder Mesopotamien, um auf die bekannten Beispiele zu verweisen. In Äthiopien findet sich seit der Spätantike immer wieder eine Konzentration historischer Ereignisse von Weltbedeutung. Das hat damit zu tun, dass Äthiopien an einer kulturell-ökonomischen Wegscheide der großen Weltwege liegt: Zwischen innerem Afrika, den Karawanenwegen des antiken Sudan und Ägyptens, den arabischen Reichen und deren Handelswegen und dem östlichen Mittelmeer mit Ost-Rom und den Nachfolgestaaten, und den großen alten Ländern des Indischen Ozeans gelegen, entstehen immer wieder bemerkenswerte historische Konstellationen. Die erste muslimische Gemeinde außerhalb Mekkas lag in Tigray - sogar die erste muslimische Gemeinde zur Gründungszeit des Islam, die friedlich siedelte, noch während der Verfolgung der ersten Gefolgsleute Muhammads in seinem Heimatgebiet. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck der Tatsache, dass Äthiopien ein gefestigtes Staatswesen aufwies, das über das Rote Meer, in den Nahen Osten und nach Indien internationalen Handel trieb und eines der kulturellen und ökonomischen Bezugsgebiete der arabischen Welt war. Auch wer sich für Ägypten oder das Römische Reich interessiert, findet im antiken Aksum eine interessante Kultur, die auf diese reagiert und ein Scharnier zu anderen Weltregionen darstellt. Spannend ist wie oben schon erwähnt die mächtige Diplomatie des mittelalterlichen Herrschers Äthiopiens, dessen Delegationen in Ägypten herrschaftlich empfangen wurden, im Gegensatz zu den "fränkischen" (ferenji) Gesandtschaften der Europäer. Die Herrschaft über den Nil und ein tatsächlich viele Regionen umfassendes Staatswesen machte Äthiopien zu einem Partner, die Weltpolitik betrieb. Auch die großen Expansionen des Osmanischen Reiches: Als die Osmanen vor Wien standen, saßen sie auf der anderen Seite an den äthiopischen Grenzen und waren dort eingehegt worden. Machen wir einen Sprung: Das sehr wichtige Buch von Aram Mattioli zu Äthiopien als "Experimentierfeld der Gewalt" zeigt überzeugend, dass wir den Zweiten Weltkrieg mit Mussolinis Überfall auf Haile Selassies Äthiopien beginnen lassen müssen. Dort wurden alle ersten Schritte faschistischer und später nationalsozialistischer Kriegsexpansion ausprobiert, die sofort zu einem Zusammenfall des Weltfriedenssystems führte, nicht erst 1939, sondern 1936. Das war kein entlegener Kolonialkrieg, sondern das zentrale Thema der Zeit, wie auch jeder Blick in damalige Zeitungen zeigt, eine weltumfassende Krise. Das war Weltgeschichte. Die Liste ist lang - interessanterweise finden sich zahlreiche welthistorische Entwicklungen nicht nur in Äthiopien wieder, sondern konzentrieren sich dort. Das sind nicht nur erfreuliche Geschichten, aber manche doch. Es war auch Weltpolitik, als Äthiopien im Zuge der Unabhängigkeit der afrikanischen Kolonien Sitz der OAU wurde - und natürlich, als Äthiopien Mandelas Kampf in Südafrika unterstützte.

Umgekehrt diagnostizieren Sie, dass es nicht die eine äthiopische Geschichte gibt, sondern dass die verschiedenen (ethnischen?) Bildungsgruppen fast nur ihr eigenes Narrativ kennen und nicht das der anderen. So geht die komplexe Geschichte des Landes und ihrer vielen Gruppen und Regionen verloren. Warum halten Sie das für gefährlich?

Das habe ich im Ansatz oben schon angedeutet: Jede politische Bewegung schafft sich ihre eigene Narrative, zum Teil aus verfälschender, selektiver Lesung der Geschichte, ganz nach dem Vorbild des äthiopischen Kaiserreiches, das darin eine große Meisterschaft erreicht hatte. Bei der Vielzahl der politischen Gruppen, Interessen und Bewegungen in Äthiopien gibt es auch eine Multiplizierung von Geschichte. Wenn man Pech hat, kann man schon in einem kurzen Gespräch aufgrund weniger politischer Referenzen erkennen, dass der Gesprächspartner, wie sympathisch auch immer, einer bestimmten radikalen Auffassung von Geschichte angehört. Aber das ist nur eine Seite, die vor allem das moderne, politisch hochaufgeladene urbane Äthiopien betrifft, die auch erstmal nicht ethnisch ist, sondern politisch.  Es gibt aber noch eine ganz andere, oft übersehene, aber in Wirklichkeit besonders evidente Tatsache: Weite Gebiete Äthiopiens waren vor der militärischen und politisch-diplomatischen (beides!) Expansion Kaiser Menileks im späten 19. Jahrhundert gar nicht äthiopisch, und zwar gemessen am reinen Territorium rund zwei Drittel - ein Teil davon war seit Jahrhunderten getrennt von Äthiopien und war politisch, religiös und ethnisch eigene Wege gegangen, andere Gebieten waren auch früher nicht unter äthiopischer Herrschaft. Das waren zum Teil Gürtel von unabhängigen Kleinstaaten, zum Teil sogar Gebiete von größeren Reichen wie das des durch eine lokale Religion sakralisierten Königs von Kafa mit seinen Satellitenkönigreichen, kooperierenden und verfeindeten muslimischen Sultanaten und weiten ethnisch verfassten Gebieten, die wir vielleicht Bauern- und Stammesrepubliken nennen können, in Ermangelung besserer Begriffe. All diese Gesellschaften, die jeweils verschiedene Rechtssysteme besaßen, sich in Sprachenclustern formiert hatten, wurden innerhalb weniger Jahre Teil eines völlig neuen politischen Systems, das auf militärischer Expansion beruhte. Einige der lokalen Herrscher kooperierten, wie der von Jimmaa, der selbst an der Teilnahme an der Expansion nach Kafa ein großes Interesse hatte, andere übten einen massiven Widerstand aus - mit fatalen Folgen. Da im Zuge der modernen Staatsformierung (und Restauration) die Zentralisierung und auf den Kaiser bezogene Einheit entscheidend war, verschwand das historische Wissen um diese Gebiete bzw. wurde uminterpretiert. Lokal blieb jedoch das Wissen darum, ganz abgesehen von generationenlanger Ausbeutungserfahrung in manchen Gebieten. Natürlich führte das zu zweierlei: Einer mangelnden Identifikation weiter Regionen mit dem Staat, aber auch dazu, dass es auch interessierten Eliten gar nicht möglich war, von der Geschichtsvielfalt dieser Regionen Kenntnis zu nehmen. Erst mit der Schaffung der Föderationsstaates gab es Möglichkeiten, diese divergierende Geschichte bekannt zu machen - was aber in vielen Fällen, vor allem im Laufe des letzten Jahrzehnts von Widerstandsführern und Leuten, die ich "Gewaltunternehmer" nenne, wiederum für ihre Zwecke benutzt und auch nicht selten wieder umgefälscht wurde, nach altem Vorbild. Ein unschuldiges Wiederentdecken der Vielfalt der Geschichte der verschiedensten Regionen gibt es aber gleichzeitig auch. Dazu kommt, auch oben kurz angedeutet, der traditionell hohe Grad von Autonomie der äthiopischen Kernregionen, von Tigray bis Gojjam und Shewa. Ein Fürst und König der Könige hatte in diesem Rahmen nur beschränkte Rechte, war vielfach vor allem ein moderierender Richter, auf der Grundlage einer Vielfalt verschiedener lokaler Rechtssysteme, und führte Kriege, die wiederum ein Element der - gewaltsamen - Herstellung einer gewissen Balance waren. Die Gefahr ist nun deutlich zu erkennen: Beim allgemeinen Mangel der Kenntnis der tatsächlichen reichen Vielfalt der Geschichte der oft sehr alten und kulturell reichen Regionen (wer kennt schon die Geschichte der Könige von Kafa neben denen von Gonder? Wer weiß schon, dass es bis heute den Sultan oder "König" des Sultanates von Awsa gibt?), bilden sich politische Phantasien eines Äthiopien fort, das es vor Ort gar nicht gibt. Diese Phantasien bestimmen aber die höchste Politik, aber bewirken auch Radikalisierungen verschiedenster Gruppen, die ihre vermeintliche oder tatsächliche Marginalisierung einer bestimmten Geschichtsnarrative entnehmen, die aber ihren Gegnern jeweils unerschlossen und unbekannt bleibt. Äthiopien spricht nicht mehr mit den Äthiopiern. Die große Aufbruchsstimmung der Anfangszeit von Dr. Abiy bestand auch darin: In der Hoffnung, endlich gehört zu werden.

Zum einen wird jede geschichtliche Aussage in Äthiopien sofort politisch ausgedeutet. Zum Beispiel, wenn Sie sich zur frühen Besiedlung von Addis Abeba äußern würden. Zum anderen könnte man den Eindruck gewinnen hier würden noch viel mehr Menschen als bei uns an die Geschichte als exakte Wissenschaft glauben. Welche Aufgabe haben Sie als Historiker und wie schwierig ist sie?

Nur kurz: Man sollte seine Aufgabe nie überschätzen, vor allem nicht als Ausländer. Aber ich spreche nicht bloß als Ausländer, sondern als Akademiker und Forscher, und als solcher gehört man immer irgendwann der Region an, der man sein Leben widmet. Wem das nicht passiert, bei dem stimmt womöglich etwas nicht. Und ja: Geschichte wird als "objektives Referenzsystem" genutzt für politisch höchst subjektive und partikulare Aussagen. Aber in einem Jahrzehnt Unterricht mit fortgeschrittenen Studenten und Kollegen an der Mekelle University habe ich festgestellt: Mit nur wenigen Erklärungen zur Vielfalt historischer Quellen und Sichtweisen öffnet sich die Bereitschaft gewöhnlich sehr schnell, Geschichtserzählung als unvollständig, politisch beeinflusst und abhängig von partikularen Erfahrungen wahrzunehmen. Wie schnell das eine eindrucksvolle Dynamik an Forschungsdurst und -interesse auslöst, war immer eindrucksvoll. Dies führte auch zu interessanten Doktorarbeiten, die gerade am Entstehen sind. Also welche Aufgabe gibt es: Sicher nicht die, zu einem größeren politischen Publikum zu sprechen, die politischen Zerreißkräfte sind zu groß. Aber man sollte sich schon dem Drang hingeben, Forschungen und Informationen in ihrer Vielfalt zur Verfügung zu stellen. Es gibt sehr faszinierende Geschichte in Äthiopien, die Geschichte von hochkreativen und fein austarierten Gesellschaften, kluge alte Mythen, die kulturgeschichtlich bedeutend sind, komplexe Biographien äthiopischer Intellektueller und Politiker, deren Geschichte auch - ich erlaube mir den Hinweis - manchmal Weltgeschichte ist. Die Geschichte der Besiedlungen von Addis Abeba sind ein Beispiel: Ich habe mich intensiv mit Quellen beschäftigt, die ein recht klares Bild der Siedlung Finfinnee, ungefähr um die heutige Giyorgis-Kirche in Arada herum, ergeben. Wenn ich diese inmitten der Oromo-Unruhen veröffentliche, könnte dies einer Parteinahme für Oromo-Extremisten gleichkommen, die behaupten, Addis Abeba gehöre ihnen. Dennoch kann man Geschichte nicht verschweigen, gerade das Verschweigen hat viel Unglück gebracht, allein schon wegen des verzerrten Selbstbildes, das am Ende in politische Aktion mündet. Die Lösung besteht darin, längere Prozesse zu schildern: Ich arbeite an einem Aufsatz, der schildert, wie eine sakrale Stätte über viele Bevölkerungen hinweg immer wieder neu sakral und politisch genutzt und umgedeutet wurde. Das schließt die sakrale Stätte von Finfinnee ein, wie auch frühere christlich-orthodoxe Nutzung und neuere Umwidmungen durch äthiopische Herrscher, jeder folgt einer gleichen historischen Tendenz, jede Gruppe hat so ihren historischen Anteil an der sakralen Stätte, die mit einer größeren historischen Tiefe betrachtet werden muss.

Haben Sie vor diesem Hintergrund überhaupt noch Lust darüber zu sprechen, was das momentane Hauptproblem Äthiopiens ist und was das mit seiner Geschichte zu tun hat?

Wie Sie an meinen Antworten sehen: Ja, viel Lust, viel Hoffnung, bei aller kritischen Diagnose. Ich habe nun schon mehr als mein halbes Leben mit Äthiopien verbracht und ein Dutzend Jahre in Äthiopien gelebt. Es wäre eigenartig, wenn mich nicht alles sehr bewegen würde. Es ist mein Leben.

Und nun die schwierigste Disziplin für einen Wissenschaftler, die Diagnose. Wollen Sie für Äthiopien eine wagen?              

Ja: Weitere vierzig Jahre eine unklare Gemengelage, mit gegeneinander stehenden Politikmodellen, zwischen Autonomie und Allianz schwankenden Regionen, geprägt von gelegentlichen militärischen Zusammenstößen verbunden mit Territorialansprüchen zwischen konkurrierenden Regionen wie Oromiyaa und Somali, ein Staat, der weiter beansprucht, ein einiges Äthiopien zu vertreten, obwohl es dieses auch weiterhin nur bedingt geben wird - und ein Fortführen von Reformprozessen, Institutionsreformen, aber ohne Auflösung der Widersprüche. Die erste Notwendigkeit ist, eine auf rechtsstaatlichen Prinzipien beruhende Verwaltung aufzubauen, einschließlich Verwaltungsgerichtsbarkeit, und eine Anerkennung lokaler soziopolitischer Traditionen (die eben nicht bloß ethnisch sind, sondern lokal immer eine gewisse Stabilität gesichert haben), mit lokalen Landrechten, auf die der Staat nur bedingt Zugriff hat. Wenn dies gelingt, wird das äthiopische Modell so attraktiv, dass Nachbarstaaten beitreten können. Wenn das misslingt, dann wird es endgültig die Festigung abtrünniger Teilgebiete geben, und ein Zerfall wäre dann tatsächlich real. Aber das dauert, noch hat Äthiopien viel innere Kraft und viel Kompetenz. Aber morgen kann meine Diagnose überholt sein.

     

   Informationen zur Person:

Dr. phil. Wolbert G.C. Smidt, Abitur an der Deutschen Schule Paris, dann Studium in Berlin und Genf, Geisteshistoriker und Ethnohistoriker, 1999 bis 2010 Assistant Editor der Encyclopaedia Aethiopica am Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg, Autor von rund 200 Artikeln und Aufsätzen zu Nordostafrika, dann 2010-17 Associate Professor in Ethnohistory der Mekelle University, Aufbau eines Doktorandenprogramms am Department for History and Cultural Studies, Gastprofessuren in Paris (EHESS), Rom (La Sapienza) und Osaka (Minpaku), 2019 Ernennung zum full Professor als adjunct member am Department for Anthropology und Post-Doc der Friedrich-Schiller-Universität Jena und seither weiterhin eingesetzt als Feldforscher in Äthiopien, weiterhin Betreuer von Doktoranden in Ethnologie und Geschichte an der Mekelle University

„Als Wissenschaftler bestehe ich vehement auf der Unterscheidung zwischen Fakten und Meinungen“

Etwas von Flucht hatte der Ausstieg von Andreas Wetter aus der von ihm selbst gegründeten Facebookgruppe „Äthiopien und das Horn von Afrika“. Am 22. August überraschte er die rund 2.800 Gruppenmitglieder mit diesem Post: „Liebe Mitglieder, ich habe diese Gruppe vor etwas mehr als 9 Jahren gegründet. Wegen einer Reihe von Gründen habe ich mich jetzt entschieden, mich aus der Gruppe zurückzuziehen, d. h. mein inhaltliches Engagement einzustellen und mich an Diskussionen nicht mehr zu beteiligen. Wegen technischer Zwänge bleibe ich vorerst weiterhin einer der Administratoren bis eine geeignete Lösung gefunden wurde.“ Auch unser Newsletter und unsere Facebookseite hat sehr vom Engagement des Sprachwissenschaftlers profitiert – dafür gilt ihm ein großer Dank! Wir haben mit ihm über seinen Abgang gesprochen.

DÄV: Am 22. August haben Sie als aktives Mitglied der Facebook-Gruppe „Äthiopien und das Horn von Afrika“ hingeworfen, die Sie vor neun Jahren gegründet habe. Seitdem kein Post mehr kein Kommentar. Was war der Grund hierfür?

Wetter: Einerseits nahm die aktive Teilnahme sehr viel Zeit in Anspruch, über die ich eigentlich nicht verfüge. Andererseits gab es seit mehreren Wochen eine Entwicklung in Beiträgen und Kommentaren, mit der ich nicht mehr mitgehen wollte. Als Alternative gab es dann, die Gruppe zu schließen, oder selbst zu gehen. Indem ich technisch Administrator blieb, habe ich einen Mittelweg gewählt, auch aus Fairness gegenüber den anderen Admins, die ich nicht mit dem Verwaltungsaufwand einer von mir initiierten Gruppe alleine lassen wollte.

Gab es ein Ereignis, das das Fass zum Überlaufen gebracht hat?

Ja, die Reaktionen auf die Toten im Zuge der Demonstrationen in den Oromogebieten in der zweiten Augusthälfte.

Die Woche vorher, seit dem Mord an Hachalu waren bestimmt enorm intensiv – immer wieder mussten sie zur Disziplin mahnen, Streit schlichten, sich erklären. War Ihr Abgang eine reine Abnutzungserscheinung nach neun Jahren oder hat sich tatsächlich etwas in der Art geändert wie die Diskussionen geführt werden?

Extreme Kommentare bin ich ja aus der Gruppe „Historical Photos from the Horn of Africa“ gewohnt gewesen. In dieser Gruppe, die ich 2015 gegründet hatte, und die ca. 200 000 Mitglieder hat, gab es regelmäßig sehr heftige Auseinandersetzungen. Da wurde man immer mal wieder persönlich beleidigt und sogar mit Gewalt bedroht. Von daher habe ich mir eigentlich eine dicke Haut gegenüber den Umgangstönen zugelegt. Dort musste ich dann aber auch aus Zeitgründen die Administrationstätigkeit einstellen.

Und ja, in der Gruppe „Äthiopien und das Horn von Afrika“ hatte sich der „Diskurs“ seit dem Mord an Hachalu und vor allem nach den gezielten Morden an Amharen in einigen Orten der Oromia Region verändert. In den Beiträgen und Kommentaren sind dann Haltungen deutlich geworden, mit denen ich mich einfach nicht mehr auseinandersetzen wollte.

Sind die Positionen auch extremer geworden?

Das weiß ich nicht. Häufig werden extreme Positionen ja nur in Situationen geäußert, die durch dramatische Ereignisse ausgelöst werden. So war es sicherlich auch hier. Dabei sind aber auch zugrunde liegende Haltungen sichtbar geworden, die einer grundsätzlichen Ablehnung der Oromo gleichkommen.

Sie haben sich immer vehement für die Trennung von Fakten und Meinung eingesetzt – Aber ist so eine Trennung überhaupt noch möglich? Vor allem in Äthiopien, wo von allen Seiten „historische Fakten“ die eigenen politischen Forderungen unterstützen?

Als Wissenschaftler bestehe ich vehement auf der Unterscheidung zwischen Fakten und Meinungen. Das eine sind Sachverhalte, die belegbar sind, das andere persönliche Haltungen und Ideen. Was von den verschiedenen Seiten in den mit Äthiopien verbundenen politischen Auseinandersetzungen als „Fakten“ bezeichnet wird, ist es ja in der Regel gerade nicht. Das sind ausgedünnte und selektive Lesarten und Interpretationen von komplexen historischen Ereignissen und Entwicklungen.

Was machen Sie seitdem mit der vielen freien Zeit? Fehlt Ihnen was?

Also zu mehr an Freizeit hat die Einstellung der Administratortätigkeit nicht geführt. Das war ja etwas, das so nebenher lief. Im Übrigen, gibt es noch drei weitere Gruppen, die ich gegründet habe, und in denen ich auch noch Admin bin: „Horn of Africa Studies Group“, „Afrikawissenschaften“ und „African Cassettes“. Ich bin da also weiterhin gut beschäftigt.

Was ich etwas bedaure ist, dass ich das Posten von Nachrichten und Artikeln zum Thema „Horn von Afrika“ eingestellt habe. Vielleicht findet sich da eine andere Lösung.

Als freiberuflicher Afrikanist und Afrikalinguist bleiben Sie ja dem Thema Äthiopien weiterhin verbunden – welche Form nimmt Ihr Engagement für die Region jetzt ein?

Wie gesagt, die Gruppe war ja nur etwas, das nebenbei lief. Ich arbeite weiterhin als Sprachwissenschaftler zu Äthiopien, leiste wissenschaftliche Dienstleitungen und bereite einige wissenschaftlich Projekte vor.

Haben Sie eine Vorstellung davon wie die Geschichte in Äthiopien in den nächsten Wochen und Monaten weitergehen wird?

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Ist Äthiopien in dieser Form noch zu retten? Oder ist es gar eine Chance, wenn das „große alte Reich“ in mehrere kleine Nationen zerfällt?

Ich kann mir kein realistisches Scenario vorstellen, in dem Äthiopien zerfallen würde. Meiner Erfahrung nach werden die politischen Entwicklungen aus der Ferne in der Regel viel dramatischer bewertet als vor Ort.

Mehr zu Andreas Wetter auf seiner Website

 

"Die Statue von Mr. Selassie"

Am Abend des 30. Juni wurde bei einer Protestveranstaltung von ca. 100 Leuten im Cannizaro-Park (Wimbledon/London) die Statue von Haile Selassie zerstört. Schon am 9. Juli versprach der scheidende äthiopische Botschafter Ababi Demessie den Wiederaufbau. Anlässlich unseres ausführlichen Interviews mit Dr. Asfa-Wossen Asserate zur aktuellen Situation in Äthiopien, fragten wir ihn auch nach dem Ehrenmal des letzten äthiopischen Kaisers.

DÄV: Die Statue Ihres Großonkels Kaiser Haile Selassie wurde Anfang Juli in Wimbledon zerstört. Sie haben ein Buch über ihn geschrieben, das nicht mit Kritik spart. Er war Alleinherrscher und schon dadurch nicht frei von Schuld. Er war aber auch großer Pan-Afrikanist, Kämpfer für die Dekolonialisierung; den Rastafaris, die sich nach ihm benannt haben, gilt er als Gott. Was bedeutet für Sie diese Zerstörung – persönlich, aber auch als symbolische Tat?

Dr. Asserate: Erstens: Zu einem Zeitpunkt, wo die ganze Welt auf die Barrikaden geht für „Black Lives Matter“ ist es eine Schande die Statue eines schwarzen Mannes in London zu demolieren! Zum Zweiten: Wissen die Zerstörer überhaupt, wessen Statue sie da demoliert haben? Die Statue des äthiopischen Kaisers? Nein, das ist die Statue von "Mr. Selassie" - so wurde er nämlich während seines Exils in England offiziell von der Regierung genannt, da die Appeasement-Politik von Baldwin und Chamberlain den König von Italien schon längst als Kaiser von Äthiopien anerkannt hatte. Die Errichtung der Statue erfolgte aus einem anderen Grund. Damit wollte 1938 die bekannte Künstlerin Hilda Seligman, die auch eine große Antifaschistin war, sich vor diesem großen Politiker verbeugen. Sie nannte ihn "das lebende Symbol des weltweiten antifaschistischen Kampfes". Die Statue war vor allem eine Verbeugung vor dem Kampfe Haile Selassies gegen Mussolini und seine Kohorten. Diejenigen, die glauben, daß die Statue anlässlich seines Staatsbesuches in England im Jahr 1954 errichtet wurde, liegen falsch. Die hasserfüllten jungen Männer sollten sich vorher intensiv auch mit der jüngeren Geschichte Äthiopiens befassen!

Die Schändung ist also ein Symbol der Ignoranz?

Ja, es ist ein Symbol für Ignoranz und mangelnde Bildung. Man geht ja auch in Europa mit anderen Statuen nicht anders um. Ich halte überhaupt nichts von dem Versuch Geschichte mit dem Vorschlaghammer umzuschreiben. Wir müssen die guten und schlechten Episoden unserer Geschichte ertragen und dann die notwendige Verantwortung übernehmen. Doch der Versuch unangenehme Teile der Geschichtsschreibung umzudeuten, ist töricht. Wir müssen versuchen aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Zu meinem großen Erstaunen, soll es in England sogar Menschen geben, die das Denkmal des "Retters der Nation" Winston Churchill in die Luft jagen wollen. Diesen unbelehrbaren Geschichtszerklitterern sollte man zurufen: "Vergesst nicht, wenn Churchill nicht gewesen wäre, würde nicht der Union Jack von den Fahnenmasten wehen, sondern das Hackenkreuz".   

Hier geht es zum Interview mit Dr. Asserate zur aktuellen Lage in Äthiopien

 

 

"Ich kann nicht so tun als sei Soddo Groß-Gerau"

Wer sich mit dem Thema Investitionen in Äthiopien beschäftigt, kommt am Frankfurter Rechtsanwalt Lutz Hartmann nicht vorbei. Gerade und vor allem, wenn es um Landwirtschaft geht. Bereits 2014 gründete der 48-Jährige das Unternehmen FruitBox, mit dem er eine Farm in der Nähe von Soddo (Southern Nations) betreibt. Durch die harten letzten Monate mit Unruhen und der Pandemie ließ er sich nicht beirren und erweitert gerade in der Regenzeit seine Plantage. Nun haben die Unruhen auch Soddo erreicht. DÄV-Öffentlichkeitsreferent Alexander Bestle befragte ihn exklusiv für unseren Neswsletter.   

DÄV: Corona-Pandemie seit Mitte März, Ausnahmezustand ab April oder Unruhen in Oromia Anfang Juli und anschließende Abschaltung des Internets. Was hat in den letzte Monate ihre Arbeit als Agrar-Investor in Äthiopien am meisten beeinflusst?

Hartmann: Das kann ich gar nicht sagen, weil alles irgendwie ja zeitlich zusammen kam. Wirtschaftlich ist Corona das größere Problem, menschlich natürlich die Unruhen in Oromia. Unser Markt ist der gehobene Konsum in Addis, die Hotels und Restaurants sind fast alle geschlossen, sodass hier der Absatz nicht möglich ist.

Am vergangenen Wochenende und danach gab es Unruhen und auch Tote in Soddo – dabei geht es auch um die Selbstverwaltung von Wolayit. Gab es konkrete Auswirkungen auf Ihre Farm und Ihr Geschäft? Machen Ihnen die Entwicklungen Sorge?

Das ist sehr erschreckend und ich bedaure sehr, dass es zu diesen Vorfällen kam. Die Farm war nur insoweit betroffen als wir eine Ernte verschieben mussten. Wir hoffen, dass schnell wieder Ruhe einkehrt, die Narben werden aber noch lange bleiben. Es muss dringend ein demokratischer Umgang mit der Regionalfrage entwickelt werden.  

Sie beliefern ja mit Ihren Papaya, Paprika, Aubergine, Kohl, Broccoli und Blumenkohl vor allem auch Hotels. Wie haben Sie auf den Ausfall dieser Nachfrage reagiert?  

Wir haben enger mit Supermärkten und Lieferdiensten zusammengearbeitet. Aber wir hatten auch ein wenig Glück, denn die Regenzeit ist bei uns eh nicht die Zeit mit der höchsten Produktion. Ab September würden wir gerne wieder mehr geöffnete Hotels mit internationalen Gästen sehen. Allerdings sieht es nicht so gut aus, in Soddo, wo unser Büro ist, hat nun ein Hotel, welches die ganze Zeit offen war, wegen COVID geschlossen.

Müssen Sie jetzt auch noch Angst vor dem Rückkehr der Wüstenheuschrecke haben?

Ich befürchte die müssen wir immer haben, nach meiner Kenntnis sind die nicht ausgerottet und bewegen sich immer noch in Ostafrika. Bisher hatten wir Glück und waren vorbereitet. Wie oft wir das schaffen weiß ich nicht.

Diese großen Katastrophen in Äthiopien kommen ja auch in Teilen als Nachrichten bei uns in Deutschland an? Sind es aber nicht viel mehr die vielen kleinen Katastrophen, die das Arbeiten in Äthiopien so schwer machen?

Ja klar, das verstehen viele hier nicht, dass die grauenvollen Nachrichten z.B. aus Shashamane uns zwar mitnehmen, aber das Geschäft nur wenig beeinflussen. Hier ist es eher der alltägliche Kampf für strukturierte Absatzmärke, langfristige Lieferbeziehungen, faire Preise, Beschaffung, Zoll,… die uns Probleme bereiten.

Warum tut man sich das an? Ließe sich nicht anderswo auf der Welt einfacher Geld verdienen?

Das hat mich meine Frau auch oft gefragt und die Antwort ist natürlich: JA. Ich hatte immer eine große Unterstützung zuhause, auch wenn es für die Familie schwer war, wenn ich lange in Afrika war. Aber hier kommt ja zu der reinen monetären Komponente noch hinzu, dass wir durchaus auch eine Wirkung mit dem Investment erzielen wollen und einen entscheidenden Anstoß zu Entwicklung in der Region geben wollen. Das ist zwar nur langfristig zu beurteilen, aber wir hoffen hier schon auch das Leben von mehreren 1.000 Menschen positiv zu begleiten. Das gibt die Kraft für viele Entbehrungen. Eine Dienstreise nach Soddo bedeutet ja nicht nur Erfüllung, sondern auch viel Einsamkeit und sehr viel körperliche und intellektuelle Anstrengung.

Jetzt haben wir viel über Negatives geredet. Was sind die großen Errungenschaften der letzten Monate auf Ihrer Farm in Soddo?

Wir haben die Straße zur Farm ausgebaut und können diese nun das ganze Jahr besser befahren, wir räumen gerade 80 bis 100  Hektar Land um dieses im kommenden Jahr bepflanzen zu können, das bedeutet eine Verdopplung der Farmfläche. Wir haben mit Maracuja eine neues Produkt und die ersten Tests sehen sehr gut aus, leider kann ich aus der Entfernung nicht probieren … Wir haben auch fünf Hektar Mangobäume gepflanzt. Das ist eine Investition in die Zukunft, da wir wohl zwei bis drei Jahre auf Ertrag warten müssen. Und dann gibt es natürlich immer die vielen kleinen guten Nachrichten, neben den vielen kleinen schlechten von denen wir es oben hatten.

Sie haben ja auch gerade eine Schule gebaut?

Ja, das wirtschaftliche Projekt FruitBox hat andere Unternehmer motiviert, ein soziales Investment zu tätigen, neben der Farm, um die Entwicklung vor Ort noch weiter zu unterstützen und um die Nachhaltigkeit der sozialen Investition sicher zu stellen. Zudem arbeiten wir ja nach Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft: Wir wollen uns um die Mitarbeiter, die Community und die Umwelt kümmern, um so wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Das gehört für uns alles zusammen.

Wohin geht die Reise? Was sind die nächsten Ziele?

Die Farm vergrößern, einen Kühlraum installieren und die Energieversorgung sicherzustellen. Zudem Absatzmärkte verbessern.

Welche Rolle spielt Siemens dabei?

Siemens will mit uns ein innovatives Konzept des Solarkraftwerkes testen. Als Großabnehmer könnten wir die Kosten einer solches Installation absichern und gleichzeitig damit der Bevölkerung des Nachbarortes einen Zugang zu Energie ermöglichen. Aktuell habe sie diesen nicht, weil die nächste Leitung zu weit entfernt ist. Aber das ist natürlich in den Bereichen Finanzierung, Technik, Logistik, rechtlicher Rahmen usw. nicht ganz einfach. Wir hoffen aber auf Fortschritte noch in diesem Jahr.

Können Sie ihren Landsleuten hier mit gutem Gewissen empfehlen in Äthiopien zu investieren?

Nun, blauäugig sollte keiner nach Äthiopien gehen. Es ist anders als in der Wetterau einen Betrieb aufzubauen. Aber mit viel Ausdauer, einem guten Konzept und der Fähigkeit kulturell sensible zu reagieren, kann man etwas erreichen. Und man kann vielleicht nebenbei wirklich einen „Impact“ leisten, also eine positive Entwicklung initiieren.

Was müssten diese mitbringen und was können sie sich von vornherein abschminken?

In Äthiopien ist wenig wie bei uns. Es muss gut zugehört werden, kulturelle, rechtliche und wirtschaftliche Unterschiede müssen erkannt, zugelassen und eingeplant werden. Ich kann halt nicht so tun als sei Soddo so zu behandeln wie Groß-Gerau. Man muss in Äthiopien sehr gut zuhören und die Zwischentöne rauslesen. Schließlich darf man nicht nach dem schnellen Geld suchen…

Wann geht Ihr nächster Flieger nach Addis Abeba? Was werden Sie im Gepäck haben?  

Noch kann ich das nicht riskieren wegen COVID. Ich habe eine Familie, und kann nicht Wochen und Monate in Afrika bleiben. Ich werde sobald es geht aber einiges Material für die Verpackung von unseren Premiumprodukten wie Moringapulver, Chilipulver und Chiliflakes mitnehmen.

Weitere Artikel über Lutz Hartmann:

"Hartmann sät Hoffnung" (Frankfurter Rundschau)

"Fruitbox Africa: Frankfurter Investor und Siemens wollen Jobs in Äthiopien schaffen" (Frankfurter Rundschau)

"Reflection of a lawyer farmer" (Interview mit The Reporter Ethiopia)

„Das ist kein Charity – wir wollen mit der Farm Geld verdienen.“ (Insta-/YouTube-Interview mit Katie Gallus)

         

Dr. Abiy strebt nicht nach Alleinherrschaft

Wir müssen ganz ehrlich zugeben, dass uns am meisten die Erklärung des Premierministerbüros beeindruckt hat: „Context and Update on Current Issues in Ethiopia“, die sich anders als andere Regierungsverlautbarungen zu Lesen lohnt. Nicht, dass wir alles glauben müssen und wollen, was eine Regierung erklärt – und nicht, dass die Politik Dr. Abiys und seiner Regierung kritiklos hinzunehmen wäre. Auf sechs Seiten ist jedoch unserer Ansicht nach, der Premier so ehrlich wie möglich bemüht, die momentane Situation zu erklären.

Wir schauen hier nicht in die Fratze eines neuen Diktators, der seine politischen Gegner in Folterkellern verschwinden lässt und nur seiner Volksgruppe wirklich Beachtung schenken will. Sondern in das erschrockene Gesicht eines Hoffnungsträger, der notwendigerweise viele Baustellen aufgerissen hat, dabei einen Rohrbruch nach dem anderen entdeckte, teils auch die falschen Klempner mit den falschen Werkzeugen gerufen hat. Und nun – das Wasser bis zum Hals – die Besonnenen bittet, nicht noch mehr Wasser in die Rohre zu pumpen, damit nicht die ganze Unternehmung versinkt.

Ob er im Überlebenskampf nicht auch falsche Behauptungen aufstellt? Möglich, vermutlich sogar wahrscheinlich. Selbst die zentrale Aussage der Erklärung, dass keiner aufgrund seiner politischen Ansichten verhaftet worden sei, können wir in vollem Umfang nicht glauben. Warum wurde beispielsweise der Journalist und Aktivist Eskinder Nega verhaftet? Im Zusammenhang mit dem Mord an Hachalu? Kaum zu glauben. Weil er mit seinem Baladera Council der Polizei und/oder dem Bürgermeister von Addis schon seit Monaten ein Dorn im Auge ist? Unbestätigte Arbeitshypothese. Oder weil es eben leichter vertretbar ist zu zwei prominenten Oromos auch einen bekannten Amharen zu verhaften? Ebenso unbestätigter Straßen-Gossip. Auf die Antworten sind wir gespannt …

Fakt ist jedoch: Während viele Kritiker gerade aus Tigray und Oromia, aber auch in internationalen Medien spätestens nach der Wahlverschiebung Dr. Abiy ein Streben nach absoluter Alleinherrschaft unterstellen, waren am politischen Prozess in Äthiopien noch nie so viele Völker, Gruppen und Individuen beteiligt wie im Moment. Äthiopiens Zukunft liegt nicht mehr nur in der Hand eines ideologischen Lenkers wie unter Meles oder Mengistu (vielleicht auch zuvor), sondern in den Händen vieler, die mit sich mit der verbogenen Rohrzange in der Hand – und oft mit zu wenig handwerklichem Wissen – zwischen Zerstörung und Reparatur entscheiden müssen.

Baumeister Abiy hat nicht mehr alles in seiner Hand – das ist auf alle Fälle der Untergang des alten Reiches. Ob es auch die Geburt des ersten äthiopischen Rechtsstaates ist, gar die Geburt der ersten äthiopischen Demokratie, entscheiden die Bürger Äthiopiens. Ob sie dieser Verantwortung gerecht werden wollen und können? Wirklich fraglich. Die westlichen Demokratien hätten darauf aber durchaus (noch) Einfluss. Zum Beispiel Kanzlerin Merkel – eine der wenigen bedeutenden Weltlenker, die in der Corona-Krise dem Partner Abiy keine telefonische Aufwartung gemacht hat. Sie besitzt in Äthiopien eine große Reputation – auch auf der Straße.

Kommentar von Alexander Bestle, Pressesprecher des DÄV – die Meinung spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung des Vorstands oder gar alle Mitglieder des Deutsch-Äthiopischen Vereins wider.

Der Mord & die Statements

Eine Zusammenstellung offizieller Statements und Reaktionen von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren.

„Ethiopia: Popular musician’s killing must be fully investigated” – Amnesty International

“Ethiopia Cracks Down Following Popular Singer’s Killing - Lift Internet Shutdown, Avoid Force at Protests, Free Unjustly Held Politicians” - Human Rights Watch

“CPJ condemns Ethiopian internet shutdown and Oromia Media Network raid” – Committee to Protect Journalists – eine scharfe Erwiderung von Borkena: “Does the CPJ stand with the victims or Radio Télévision Libre des Mille Collines?”

„Wir sind besorgt und erschrocken über die Berichte von gewalttätigen Ausschreitungen, Todesopfern und Festnahmen in Äthiopien. Wir fordern alle Beteiligten zu Gewaltfreiheit und zu Dialog auf, um die Ereignisse der letzten Tage gemeinsam friedlich aufzuarbeiten. Die Menschenrechte müssen in dieser kritischen Situation gewahrt, Gewalt darf nicht straflos bleiben.“ Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland

„We are deeply concerned at violent events in Ethiopia this week where a prominent singer and activist from Oromia Region, Hachalu Hundessa, was shot and killed in the capital, Addis Ababa on Monday.“ – Sprecher des UN High Commissioner for Human Rights.

Auch die “Gesellschaft für bedrohte Völker” veröffentlichte sehr schnell eine Presserklärung, in der der Eindruck erweckt wurde, dass die meisten Opfer auf Polizeigewalt zurückzuführen seien – eine unhaltbare Behauptung, auch wenn sich tatsächlich auch Polizisten vereinzelt an ethnischen Verfolgungen beteiligt haben sollen. Schnell reichte die „GfV“ eine zweite Pressemitteilung nach: „Kriminalisierung von Regierungskritikern in Äthiopien“.

Wir müssen aber ganz ehrlich zugeben, dass uns am meisten die Erklärung des Premierministerbüros beeindruckt hat: „Context and Update on Current Issues in Ethiopia“. Hier ein Kommentar dazu.

Der Mord & die Konsequenzen

Obwohl wir täglich alle internationalen News zu den Vorgängen Rund um den Tod von Hachalu und den anschließenden Unruhen in Äthiopien im Auge hatten, ist es uns unmöglich deren Wahrheitsgehalt vollständig zu bewerten und die Konsequenzen für Äthiopien abschließend zu deuten. Hier ein Auswahl wichtiger Artikel der letzten Wochen:

„Hachalu was the soundtrack of the Oromo revolution, a lyrical genius and an activist who embodied the hopes and aspirations of the Oromo public.” – The New York Times

“The Oromia’s police commissioner Ararsa Merdesa on his part said that the group led by Jawar Mohammed has prevented the body of the deceased musician Hachalu Hundessa to be transported to his hometown, Ambo, about 100 km west of Addis Ababa.” – Ethiopia Reporter

"This is a very challenging development for the prime minister," Ahmed Soliman, a Horn of Africa researcher from London-based think tank Chatham House told DW. According to the analyst, "[Abiy's] need to try and bring some calm to this situation and to try to resolve it is one of his greater challenges. And it has been [so] since he took over: How he can knit together the nations that make up Ethiopia." Abiy's strategy includes playing down his own Oromo origins in an effort to represent the interests of all Ethiopians." – Deutsche Welle

„The towns of Bale Robe, Ziway, Shashemene, and Adama of the Oromia region have been shocked by a wave of ethnically-motivated violence that has seen dozens of assaults, many of which have resulted in deaths, witnesses say. Riots were reported in different parts of Addis Ababa, Arat Kilo, Megenagna, and Kazanchis. Young people were seen roaming the streets, carrying sticks and knives. Gunshots were heard in several neighborhoods.“ – Ethiopia Reporter

“Ethiopia: The killing of Hachalu Hundessa cuts deep - The unsolved fatal shooting of the celebrated Oromo resistance singer has ruptured Ethiopia's brittle political system. Can talks on a national scale avert a bad-to-worse outcome for the multiethnic nation?” - Merga Yonas Bula für die Deutsche Welle.

“Two of his hotels in Shashemene and Ziway were attacked. His hotel in Shashemene is destroyed too. Appearing on Ethiopian state media, ETV, Haile admitted that it is a loss, but he also said that it is a loss for people in the town as 98 percent of the staff was from the area.“ – Borkena über die Hotels von Lauf-Legende Haile Gebreselassie

“Mr. Mutiga, of the International Crisis Group, said that Mr. Abiy should rise to the occasion not just as a political leader but as Ethiopia’s healer in chief. “I think where Abiy definitely could do better is to try to fashion consensus,” he said, “persuade his opponents and be more deliberative and consultative and try to carry people along with him.” – The New York Times

„Zadig Abraha, the Ethiopian minister in charge of democratization, accused "external forces" of playing a role in recent violence in the country in which more than 200 people were killed. He also accused forces opposed to changes ushered in by Prime Minister Abiy Ahmed of being behind the unrest, without specifying who they were.“ – die französische Nachrichtenagentur AFP

„People in the area told VOA that unidentified attackers targeted people not of Oromos ethnicity, although some ethnic Oromos and mixed ethnicities were also attacked. While some of the attacks were carried out by mobs, others were committed by well-coordinated and highly trained gunmen, the survivors told VOA.” – Ethiopia Reporter

“Archbishop Abune Henok, whose diocese is in the West Arsi zone of Oromo regional state of Ethiopia, said Orthodox Christians were targeted, and that he does not agree with the assertion that the attack was an ethnic one.” – Borkena

"Ethiopian Human Rights Commissioner, Daniel Bekele, said that he had paid a visit to the prison in the capital Addis Ababa on Friday last week to see the condition of prisoners. Jawar Mohammed and Bekele Gerba reported no physical attack or harm during or after their arrest. On the other hand, Eskinder Nega and Shemsedin Taha (Oromia Media Network employee) reported that they were beaten." – Borkena

„For two nights the sharp report of gunfire crackled through the pitter-patter of summer rain. Across the Ethiopian capital, Addis Ababa, cars and petrol stations were burnt, shops and businesses looted. At least ten people were killed in clashes between rioters and the police in the city. Similar confrontations took place in towns throughout Oromia, the largest of Ethiopia’s nine ethnically based regions and one that has been the site of repeated bouts of violence in recent years. In the country as a whole at least 166 people were killed, making this one of the deadliest episodes in Ethiopia’s already bloody transition from authoritarian rule.“ – The Economist

"Abiy Ahmed is himself an Oromo. But the community is divided. “There’s a civil war going on within the Oromo group at the moment,” said Ethiopia specialist René Lefort. “Oromo are fighting against other Oromo; there are those who support Ahmed and those who have taken up arms against the government” – die französische Nachrichtenagentur AFP

„Rashid Abdi, a researcher, says Ethiopia may slide into chaos. “The world can look away or invest in concerted action now to avert disaster. Ethiopia is too big to fail,” he said.“ – die kenianische “Daily Nation”

"Ich habe diesen Jugendlichen nichts vorzuwerfen"

Als am Vormittag des 30. Juni die ersten News über den Mord am oromischen Sänger Hachalu Hundesa über den Ticker laufen und alle äthiopischen Internet-Seiten tot sind, versuchen wir zuerst direkt in Addis anzurufen - keine Verbindung. Einer der ersten Anrufe geht deshalb in Deutschland an Dr. Asfa-Wossen Asserate, der unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt - Schüssen und Unruhen in Addis Abeba. Wenige Tage später berichten die internationalen Agenturen von immer mehr Toten in Oromia - 239 ist die jüngste Zahl. Wir vereinbaren ein Interview mit dem Großneffen des äthiopischen Kaisers.       

DÄV: Über den Mord an Hachalu Hundesa und die anschließenden Ausschreitungen wurden auch in Deutschland und international viel berichtet. Oft wurde dabei über den Freiheitskampf der Oromos und deren Gefühl der Unterdrückung berichtet. Kann davon seit der Machtübernahme durch Dr. Abiy überhaupt noch die Rede sein?

Dr. Asserate: Ganz und gar nicht. Worum geht es der Oromo Liberation Front? Die OLF gibt es ja schon seit 1974 und in anderer Form eventuell schon seit dem Kaiserreich. Wen will sie von wem befreien? Es hat keine Zeit gegeben in Äthiopien, wo die Oromos gezielt als Völkerschaft ausgesucht wurden, um unterdrückt zu werden. Wenn es in Äthiopien Unterdrückung gegeben hat, dann immer gleichzeitig für alle. Mengistu zum Beispiel hat nie gefragt, ob einer Oromo, Tigray oder Eritreer ist. Er hat alle gleichzeitig unterdrückt oder gleich umgebracht. Die zweite Frage ist, von wem sich die Oromos befreien wollen? Wollen sie sich einerseits von Äthiopien befreien, andererseits aber darauf pochen, dass sie die stärkste Volksgruppe in Äthiopien sind. Das ist doch ein riesengroßes Missverständnis: Wann hat es in der ganzen Geschichte der Menschheit eine Situation gegeben, wo die Mehrheit sich aus einem Staat löst? Wenn lösen sich doch Minderheiten heraus – siehe Eritrea. Was macht die Oromos angeblich so anders als die anderen Äthiopier? Sie sind genauso wie die anderen äthiopischen Völkerschaften ein gemischtes Volk. Es gibt keine Monokultur innerhalb der Oromos, sondern viele Oromo-Völkerschaften. Insofern ist mir das von Anfang an sehr dubios, dass gerade diese Völker, die das moderne Äthiopien aufgebaut haben, sich von diesem lösen möchten. Die Hassfigur der Oromos ist leider Gottes Menelik II. Sie behaupten er sei ein Amhare, aber auch er hat Oromo-Vorfahren. Und dieser Mann ist dafür bekannt, dass er ehemals zu Äthiopien gehörige Gebiete Ende des 19. Jahrhunderts wieder an das Gebiet hinzugefügt hat. In diesem Zusammenhang rede ich nie von einer Conquista, sondern von einer Re-Conquista. Es war eine Wiedereingliederung von Gebieten, die wir im 16. Jahrhundert verloren hatten. Auf alten portugiesischen Karten findet man ein Kreuz für jede äthiopisch-orthodoxe Kirche, die damals gefunden wurde. Bis in die Gebiete Nord-Kenias, den West-Sudan bis hin nach Eritrea hinein. Durch die Invasion der Oromos sind dann viele südliche Gebiete verloren gegangen. Menelik II hat diese verlorenen Gebiete wieder an das Reich angegliedert.    

Noch mal zurück zum Gefühl der Unterdrückung, das die Oromos haben. Ist es nicht vielmehr so, dass die äthiopische Bevölkerung und gerade die überwiegend jungen Menschen mehr demokratische Teilhabe und vor allem mehr wirtschaftlichen Wohlstand brauchen? Egal ob in Oromia, Amhara, Tigray, Somali, Afar oder Gambella? Gerade letztere sind ja die, die in dem gerade zu Ende gegangenen System nicht so repräsentiert worden sind, wie zum Beispiel die Oromos, Amhara oder Tigray.

Das ist absolut richtig. Zum Thema Nicht-Repräsentiert-Sein der Oromos muss man sich fragen, wann  sie angeblich nicht repräsentiert waren. Menelik II war der erste Kaiser, der überhaupt ein Kabinett hatte – und vier von seinen ersten sieben Ministern waren Oromo. Und da hab ich noch nicht von seinen Generälen uns seinen höchsten Würdenträgern geredet, die zum größten Teil aus dem Volk der Oromo stammten. Und auch bei Kaiser Haile Selassie, der ja selbst auch über seinen Vater Ras Mekonnen oromisches Blut in sich trug, waren viel Generäle und hohe Beamte Oromos. Und so kommen wir dann zur äthiopischen Geschichte und deren Vermittlung: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in einem Land mit mehr als 110 Millionen Menschen leben, von denen 85 Prozent jünger sind als 25 Jahre. Der Anführer der Qeerroo Jawar Mohammed ist gerade einmal 36 Jahre – er war also sechs Jahre als Meles an die Macht kam. 85 Prozent der Äthiopier kennen also keine andere Regierung als die von Meles Zenawie. Ich habe diesen Jugendlichen nichts vorzuwerfen – woher sollen Sie das lernen, was ich gerade über die Geschichte erklärt habe? Wer hat ihnen denn die Geschichte Äthiopiens beigebracht? Ich halte die Oromos in meiner Generation für schuldig, die in Europa 40 oder 50 Jahre sitzend, ihren Kindern nicht anderes als eine Fake-Geschichte von Äthiopien, Rache und Hass gelehrt haben. Deshalb sind die konfus – die haben keine blasse Ahnung und plappern nur das nach, was ihnen ihre Väter gesagt haben. Das sind die Schreibtischtäter, die ich wirklich anklagen möchte. Ansonsten haben Sie Recht: Die jungen Männer aus Oromo leben auch im 21 Jahrhundert und haben genau dieselben Träume wie alle anderen jungen Männer in Äthiopien oder Afrika: anständig zu leben, auf die Schule und die Universität gehen zu können. Um dann einen guten Job zu bekommen und die Eltern und die Familie zu unterstützen.           

Warum gehen nicht alle Unzufriedenen - egal welcher Ethnie - in Äthiopien zusammen Hand in Hand und fordern mehr Teilhabe und wirtschaftliche Perspektiven?

Das ist ja genau die Forderung, mit der Dr. Abiy vor zwei Jahren an die Macht gekommen ist. Und wir hatten ja die Hoffnung, dass wir soweit wären die Probleme, die wir alle gemeinsam haben, adressieren zu können. Aber leider Gottes war das vielleicht schon zu spät, weil in den letzten 40 bis 50 Jahren der Jugend von den Menschen meiner Generation nur Hass und Rache gepredigt worden ist. Und die sagen sich jetzt: Ich bin kein Teil dieses modernen Äthiopiens. Letztens sah ich ein Video mit einem sechsjährigen Oromo, natürlich von seinen Eltern getrimmt. Es war erschütternd …

Was sind die tiefer liegenden Ursachen dieser andauernden Krise, die immer wieder tödliche Ausbrüche hat? Sehen Sie irgendwelche Lösungen?

Der Ursprung allen Übels ist die rassistische Konstitution, die wir 1991 bekommen haben. Alles, was wir heute sehen ist nichts anderes als die Ernte der Saat, die wir damals gesät haben. Äthiopien ist ein Land, dass so stolz sein kann: Weil wir am meisten aller Länder dafür getan haben, den Prozess der Dekolonialisierung in ganz Afrika durchzusetzen. Wir waren die ersten, die die afrikanischen Freiheitskämpfer wie Mandela, Kenyatta und andere unterstützt haben. Äthiopien war als einziges afrikanisches Land Gründungsmitglied der UNO – bei jeder Session haben wir die Dekolonialisierung auf die Tagesordnung gebracht. Die „Organisation für Afrikanischen Einheit“ (Vorgänger der Afrikanischen Union – Anm. der Redaktion) hatte von Beginn an seinen Sitz in Äthiopien. Wir haben den panafrikanischen Geist seit dem 19. Jahrhundert in alle Welt getragen. Und dass ausgerechnet dieses Land das einzige in Afrika sein sollte, das eine Apartheids-Verfassung hat, macht mich sehr traurig.

Also geht es auch um einen neuen Föderalismus?

Ich traue mich heute nicht von Äthiopien als einem föderalistischen Staat zu sprechen. Es ist ein Apartheidsstaat. „Kilil“ (die äthiopischen Regionen – Anm. der Redaktion) ist gleich Homelands. Blick zurück nach Südafrika: 1948 kommt bei den Parlamentswahlen Südafrika die fundamentalistische Burenpartei unter der Führung von Daniel François Malan an die Macht. Er gilt als Vater des Apartheidsregimes. Zwei Tage später gibt er eine internationale Pressekonferenz und ein englischer Journalist fragt: „Was ist denn dieses komische Zeug namens Apartheid, was sie uns hier vorstellen wollen?“ Und er gab wortwörtlich die Antwort „Apartheid ist nichts anderes als eine ethnische Föderation.“ Und das ist das was Äthiopien offiziell seit 30 Jahren hat. Es gibt auf der  ganzen Welt keinen einzigen Staat mehr, der dieses System hat. Seit dem Bestehen der Menschheit hat es überhaupt nur zwei Staaten in dieser Form gegeben: Südafrika, wo dieses System Gott sei Dank tot ist – und Äthiopien … Äthiopien ist der einzige Staat in ganz Afrika, wo in den Personalausweisen das Wort Rasse steht. Unsere Brüder und Schwester in Namibia, dem jüngsten Staat, der in die Unabhängigkeit entlassen wurde, sind dagegen glückliche Leute: Da steht in der Verfassung, dass weder ein Minister, noch ein Richter, noch eine Polizist das Recht haben einen namibischen Bürger nach seiner ethnischen Zugehörigkeit zu fragen. Das ist das Paradies auf Erden.                            

Wie käme denn Äthiopien auch dorthin? Was wären hierfür die konkreten nächsten Schritte?

Wir haben jetzt die Situation, dass sich Dr. Abiy legitimieren will und auf Neuwahlen pocht. Mir wäre es viel lieber, wenn man gesagt hätte: Wir geben uns zwei Jahre Zeit, Abiy bleibt Interims-Ministerpräsident und es wird eine verfassungsgebende Versammlung einberufen. Mit Vertreten aus allen Teilen der Bevölkerung: Professoren, Bürger – alle die, die Äthiopien repräsentiert, auch Vertreter der Ethnien. Und diese entwickeln eine wahrliche föderale Verfassung passend zu den äthiopischen Verhältnissen, wie wir sie in Indien, der Bundesrepublik Deutschland oder auch in den Vereinigten Staaten haben. Danach wird dann das äthiopische Volk in einem Referendum gefragt, ob es diese Verfassung akzeptiert. Und erst danach sollte man dann Wahlen durchführen. Dann können wir aufbauen, was Äthiopier seit mindestens 50 Jahren geträumt haben: eine wahre demokratische Republik.

Wie realistisch sehen Sie Ihren Vorschlag selbst?

Die nächsten Tage werden uns zeigen, inwieweit dieser Traum noch geträumt werden kann. Ich sehe nur keine Alternative. Wollen wir wirklich diesen Weg des Ethno-Fundamentalismus weitergehen? Wollen wir Ethno-Nationalisten im Land weiter kultivieren und peu à peu in einen Bürgerkrieg hineinschlittern? Wenn wir zu ethnischen Differenzen Nein sagen, dann müssen wir diesen Weg gehen. „Die Würde des Menschen in unangreifbar und unantastbar“ – dieser Satz muss für alle Ethnien in Äthiopien gelten. Ich wünsche mir für Äthiopien einen freien Rechtsstaat. Was Demokratie ist und was demokratisch, das sind Sachen, über die man noch 100 Tage lang diskutieren kann. Mir geht es um einen freien Rechtsstaat, in dem jeder Äthiopier das Gefühl gerecht behandelt zu werden, keiner einen Vorzug bekommt – alle Äthiopier sind vor dem Gesetz gleich. Das ist das, was wir unseren Völkern in Äthiopien garantieren müssen.

Wir haben zu diesem Thema im Dezember 2015 das erste Mal telefoniert und sie sagten: „Es muss mit einem Wunder zugehen, wenn Äthiopien in fünf Jahren noch in dieser Form existiert“ – wir haben immer wieder gesprochen – sie waren auch schon hoffnungsfroher, was die Zukunft Äthiopiens betrifft. Wir haben noch ein paar Monate bis zum Ende der fünf Jahre. Wie wird es Endes diesen Jahres aussehen und danach?

Gerade in den letzten Wochen bin ich wieder viel pessimistischer geworden. Eines weiß ich jedoch: Äthiopien hat eine letzte Chance. Wenn es Abiy gelingt das in die Wege zu leiten, was die meisten Äthiopier wünschen: endlich ein friedliches, wahrhaftes föderalistisches, demokratisches und gerechtes Äthiopien zu schaffen. Dann wird Äthiopien eines der blühenden Länder Afrikas. Eine zweite Chance wird es jedoch nicht geben. Wir müssen alles auf eine Karte setzen – und diese Karte heißt Abiy Ahmed.

Das Gespräch führte Alexander Bestle, Pressereferent des Deutsch-Äthiopischen Vereins.

"I cannot accuse these young people of their lack of knowledge"

When the first news about the assassination of the Oromo singer Hachalu Hundesa ran through the news tickers on the morning of June 30th and all Ethiopian internet sites went dead, the first thing we tried was to call directly to Addis - but there was no connection. Therefore, one of our first calls reached Prince Asfa-Wossen Asserate* in Germany, who confirmed our worst fears - shots and riots in Addis Abeba. A few days later the international agencies reported more and more deaths in Oromia - 239 is the latest figure. We arranged an interview with the Ethiopian Emperor's great-nephew.

DÄV: The murder of Hachalu Hundesa and the subsequent riots werde widely reported in German and international news. There were a lot of reports about the freedom fight of the Oromo and their feeling of oppression. Is this still a topic since Dr. Abiy has been in power?

Dr. Asserate: Not at all. What is the Oromo Liberation Front about? The OLF has existed since over half a century. Whom do they want to liberate, and from whom? There hasn't been any time in Ethiopian history when the Oromo people were specifically targeted to be oppressed. If there ever has been oppression in Ethiopia, it has always happened simultaneously for everybody. Mengistu, for example, never asked if anyone was an Oromo, Tigray or Eritrean. He oppressed, or even killed everyone equally. The second question is from whom do our Oromo countrymen want to liberate themselves? Do they want to free themselves from Ethiopia on the one hand, but on the other hand keep insisting that they are the strongest ethnic group? This is a major contradiction: In the whole history of mankind, has there ever been a situation where the majority of a nation demanded separation from a country? Whenever this happens, it has always been minorities splitting off - for example Eritrea. What is it that differentiates the Oromo people from the other Ethiopians? They are a mixed population, just like the other Ethiopian people. There is no monoculture within the Oromos, they too are made up of different tribes. As far as I am concerned our Oromo brothers and sisters have played as much a role in forming present day Ethiopia as anybody else.  Unfortunately, their hate figure is our great Emperor Menelik II. Some Oromo now claim, that he is an Amhara, forgetting that he had also Oromo ancestors. The Oromo accuse him of conquered their country at the end of the 19th century. Instead, we should talk about a reconquest of formerly Ethiopian territories dating back to the 16th century. On old Portuguese maps you can see a cross for every Ethiopian Orthodox Church they found in the Horn of Africa. Crosses are to be found in parts of Northern Kenya, Western Sudan and even within Eritrea.

Back again to the feeling of oppression that the Oromo have. Isn't it more that the Ethiopian population, especially the predominantly young people, need more democratic partipication and above all more economic prosperity? Be it in Oromia, Amhara, Tigray, Somali, Afar or Gambella? It is precisely the latter who have not been so represented in the system that has just come to an end, such as the Oromo, Amhara or Tigray.

That is absolutely right. On the subject of the Oromo not being represented, we have to ask ourselves when they were allegedly not represented. For example Menelik II. was the first Emperor ever to have a cabinet - and four of his first seven ministers were Oromo. And I have not yet talked about his generals and his highest dignitaries, most of whom were Oromos. Also Emperor Haile Selassie, who himself had Oromo blood through his father Ras Mekonnen, had many Oromo generals and high officials. So, their version of Ethiopian history must be revised. Let us come to the present. We are now living in a country with more than 110 million Ethiopians, 85 percent of whom are younger than 25 years. Jawar Mohammed, for example, the leader of the Qeerroo, is only 35 years old - so he was five years old when Meles came to power. That means 85 percent of Ethiopians don't know of any other government than that of Meles Zenawi. That is why I cannot accuse these young people of their lack of knowledge of Ethiopian history. How should they have learned what I explained above? Who taught them this country's real history? I am afraid I have to blame our Oromo countrymen of my generation for this unforgivable lack of passing important information to the next generation. They have been living in Europe and America for 40 or 50 years and have taught their children nothing but a fake history of Ethiopia, revenge and hatred. That's why their children are confused - they don't have a clue of what they are saying and only repeat what their elders have told them. Therefore, I must accuse these armchair culprits, who have harmed a whole generation of innocent Ethiopians. Otherwise you are right: Young men of Oromo origin are also living in the 21st century and have exactly the same dreams as all the other young men in Ethiopia or Africa, which is to live decently, to be able to go to school and university, and later get a good job in order to support their parents and family.

Why don't all discontented people in Ethiopia - no matter which ethnic group - work together and demand more participation and economic perspectives?

Because they have been divided amongst themselves for more than 47 years. Nobody has told them to live after the motto: "Unity in diversity and diversity in unity!"

What are the underlying causes of this ongoing crisis, which has repeatedly had fatal outbreaks? Do you see any solutions?

The origin of all evil in Ethiopia is the racist constitution we got in 1995. All we see today is nothing but the harvest of the seed we sowed then. Ethiopia is a country that can be so proud ot itself. Above all countries it has done most to bring about the process of decolonization throughout Africa. We were the first to support African freedom fighters like Mandela, Kenyatta, and others. Ethiopia was the only African country to be a founding member of the UN - at every session decolonization was put on the agenda because Ethtiopia insisted. The "Organization for African Unity" (predecessor of the African Unity - editior's note) was based in Ethiopia from the beginning. We have carried the Pan-African spirit all over the world since the Victory of Adwa in 1896. It makes me incredibly sad that this country of all countries should be the only in Africa with an apartheid constitution.

But Ethiopia calls itself an ethnic federation. What do you say to that?

I don't dare talk about Ethiopia as a real federal state since its inception by the TPLF. It should be seen as an apartheid state. "Kilil" (the Ethiopians regions - editor's note) is a synonym for Homelands. Looking back to South Africa: In 1948, the fundamentalist Boer Party led by Daniel François Malan came to power in the South African parliamentary elections. He is considered to be the father of the apartheid regime. A few days later he held an international press conference and an English journalist asked him: "What is this weird stuff called apartheid that you want to present to us here?" And he answered literally: "Apartheid is nothing more than an ethnic federation". Regrettably, this is what Ethiopia has officially been for 30 years. There isn't a single country in the world anymore with this kind of a system. As a matter of fact, there have only been two countries with this form of government  since the beginning of mankind: South Africa, where this system is thankfully dead and Ethiopia. Ours is the only country in the whole of Africa where the word race appears on our identity cards. Our brothers and sisters in Namibia, the youngest state to be granted independence, are indeed lucky people in comparison: The Namibian Constitution states that neither a minister, nor a judge, nor a policeman has the right to ask a Namibian citizen which ethnic group he belongs to. For us Ethiopians that sounds as paradise on earth!

How could Ethiopia get there too? What would be the concrete next steps for this?

We now have the situation that Dr. Abiy wants to legitimize himself and insists on new elections. I personally would have preferred it, if the Ethiopian Parliament had decreed that Abiy would remain as interim Prime Minister for another two years in order to convene a constitutional assembly. Ethiopians of all parts of the population, local and foreign lawyers, elders from all the different ethnic groups, and various social organisations would be represented in this assembly and would be asked to prepare a new constitution, which would then be legitimized by a referendum. Only then would it have been useful to hold the first truly democratic election in Ethiopia. This would be the fulfilment of what Ethiopians have dreamed for the last 50 years: At last to become citizens of a truly federal and democratic Republic! However since the Ethiopian parliament and the Election Board decided otherwise, we have to accept their decision.

How do you see the future of Ethiopia?

The next few months will show us to what extent our country will maintain its unity  and sovereignty. We must decide wether we really want to continue along this path of ethno-fundamentalism, which the treaded TLPF has imposed upon us. Do we want to continue to cultivate ethno-nationalists within the country and slip bit-by-bit into a civil war? If we say no to ethnocentricity, then we must continue along the well trodden path of democratic federalism. "The dignity of all human beings is inviolable and untouchable" - this sentence must apply to all ethnic groups in Ethiopia. What I would like to see is a free constitutional state, where every Ethiopian feels, that he is treated fairly, where no one is given preferential treatment and where all Ethiopians are equal before the law. These are the rights, that we must guarantee our people  once and for all.

We discussed this on the phone for the first time on in December 2015 and you said: "A miracle must happen for Ethiopia to still exist in this form in five years" - we have spoken again and again - you seemed to have had more hope for the future of Ethiopia. We still have a few months until the five years end. What will the situation be at the end of this year and afterwards?

In the last few weeks, I've become more pessimistic again. But I know one thing: Ethiopia has one last chance. If Prime Minister Abiy succeeds in maintaining law and order and go ahead with his policy of reconcilation Ethiopia's future will be an enviable one. Ethiopia will indeed become one of the most prosperous countries in Africa.  But I am afraid, we may not have a second chance. We must put all our eggs in one basket - and today that basket is called Abiy Ahmed. Let us give him our wholehearted support to create a peaceful, truly federal, democratic and just Ethiopia.

The interview was conducted by Alexander Bestle, press officer of the German-Ethiopian Association (DÄV). Due to new perspectives some editorial changes were made in the transcript from German.

*Prince Asfa-Wossen Asserate, Ph.D., is a consultant for African and Middle Eastern Affairs, bestselling author and a Political Analyst.

 

 

 

 

 

 

 

 

                                          

Ein Äthiopien-Heft von „Aus Politik und Zeitgeschichte“

Mit Beiträgen von Dr. Asfa-Wossen Asserate, Dominic Johnson, Wolbert Smidt und Nicole Hirt. Kommentar unseres Mitglieds Klaus Schmitt: „Der Beitrag von Dominic Johnson in diesem Sammelband ist eine sehr gute Zusammenfassung der politischen Entwicklung seit Haile Selassie und insbesondere seit dem Beginn der Proteste 2015 und der folgenden Machtübernahme durch Abiy Ahmed. Johnson ist der Afrikaspezialist der taz, bislang nicht unbedingt auf Äthiopien spezialisiert. Anscheinend hat im gerade dies geholfen, die wichtigsten Entwicklungen und Faktoren so prägnant zusammenzufassen, wie es uns langjährigen „Insidern“ mit vielen Detailkenntnissen selbst bei politischer Neutralität schwer fällt. Zemelak Ayele und Julia Günter betrachten den eng damit zusammenhängenden ethnischen Föderalismus etwas detaillierter und zumindest teilweise aus der vor-Ort-Perspektive, die mehr lokale Ereignisse wie etwa innerhalb der EPRDF und Meinungen im Zeitverlauf wiedergibt. Der Leser versteht besser, wie Machtausübung durch verschiedenen Ebenen hindurch von der Zentralregierung abwärts funktioniert hat. Eben das, was jetzt zerfällt und zur neuen Unübersichtlichkeit mit sehr vielen Konfliktlinien und Gewalt führt. Auch sehr empfehlenswert.

Was mir bei beiden Analysen fehlt ist der Gedanke, dass Föderalismus als prinzipiell für ein so großes Land wie Äthiopien geeignetes politisches System, auch auf territorialer statt ethnischer Basis organisiert werden könnte. Auch nicht ohne Konflikte, aber wahrscheinlich weniger explosiv, ausgrenzend, individuelle wie lokale Entfaltungsmöglichkeiten beschneidend - während der große Vorteil dezentraler politischer Organisation erhalten bliebe: lokale Partizipation und Gestaltungsmöglichkeiten je nach den örtlichen Verhältnissen in diesem höchst diversen Land.
Wie immer ausserordentlich kenntnisreich greift schließlich der Ethnohistoriker Wolbert Smidt das äthiopische Dauerthema Ethnizität auf. Sein Beitrag über Geschichte und Geschichtserzählungen zeigt, wie unterschiedlich die verschiedenen Völker in ihren je eigenen traditionsgeprägten Sichtweisen die Geschichte dar- und auch entstellen. Historisch handelt es sich halt ebensowenig um ein einheitliches Land wie heute, sondern vielleicht mehr noch als heute um viele Länder. In diesem Beitrag werden sehr viele Vorstellungen über das Land als das dargestellt, was sie sind: politisch, kulturell und religiös von Siegern und Herrschern geprägte Mythen. In den bekämpften lokalen Kulturen wird die Geschichte jeweils ganz anders dargestellt. Smidt zeigt auch auf, was in der abyssinisch geprägten Geschichtsauffassung fast ganz übersehen wurde, z.B. dass der Kampf von Imam Ahmad ibn Ibrahim al-Ghazi („Ahmad Grang“) im 16. Jhdt gegen den ‘legitimen’ äthiopischen Herrscher kein Aufstand eines Provinzrebellen war sondern der Krieg des Herrschers eines eigenständigen Reiches gegen ein anderes, dessen bereits geschlagener Herrscher die Portugiesen zu Hilfe rufen musste, damit Ahmad doch noch geschlagen und das äthiopische Reich wiederhergestellt werden konnte. Dies ist nur einer von vielen erhellenden Momenten in diesem Beitrag. Auch hier schließlich noch was interessantes zum Thema Föderalismus: was gemeinhin als abyssinischer oder äthiopischer Feudalismus bezeichnet wird, war überwiegend auf mehr oder weniger starke Herrscher in den wechselnden historischen Zentren beschränkt, während in den mehr oder weniger unterworfenen Fürstentümern, Provinzen und Bauerndynastien keine wirklichen feudalen Oligarchien bestanden. Eine Art vielfältiger föderaler Struktur, wohl kaum stets ethnisch und zentralistisch definiert, sondern eher von wechselnden Machtverhältnissen, Rivalitäten und Bündnissen geprägt.

So lande ich wieder bei der gleichen Frage: wäre nicht gerade die Diversität Äthiopiens ein geeigneter Ausgangspunkt für einen nicht-ethnischen Föderalismus, der aus mehr und kleineren Einheiten besteht? Der aktuelle Konfliktherd Oromia z.B. ist für ein Bundesland zu groß und in sich zu unterschiedlich. Auf dieser Ebene sehe ich kaum bessere Perspektiven für lokale Selbstbestimmung als in einem zentralistischen Obrigkeitsstaat. Ethnischer Chauvinismus ist hier derzeit ein besonderer Konfliktfaktor, aber längst nicht nur hier. Wird denn gar nicht daran gedacht, ob dieses Gewaltpotential durch kleinere föderale Einheiten, auch über ethnische Grenzen hinweg, entschärft werden könnte? Die Entwicklungsaussichten würden dabei auch besser. Das größte Potential des Landes liegt schließlich in seiner Vielfalt.

„Baumwolle lässt sich nicht virtuell säen, ernten und verarbeiten“

Dass Äthiopien zur Industrialisierung und für höhere Exporteinnahmen seit Jahre auf den Textilsektor setzt, ist bei Interessierten hinlänglich bekannt. Auch dass die staatlichen Industrieparks hier eine wichtige Rolle spielen, ist kein Expertenwissen mehr. Dass sich die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) bereits seit 2008 in dem Sektor engagiert, weiß jedoch kaum jemand. Auch nicht, dass der Gesamtverband der deutschen Maschenindustrie e.V. (Gesamtmasche) längst vor Ort aktiv ist. Anfang Juni hat der deutsche Verband zusammen mit der Ethiopian Textile and Garment Manufacturers Association (ETGAMA) eine Website zu einem neuen dreijährigen Projekt gelauncht. Der Deutsch-Äthiopische Verein sprach mit Silvia Jungbauer, Hauptgeschäftsführerin von Gesamtmasche.      

Wie sind Sie auf Äthiopien aufmerksam geworden kam es eigentlich zu dem Projekt mit dem äthiopischen Textilverband ETGAMA?

Auf Initiative der gemeinnützigen Entwicklungsorganisation sequa kamen wir 2008 erstmals nach Äthiopien. In dieser Zeit wurde ETGAMA mit Unterstützung der GIZ gegründet. In den Folgejahren gab es immer wieder Kontakt über die GIZ und im Rahmen von Delegationsreisen und Messen. Im Zuge der Afrika-Initiative des Bundes reifte der Plan, sich stärker zu engagieren. Unser Projekt ist Anfang Oktober 2019 gestartet.

Was ist der Inhalt des Projekts und wie sehen Ihre Ziele aus?

Es geht vor allem um drei Ziele: Aufbau von Kapazitäten, Training und technische Unterstützung sowie Förderung von Handel und Transparenz. Wir werden unseren Partnerverband ETGAMA dabei unterstützen, seine Mitgliedsfirmen nicht nur wirtschaftlich und rechtlich besser beraten zu können – sondern auch technisch. Je nach Bedarf der Mitglieder wollen wir Beratung, Training, Unterstützung und Information zu Förderung des Handels anbieten. Das beinhaltet auch die Entwicklung eines Qualitätsstandards für Baumwolle. Natürlich geht es auch um internationale Wettbewerbsfähigkeit. Unser Projekt zielt vor allem auf eine nachhaltige, transparente und qualitativ hochwertige Lieferkette ab.

Was ist schon passiert und welche konkreten nächsten Schritte sind geplant?

Letzen November, gleich nach Projektstart, haben wir unser Vorhaben gemeinsam mit ETGAMA auf der African Sourcing & Fashion Week in Addis Abeba präsentiert und äthiopische Unternehmer zum Projekt-Kick-off eingeladen. Im Februar war dann ein Projekt-Team der Gesamtmasche in Äthiopien. Bei einem Workshop der Verbände konnten sich Unternehmer intensiv zu Ideen und Kooperationsmöglichkeiten austauschen. Momentan liegt der Schwerpunkt auf Qualitätsverbesserungen und Transparenz in der baumwollverarbeitenden Lieferkette, angefangen bei der Baumwollfarm. Wir haben  in Äthiopien bereits eine ganze Reihe von Betrieben besucht, darunter mehrere Baumwollspinnereien, aber auch weiterverarbeitende Unternehmen wie Strickereien, Webereien und Nähbetriebe..

Wie hat das aktuelle Geschehen rund um Corona ihre Arbeit verändert?

Corona macht die Zusammenarbeit vor Ort über Monate unmöglich. Das bedeutet für unser Projekt natürlich Verzögerungen. Wo es geht, behelfen wir uns mit Video-Konferenzen. Projektteile, die über Web-Meetings und Telefon besprochen werden können - z. B. Tools zur Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit – ziehen wir zeitlich nach vorne. Das funktioniert prinzipiell gut. Die schwache Internet-Infrastruktur macht uns aber immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Und gewisse Projektziele erfordern physische Präsenz. Baumwolle lässt sich nicht virtuell säen, ernten und verarbeiten. Und bei den Äthiopiern erscheint der Wunsch noch größer als bei uns, gemeinsam um einen Tisch herum persönlich zu diskutieren – und nicht auf die Distanz.

Auch die GIZ und andere Player – auch aus anderen Ländern - engagieren sich in Äthiopien im Bereich Textilien. Wie sieht die Zusammenarbeit mit diesen aus?

Wir tauschen uns regelmäßig mit der GIZ vor Ort aus und kooperieren zum Beispiel auch auf Messen. Die GIZ hat uns auch dabei geholfen, die Partnerschaft mit ETGAMA aufzubauen und mit weiteren wichtigen Organisationen in Kontakt zu kommen.

Wann ist mit ersten Ergebnissen der Kooperation zu rechnen und welcher Art könnten diese sein?

Das Projekt läuft noch bis Ende 2022. Wir hoffen, dass wir bis dahin Firmenpartnerschaften zwischen deutschen und äthiopischen Firmen ankurbeln konnten, vom Garn bis zu textilen Fertigwaren.  Unsere Aktivitäten zu transparenten Lieferketten sollen die Textilbranche in Äthiopien dabei unterstützen, international als verlässlicher Partner wahrgenommen zu werden.

"Wie hat Corona Dein Leben in Äthiopien verändert?"

"Man muss bei Vielem umdenken. Die Schule ist geschlossen und ich arbeite teilweise von zu Hause, teilweise vom Büro aus. Wegen der Versorgungslage hatte man immer schon einen gewissen Vorrat; dieser wurde nun erweitert." - Benjamin Freiberg, seit Beginn 2009 in Äthiopien.

"Wir hatten einige Treffen mit den Bauern und haben versucht, etwas aufzuklären, was das "Corona" denn ist.. Hier kommen nicht allzu viele Infos an für die Bauern, abgesehen von dem Aufruf zum Hände waschen statt dem Rufsignal beim Telefonieren. Es gab viele Gerüchte und viele Ängste, auch negative Gefühle gegenüber Ausländern (zu dem Zeitpunkt war aber ausser mir schon gar niemand mehr in der Mulu Lodge). Wir haben dann u.a. an der Mühle, der Kirche und vorm Markt Hand-Wasch-Stationen aufgebaut mit unseren Bauern, welche auch genutzt werden. Einige Menschen wollen nicht mehr mit dem typischen Schultergruss grüßen, sondern halten wirklich Abstand. Einige aber auch nicht. Der öffentliche Verkehr wr eingestellt, läuft jetzt aber pünktlich zu Ostern wieder. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob und wie man es merken würde, wenn Corona hier ankommt (wenn es das nicht eh schon ist). Auch sonst gehen die Menschen ja selten ins Krankenhaus hier, von daher wird man es vielleicht gar nicht registrieren auf dem Land. Im Dorf hier sieht und merkt man abgesehen von unseren Waschstationen aber keinerlei Veränderung vom täglichen Leben: Kirche, Marktleben, religiöse Treffen (Mehaber), gemeinschaftlich von einer Platte essen, etc." - Valerie Seitz, bertreibt seit 2018 in den Chocke Mountains die "Mulu EcoLodge"

"Nach meinem erfolgreichen Einsatz als CIM/GIZ-Experte für "agricultural mechanization" in der Landwirtschaft, sollte ich fuer GIZ direkt eine weitere Consulting-Tätigkeit übernehmen. Jetzt sitze ich in Addis fest, weil jetzt allgemein die Tätigkeiten hier im Land wegen der Corona Krise eingeschränkt wurden. Das Land ist bis jetzt Gott sei Dank nicht hart von der Epedemie getroffen worden - überraschend wenig Todesfälle, trotzdem ist die Einschränkung wirksam und wir bleiben zu Hause. Aber es gibt viele in der Stadt, die sich so ein "zu Hause bleiben" nicht verkraften oder nicht leisten können. Weil sie kein richtiges zu Hause haben oder sich weiter  täglich ihr Essen verdienen muessen - auch durch Betteln. So ein "lockdown" oder ein "social distancing" funkioniert deshalb hier nicht richtig . Obwohl die Regierung sehr viel unternimmt, um diese Krise unter Kontrolle zu halten. Allgemein ist mein Leben dadurch eingeschränkt. Bei so eine Krise "hilft nur beten" - ein alte Sprichwort. Beten und Gottesdienste sind deswegen staatlich angeordnet: die Fernsehstationen strahlen deshalb jeden Abend Gottesdienste und Predigten aus - für Christen, Orthodoxe, Muslime und Anhänger anderer Rseligionsgruppen." - Haile Mengesha, Ingenieur, lebt eigentlich in Berlin - seit 2019 wieder in Addis

"Bisher geht das Leben fast den gewohnten Gang weiter. Allerdings sind die Schulen und Universitäten geschlossen, auch eine Reihe von Büros und Dienststellen, wie z.B. die Strassenverkehrsbehörde, bei der es TÜV-Plaketten gibt. Man bemüht sich, überall Abstand zu halten, öffentliche Verkehrsmittel (die ich bisher erfolgreich gemieden habe) werden nur zur Hälfte besetzt. An den Haltestellen gibt es lange Abstands-Schlangen. Überall wäscht man sich die Hände, in Geschäften, Banken etc und es werden auch vereinzelt Temperatur-Checks durchgeführt. Seit heute (18. April) gibt es Verkehrsbeschränkungen für private Kfz (gerade/ungerade Endziffern fahren an unterschiedlichen Tagen). Wir versuchen herauszufinden, wer denn wann darf, damit wir das richtige Kfz benutzen. Gott sei's getrommelt und gepfiffen: Geschäftsfahrzeuge dürfen immer fahren. Meine Frau Alem hat seit ein paar Wochen einen Geschäftswagen. Letzten Sonntag haben wir hier bei uns den Gottesdienst gefeiert - mit den Rest-Deutsch sprechenden." Jürgen Greiling, Addis Abeba, bis Ende 2019 GIZ-Experte für Bienenzucht und Honigproduktion

 

Dr. Abiy erhält Nobelpreis - Kommentare & Analysen

„Die dringendste Reform, die Äthiopien braucht, ist die einer neuen Verfassung. Es können keine weitreichenden Reformen in dem Land umgesetzt werden, ohne dass die Verfassung grundlegend geändert wird. (…) Die bestehende Verfassung ist der Grund allen Übels. Alle Probleme, die Äthiopien hat, entspringen der aktuellen, rassistischen Verfassung. Es ist eine Verfassung die einen Staat hervorgerufen hat, der sich als einziger Staat auf dieser Welt eine „ethnische Föderation“ nennt. Für mich ist dieser Begriff ein anderes Wort für Apartheid.“ (Dr. Asfa-Wossen Asserate)

„Der Nobelpreis könnte Abiy nun aber helfen, die vielen Probleme anzugehen. Noch nicht einmal zwei Jahre ist er im Amt, zu wenig, um all die Aufgaben zu lösen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten aufgetürmt haben. Für viele Äthiopier hat sich die persönliche Lage unter der neuen Führung sogar verschlechtert, trotz aller Reformen oder gerade ihretwegen. Lesenswerte Analyse der Süddeutschen Zeitung zum Friedensnobelpreis.“ (Süddeutsche Zeitung)

„Nur wenn es Abiy Ahmed gelingt, diese Konflikte beizulegen, ohne dass Äthiopien auseinanderbricht, nur wenn er es schafft, Jobs für die Millionen, überwiegend jungen Äthiopier zu schaffen, wird er nicht nur als international gefeierter Friedensnobelpreisträger, sondern auch als erfolgreicher äthiopischer Regierungschef in die Geschichte eingehen.“ (Die Welt)

„Über den Erfolg von Abiys Reformkurs wird wohl auch das Schicksal der jungen Menschen auf dem Land entscheiden. Zwei Drittel der Gesamtbevölkerung sind unter 25, mindestens 30 Millionen sollen ohne Job sein. Der Rest arbeitet oft als Tagelöhner auf den Feldern oder im informellen Sektor der Städte, trotz überwiegend guter Ausbildung. Wenn es ihnen nicht bald deutlich besser geht, dürfte die Abiy-Mania bald vorbei sein. Versöhnung alleine macht nicht satt.“ (Neues Deutschland)

Doch die Unterstützung der Bundesregierung bleibt bisher einfallslos. Warum sie die neue Leiterin der äthiopischen Wahlbehörde ausgerechnet nach Deutschland eingeladen hat, wo Wahlen grundsätzlich reibungslos verlaufen, anstatt eine Zusammenarbeit mit einem Transformationsland wie beispielsweise Tunesien zu fördern, wo die Anknüpfungspunkte größer wären, ist ein Rätsel. Hier muss sich die Bundesregierung von ihrer deutschen Selbstzentriertheit lösen und deutlich innovativere Ansätze und Instrumente entwickeln, die sie dann auch in anderen Fällen anwenden könnte.“ (Gastkommentar in Die Zeit)

„Abiy hat den höchsten Friedenspreis also bekommen für einen Frieden, der in erster Linie auf dem Papier existiert. Schlimmer noch: Am Ende könnte die Verleihung eben jene Friedensbemühungen sogar torpedieren. Indem sich nämlich die eritreische Führung noch weiter als bislang geschehen unter Zugzwang gesetzt fühlt. Wer derart skrupellos ein ganzes Volk zwecks eigenen Machterhaltes in Ketten hält wie der brummige Autokrat in Asmara, der lässt sich ungern von einem halb so alten Charismatiker in aller Weltöffentlichkeit düpieren.“ (Deutsche Welle)

Das Nobelpreiskomitee knüpft mit Abiy Ahmed an Barack Obama an: Gewürdigt wird die Erwartung und nicht nur die Leistung, die Hoffnung, nicht nur der Erfolg. Aber zunächst ist das zweitrangig. Äthiopien, das einzige afrikanische Land, das sich erfolgreich der kolonialen europäischen Eroberung ­widersetzte, ist auch die letzte der mehrtausendjährigen alten Weltzivilisationen, die noch nie mit einem Nobelpreis geehrt worden waren. Ein großes Land und mit ihm ein ganzer Kontinent wird jetzt stolz sein.“ (taz)

„Nach einem gescheiterten Staatsstreich im Juni zog der Premier autoritäre Seiten auf und ließ Hunderte von Menschen verhaften. Der Wahltermin im kommenden Jahr, bei dem sich der Regierungschef, der vor eineinhalb Jahren aus dem Nichts ins Amt nachrückte, auch demokratisch legitimieren will, dürfte nicht halten. Der Übergang zur Demokratie in Äthiopien kann noch scheitern. Ob der Friedensnobelpreis nur ein Symptom einer naiven Hoffnung auf ein Happy End auf dem gebeutelten Kontinent Afrika ist, ist längst nicht ausgemacht.“ (Der Standard / Österreich)

„Die Aggressionen haben auch einen religiösen Aspekt. 52 der Toten sind laut einem Kirchenvertreter orthodoxe Christen. Diese machen etwa 40 Prozent der äthiopischen Bevölkerung aus. Viele Äthiopier assoziieren die orthodoxe Kirche vor allem mit den Amharen. Zwischen den Volksgruppen der Oromo und der Amharen existiert eine lange Geschichte von Spannung und Feindschaft; religiöse und ethnische Identität werden dabei oft vermischt. Zugleich jedoch gibt es in Äthiopien, nebst der Binnenmigration, viele Heiraten zwischen Angehörigen der verschiedenen Ethnien, und trotz dem ethnischen Charakter der Regionen sind die Gebiete nirgends ethnisch «rein». Allerdings scheinen die Aktionen der Radikalen genau auf eine solche ethnische «Säuberung» hinauszulaufen.“ (NZZ / Schweiz)

„Jawar, so scheint es, hat Abiy mit dem Rücken an die Wand getrieben. Der Radikale hat offenbar bereits die Wahlen im Mai 2020 im Blick. Abiy hat mehrfach versprochen, es solle fair gewählt werden, das wäre noch ein Novum in Äthiopien. Sollte Jawar antreten, schwinden Abiys Chancen auf einen Sieg. Aber der Oromo-Machtkampf ist nicht Abiys einzige Sorge: Es gibt weitere Gruppen, denen die neue Freiheit nicht genügt. Sie wollen sich von Äthiopien abspalten und andere Ethnien mit Gewalt vertreiben. Seit Mitte 2018 haben bewaffnete Separatisten so Millionen in die Flucht gedrängt und Hunderte getötet. Abiy schickte die Armee gegen sie, noch mehr Menschen starben. Abiys Dilemma: Staatliche Gewalt gegen die eigene Bevölkerung soll es bei ihm nicht geben. Wandte er sie in der Peripherie doch an, fiel das bislang meist eher lokalen Menschenrechtsorganisationen auf. Addis Abeba aber ist das Zentrum des fragilen Landes. In der Hauptstadt landen die Touristen, hier sitzt die Afrikanische Union, hier schlägt das Herz der eigentlich vielversprechenden, großen Volkswirtschaft. Dort und im Umland sind dem Premier doppelt die Hände gebunden. Und das weiß vor allem: Jawar Mohammed.“ (Der Spiegel)

“To be clear, I did not nominate Abiy because I believed he had effectively transformed the peace and security landscape in Ethiopia or the Horn of Africa. Although his achievements were nothing less than stellar, I nominated him partly because I view the Nobel Peace Prize as a call to action - a prestigious award that would give Abiy the moral authority to redouble his efforts to achieve a new political settlement in the region based on peaceful co-existence and economic interdependence.” (Al Jazeera)

„THERE ARE two types of Nobel Peace Prize winner. The uncontroversial ones are often campaigners, such as Nadia Murad (who won last year for her work highlighting rape during war) or the Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons (which won in 2013). The controversial ones are often the politicians who actually negotiate peace deals—think of Yasser Arafat or F.W. de Klerk. Politics in violent places is a nasty, messy affair, and peace deals don’t always last. The award of the prize on October 11th to Abiy Ahmed, Ethiopia’s prime minister, will spark more debate than most.“ (Economist)

„The run-up to the 2020 election will be rife with uncertainty, not only because of entrenched party rivalry and the growing risk of ethnic strife, but also because needed structural reforms – of the judiciary, which means politicized, and of the election commission – cannot fully implemented before voting next year. And without proper democratic institutions and formal checks and balances in place going into the election, anything can happen.” (The New York Times)

"The peace prize bestowed on Ethiopia’s prime minister is a call to halt these atrocities. When Abiy assumed power, it was by riding a wave of discontent over the displacement of poor farming communities around Addis Ababa, whose grievances he – uniquely among senior politicians in the country – had the courage to acknowledge. Whereas the displacement of communities in the vicinity of the capital sparked outrage, the unjust treatment of ethnic minorities has not, so far, attained the status of a popular issue. For the people of the Lower Omo, the situation is desperate. But for Ethiopia and its friends, there is still a chance of salvage. Working for peace, as Abiy well knows, inspires most when it is carried out not in good times – when people are already united – but when power appears to reside with the forces of violence and division." (The Guardian)

„More than ever, Abiy is now under an African and global spotlight, and expectations on him to deliver are enormous. He needs to marshall local, regional, continental and international resources to promote peace and stability in Ethiopia and Africa at large. Africa’s latest peace laureate needs to show that he can consolidate his vision with support from his party, the nation’s bureaucracy and its people, while engaging with political opponents. The Nobel Peace Prize gives Abiy valuable moral and political momentum to press ahead with his domestic and regional ambitions.“ (Institute for Security Studies)

"As with Meles, the international community’s idolization of Abiy feels disproportionate to his actual accomplishments. The awarding of the Nobel Prize is also very poorly timed, occurring only seven months before elections that are widely expected to plunge the country into further unrest. Abiy has already repeatedly shut off the internet and locked up protesters, and he may yet do worse. How will that reflect on the Nobel Prize?" (Foreign Policy)

“The prestigious recognition, while deserved, must be accompanied by a sober appreciation of what came before Abiy, and of the bumpy road ahead. The ruling EPRDF is a marriage of convenience, a four-tentacled coalition that allowed each ethno-regional arm a degree of autonomy and a share of the national cake. While famously disciplined and undeniably heavy-handed, proponents of the liberation movement-turned ruling party argued their formula is what has held one of Africa’s largest and most diverse countries together for three decades.” (Brooking Institute)

„Sustaining peace, both regionally and domestically, requires the building of institutions, as Abiy and his team know well. If the Nobel Peace Prize energizes these initiatives that engage not only Abiy but a range of political and civil society actors and leaders of regional states, then the prize will serve to advance peace in a region that is ready for it.” (Foreign Policy)

„Ensuring accountability for past crimes, along with reconciliation and healing, will be key not only for dealing with Ethiopia’s legacy of abuse, but also with the heightened political and ethnic tensions and violence affecting much of the country. Abiy should also use ongoing negotiations with Eritrea to press for urgently needed rights reforms there.“ (Human Rights Watch)

„There are a great many troubling issues still unresolved in Ethiopia and tense times ahead with an election due next year. Abiy also has many enemies. These include agitators who try to use ethnic fault-lines for their own political ends, powerful ethno-nationalist activists who thrive on division and political entrepreneurs who only see politics as a means of personal enrichment. All are relentlessly working to exploit a fragile situation. Securing the safety of the citizens is the bare minimum he needs to do.“ (Quartz Africa)

“In Ethiopia, everything is based on ethnicity; it’s the first thing people think about – it is even on your ID card,” said Obana Metho, founder and executive director of The Solidarity Movement for a New Ethiopia, a local civic organisation that promotes dialogue to achieve change. “Ethnicity is anti-democratic by definition, as it excludes,” said Metho. “Changing a country planned on ethnicity will take a lot.” (The New Humanitarian)

„The award of the Nobel Peace Prize to Prime Minister Abiy Ahmed Ali of Ethiopia seems full of irony, and in many ways – perhaps too many. But first, and following convention, one must congratulate the new Laureate. It would be improper not to recognize the honor merely because of seriously-held disagreements with the prime minister’s policies. It is good news for Ethiopia and Africa that one of its own has won the Prize. But this of itself is no reason not to question the justification for the award, or to remain silent for fear of attacks from political cheerleaders. Sometimes, somewhere and for someone, it is necessary and useful to scrutinize issues and record misgivings, if any.“ (Addis Standard)

„This crisis is the making of the Prime Minister who is more of a showman and a stooge of extremists rather than a leader with substance and grand strategy for peace and development in Ethiopia and the region. His intention was to create a modified version of the current political system and create a perception of change and maintain the status quo in a disguised form. That approach did not work and has not been fully accepted even by his own constituency. This stalemate has created a crisis which requires the urgent intervention of the AU, the United Nations, and the European Union to ensure stability in Ethiopia, but more importantly to ensure regional stability and prevent violent extremism from taking over the country and the region with global security implications. The instability of a country with a population of over 100 million will have far reaching consequences on every country in the region; and Europe should be bracing for the migration of millions.“ (Borkena)

„Ethiopia is again on edge, and there’s no reason why anyone at home or in the international community should be surprised. For all of the optimism that came with Prime Minister Abiy Ahmed’s leadership and his commitment to enacting democratic reforms, there’s always been a drumbeat of analysts warning that ethnic tensions aren’t going away, and ominous predictions that Ethiopia’s tangled knots were more complicated than one man could undo.“ (Africa Times)

„Abiy seems to be the prisoner of Ethiopia’s federal government, the very system that propped him up. This federal system draws its legitimacy from citizens maintaining a strong ethnic identity at the regional level. In light of this the new premier has two options. One is to actively pursue the unifying agenda that made him popular, which would alienate his ethnic Oromo constituency. The other is to align with the interests of the Oromo ethno-nationalist movement. This would secure the electoral support of his political base in Oromia. But choosing the latter could deprive him of the non-Oromo support he has been enjoying.“ (The Conversation)

 

Große Symbole - große Krisen: GERD

Der Great Ethiopian Renaissance Dam (GERD) ist bekanntermaßen ein nationales Symbol. Im Moment wird das Mittelstück mit Beton gefüllt, die Bauarbeiten laufen angeblich gut, Ende des kommende Jahres soll der Strom geliefert werden und bis 2023 die Bauarbeiten fertig sein. Wenn es zu Verzögerungen kommt, kann man diese, wie derzeit der Fall, dem ehemals omnipräsenten Militärkonglomerat METEC anlasten. Soweit so gut, wären da nicht flussabwärts nicht zwei weitere Staaten betroffen. Der Konflikt einfach auf den Punkt gebracht: „Egypt needs water, Ethiopia seeks electricity, Sudan wants both.“ Es geht natürlich auch etwas komplexer: Eine aktuelle Chronologie seit der Verkündung des Baus 2011 bietet The Reporter Ethiopia mit seinem Stück „GERD politics: back to square one?" Einen noch tieferen Einblick vor allem in die völkerrechtliche Einbettung, die bis zum Jahre 1902 zurückreicht liefert „Grand Nile compromise—a Sisyphean task?“ von Ethiopia Insight. Die aktuelle Entwicklungen in den letzten Wochen: Nach einigen Verschiebungen der GERD-Gespräche legte Ägypten einen neune Verhandlungsvorschlag vor, der bei Äthiopien alles anderes als gut ankam: "Ethiopian hydro power experts said Egypt’s recent proposal regarding the filling of the Grand Ethiopian Renaissance Dam is very dangerous and has set different traps to put Ethiopia on the losing side. (...) Egypt’s new proposal requires Ethiopia to fill the dam phase by phase. Accordingly, Ethiopia would fill part of the dam for two years and cannot go to the second phase until its impact on the downstream countries is assessed." Die politische Ebene formulierte härter: “Egypt’s proposal is an effort to maintain a self-claimed colonial era-based water allocation and veto power on any project in the Nile system”, so der äthiopische Außenminister Gedu. Ägypten bittet schließlich die internationale Gemeinschaft um Vermittlung in dem Streit. Bevor sich Premier Abiy und Präsident Sisi beim Afrika-Russland-Gipfel die Hände schüttelten und ein „technisches Komitee“ einsetzen, legte bei der oben bereits erwähnten Parlamentsrede noch einmal nach: keine Macht könne Äthiopien daran hindern den Damm zu bauen. Angeblich gibt es aber schon Planungen GERD um drei Turbinen zu reduzieren. Am 6. November fand nun ein Dreiparteien-Gespräch unter amerikanische Vermittlung in Washington statt – man einigte sich auf weiter Gespräche – bis Mitte Januar will man eine gemeinsame Erklärung präsentieren. Und Präsident Trump freut sich schon jetzt auf die Einweihungsfeier von GERD und plant persönlich das Band zu durchschneiden.

Große Symbole - große Krisen: Kirche

Die äthiopischen Kirchen verstehen sich über alle Konfessionen hinweg vorbildlich – auch so ein nationale Symbol, das, wenn es überhaupt jemals so rückhaltlos galt, nun ernsthaft bedroht ist: Die Heilige Synode der äthiopischen Tewahedo-Kirche muss sich auf einmal mit der Abspaltung einer Oromo Orthodox Church befassen. Kirchen werden geschändet, Priester getötet. In den letzten zwei Jahren sollen 30 Kirchen angegriffen worden sein. Die orthodoxe Gläubigen gehen schließlich zu Millionen auf die Straße, die Kirche zieht dann aber weitere regionale Meetings und Gespräch weiteren Massenveranstaltungen vor – vorerst. Vor dem alljährlichen Meskel-Fest erwartet die Kirche vergeblich auf ein klares Statement der Regierung gegen diese Gewalt: "The Orthodox Christians are not happy with the government. The people expect the government to say something about the church. Why is the government remaining silent?" Dr. Abiy outet sich hingegen als Fan des oromischen Erntedankfestes Irreecha: “Since values that build brotherhood and encourage social interaction have significant contributions for nation building, let’s use this great celebration for this purpose.” Bei Irreecha geht es vor allem auch um die Identität und den Stolz des Oromo-Volkes. Am 5. Oktober wurde gefeiert – zum ersten Mal auch ganz groß in Addis Abeba: „Ethiopia's spring festival in capital after 150 years“ betitelt Al-Jazeera eine Videoreportage – viele westlich Medien schreiben das ab. Vor 150 Jahren gab es in Äthiopien aber noch keine Stadt mit diesem Namen – die riesige Party hat nun ihre politische Debatte, wer wann wo zuerst war und deshalb heute wieder alles beanspruchen darf oder auch nicht … Dass sich der Oromia-Vizepräsident Shimelis bei seiner Irreecha-Rede zu einer Beleidigung der Amharen (siehe oben) hinreißen lässt, lässt Abiys Freude über das Fest als „Symbol für Frieden und Einheit“ geradezu naiv erscheinen. Es kann kaum wundern, dass die Tewahedo-Kirche nach den tödlichen Ausschreitungen in Oromia zu den größten Kritikern von Dr. Abiy zählt. Die Kirche will außerdem im ganzen Land Trainingscenter in der jeweiligen Regionalsprache anbieten.

Große Symbole - große Krisen: EPRDF

Die Ethiopian People‘s Revolutionary Democratic Front – noch so ein Symbol der der jüngsten äthiopischen Geschichte. Das jedoch inzwischen für die Mehrheit der Äthiopier die Strahlkraft verloren zu haben scheint. An der Spitze dieser Bewegung Dr. Abiy selbst, immerhin Chef dieser Vierparteienfront. Er will die Front in die Ethiopian Prosperity Party (EPP) umbauen – demokratischer, mit nationalem Anspruch – Abschied vom ethnischen Fundament der Parteien und vor allem von der Revolutionary Democracy. Nicht unerwartet kommt der größte Widerstand von der TPLF, Hauptinitiator der EPRDF und größter Verlierer bei einer Umstrukturierung. Die Regierungspartei aus Tigray hält die Pläne schlicht für illegal und sieht ein Zerfall des Landes als Konsequenz. Ein Szenario, das sowohl Analyse als auch Drohung ist. Die EPRDF widerspricht in einem offiziellen Statement prompt: Die TPLF wirke an diesem Prozess seit längerem mit, dabei gehe es nicht um den Abbau des Föderalismus: “TPLF has repetitively stated that the process of creating a unified single party would result in creating a unitary form of government; however this argument about the creation of a unified party, which apparently was advocated for by TPLF previously, resulting into the dismantle of the federal form of government doesn’t hold no water.”  In einem äußerst lesenswerten Beitrag für Insight Ethiopia kann Äthiopien-Experte René Lefort der EPP-Idee durchaus etwas abgewinnen, sieht jedoch auch enorme Gefahren: "This potential party will not merely be an EPRDF expanded to include affiliated parties, adopting representation proportionate to their regions’ size, population, etc. Instead, it would mean the creation of a new party. One which would turn its back on the past ideology and organisation of the EPRDF. Its unifying factor would be his person alone and his philosophy of Medemer. Abiy Ahmed wants to build EPP to cement his power, now and in the future. (...) if the EPP comes to life, the development will likely lead to a political choice between an “Abiy pole” and an “ethnic federalist pole”. The hope is that, thereafter, the currently diverse and divided multitude of political forces would then—more or less—gravitate to either of these two poles. This could be the beginning of a clearing-up of the political landscape. (...) Nevertheless, it is highly probable that the rift over the EPP, which has already deepened the splits inside the EPRDF, will, in the short-term, only deepen the country’s ongoing crisis. (...) And, in addition to the risk of exacerbating deadly tensions, another question is if Abiy’s primary focus is really to move towards a democratic transition—or if it is to cement his power?". Antworten auf Leforts Artikel gibt es von Messay Kebede in Ethiopia Observer und Ephrem Madebo (Borkena).

Dass Großdemonstrationen der Opposition auf Druck der Polizei abgesagt werden mussten und Organisatoren verhaftet wurden, während Pro-Abiy-Demos in der Region stattfinden konnten, lässt keine guten Rückschlüsse über das Demokratieverständnis der neuen Mächtigen in Äthiopien zu. Und ob die Kooperationsvereinbarung der ODP mit OLF und OLC für die Wahl im kommenden Jahr wirklich ein Einstieg in eine nationale Partei sein kann? Auch wichtige Amhara-Parteien haben inzwischen ihre Zusammenarbeit vereinbart. Eines ist jedenfalls klar – so wie bisher kann es nicht weitergehen. Das macht auch das Enthüllungsbuch eines EPRDF/TPLF-Insiders deutlich. Die herrschende Partei und die staatlichen Institutionen wie das National Electoral Board of Ethiopia (NEBE) stehen unter verschärfter Beobachtung der Opposition.

DÄV-Leitartikel: Abiy zwischen Kieg und Frieden

Der Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr am 10. Dezember an den äthiopischen Ministerpräsidenten verliehen – als wer wird er nach Oslo reisen? Als strahlender Friedensstifter zwischen Äthiopien und Eritrea und erfolgreicher Autor des Buches „Medemer“, das sich für eine neue/alte Synergie in Äthiopien einsetzt? Anders als bei der Verleihung des Hessischen Friedenspreises 2019 wird sich Dr. Abiy es sich wohl nicht nehmen lassen die Auszeichnung persönlich entgegen zu nehmen.

Als Initiator eines bis vor kurzem noch undenkbaren Friedensprozesses wird er nicht unverdient ausgezeichnet – auch erhält er den Preis als Motivation für weitere Schritte: “No doubt some people will think this year’s prize is being awarded too early,” Berit Reiss-Andersen, the chair of the Norwegian Nobel Committee, acknowledged. “The Norwegian Nobel Committee believes it is now that Abiy Ahmed’s efforts deserve recognition and need encouragement.” (The New York Times). Dem Nobelpreiskomitee „Naivität“ bei seiner Wahl zu unterstellen, wie mancher Kommentator dies tut, greift also nicht nur zu kurz, sondern ist selbst auch ein Stück weit naiv. Ist Idealismus und nicht gerade Kernkompetenz der Nobel-Juroren? Lässt sich mit moralisch weißer Weste in der Politik tatsächlich etwas erreichen?

Doch bei aller Freude über die neue Menschlichkeit zwischen Äthiopien und Eritrea, ist nicht zu leugnen, dass die Annährung mit Eritrea ins Stocken geraten ist. Die Auszeichnung für Dr. Abiy kommentiert das offizielle Eritrea mit eisernem Schweigendas nicht auch Präsident Esayas Afework ausgezeichnet wurde, hält man hier für „beispiellos“. Viel schwerer wiegen jedoch die Schwierigkeiten im eigenen Land, die den Ansprüchen des „Medemer“-Autors Abiy nicht gerecht werden können. (Über den Begriff „Medemer“ die DÄV-Vorsitzenden Maija Priess). Vor allem 1.200 Tote bei ethnischen Zusammenstößen im eigenen Land seit dem Amstantritt – bei jüngsten Gewaltausbrüchen in Oromia kamen mindestens 78 Tote und über 200 Verletzte hinzu. So viel Binnengeflüchtete in Äthiopien wie nie zuvor. Dem erst eineinhalb Jahre regierenden Premier die Schuld für föderale Fehlkonstruktion der letzten 30 Jahre und deren Implosion in die Schuhe zu schieben ist jedoch lächerlich. Ebenso schwierig ist die Forderung nach der „harten Hand“ – ist es ja gerade der andere Umgang mit Konflikten, durch die sich Dr. Abiy positiv von seinen Vorgänger abheben will: “The government has come to a decision for dialogue and education instead of using force, however, those who think patience is fear or altruism is weakness should know they are mistaken.”

Tatsächlich muss er sich jedoch den Vorwurf gefallen lassen auf Konflikte innerhalb seines Kernlandes Oromia anders reagiert zu haben als solche in anderen Bundesländern, auf die die Bundesregierung noch Zugriff hat (ausgenommen also Tigray). Es ist eben nicht die einfachste Übung sich mit den Leuten anzulegen, die einem die Basis für Machtergreifung gelegt haben. Mit einer Rede vor dem Parlament am Dienstag 22. Oktober scheint der Ministerpräsident eine Grenze überschritten zu haben: “Media owners who don’t have Ethiopian passports are playing both ways. We tried to be patient. But if this is going to undermine the peace and existence of Ethiopia ... we will take measures”, hatte Abiy gesagt. Gegen Mitternacht desselben Tages wurde angeblich vor dem Haus des Oromo-Aktivisten Jawar Mohamed das Sicherheitspersonal abgezogen. Anschließend eilten seine Anhänger zur Unterstützung vor sein Anwesen und protestierten auch gegen Dr. Abiy Ahmed. Während er in Sotschi beim Afrika-Russland-Gipfel in Sotschi weilte, blockierte die Qeerroo-Bewegung am Mittwoch und Donnerstag viele Straßen in den großen oromischen Städten außerhalb von Addis, vor allem Jugendliche mit amharischen Wurzeln wurden attackiert, aber auch andere Ethnien sollen zum Verlassen von Oromia aufgefordert worden sein – auch Angriff auf Kirchen werden berichtet. Jawar ruft schließlich zur Ruhe auf – Straßensperren werden wieder geräumt. Anruf am FReitag dieser Woche bei Freunden in Amhara: „Jawar ist jetzt der neue Ministerpräsident.“

Was ist dran? Welche Macht hat der US-Amerikaner wirklich? Nach dem Amstantritt von Abiy hatte er für sich nicht weniger als die Rolle als Königsmacher reklamiert. Nun spielt er mit dem Gedanken bei der Wahl im kommenden Jahr gegen Abiy anzutreten – als US-Amerikaner müsste er dafür seinen Pass zurückgeben. Während der Ministerpräsident lange Zeit schweigt und sich erst einmal nur zu einer schmalen Erklärung und mehreren Treffen mit Honoratioren und Vertretern der Gesellschaft in Oromia durchringen kann, verbreitet der von vielen Äthiopiern ebenso geliebte wie gehasste Jawar über westliche Agenturen wie AP und AFP seine Sicht der Dinge: Abiy versuche die autoritäre Herrschaft wieder herzustellen. Am deutlichsten äußerte sich zunächst lediglich die eigentlich nur repräsentierende Präsidentin Sahle-Work, die durch die jüngsten Ereignisse in Oromia eine „rote Linie überschritten“ sieht. (Mehr zu den bemerkenswerten Auftritten der Präsidentin in den letzten Monaten finden Sie auf unserer Website.) Auch der Ethiopian Humans Rights Council fordert, dass die Täter verfolgt werden müssten. Für beide gab es sofort Kritik von Jawar. Der äthiopische Patriarch Abune Mathias I trauert hingegen um die Toten und geht mit der Regierung hart ins Gericht. Schließlich lässt Abiy eine Wochen später seine Pressesprecherin Billene Seyoum eine offizielle Opferzahl verkünden, hastige Worte der Trauer sprechen und eine eingehende Untersuchung der „senseless acts“ ankündigen. Wenige Tage später muss der Premier dann doch noch einmal selbst vor die Kamera – inzwischen sind 86 Tote gezählt. Ob diese Statements den Augenzeugenberichten vor allem aus Adama (z.B. bei der AFP oder The Reporter Ethiopia) gerecht werden?

Wo ist die Machtbasis des bisher gefeierten Ministerpräsidenten? Die Oromo-Jugendbewegung Qeerroo scheint sich gegen Abiy zu stellen. Tigrays Eliten standen noch nie richtig an seiner Seite. Beim Putsch in Amhara im Juni und seine Reaktion darauf hat er viel Unterstützung in Amhara verloren. Brodelt es jetzt auch in der ODP? Oder wie ist der Machtkampf um das Bürgermeisteramt in Addis (anders als in dieser Meldung von Addis Standard ist er immer noch im Amt) und unnötige Provokation des Oromia-Vizepräsident Shimelis Abdisa zu deuten? Dieser hatte bei den Irreechaa-Feierlichkeiten, die zum ersten Mal überhaupt in Addis stattfanden, die Befreiung von den „naftegna“ („Gewehrträger“) gefeiert – ein Begriff der gerne abschätzigen für Amharen gebraucht wird – in Anspielung auf die mit Gewehren bewaffneten Kämpfer des Kaisers Menelik, der große Teile Oromias erobert hat. Seine Partei, die ODP, musste sich anschließend um Schadensbegrenzung bemühen. Inzwischen nennen die Qeerroo Abiy selbst „naftegna“.

Noch Mitte September sagte Dr. Abiy in einem Interview mit Sheger Radio, dass Äthiopien keine andere Wahl als die Einheit habe. Er äußerte sich optimistisch, dass das auch so bleiben werde und Äthiopien in ein paar Jahrzehnten ein „blühendes“ („prosperous“) Land sein werde. Im Moment klingt das weiter weg denn je. Wir drücken auf jeden Fall die Daumen! Einen Tag vor der Nobelpreisverleihung ist in Äthiopien der 14. Nations, Nationalities and Peoples Day – Zeit zu zeigen, wie nahe sich die Menschen in Äthiopien wirklich noch sind. Und wie es um die Hoffnung auf den selbst gar nicht so genau definierbaren Frieden steht: „Denn was Frieden genau ist, Frieden für wen, mit wem, selbst das ist ja auch umstritten. Insofern wundert es nicht, wenn auch der Friedensnobelpreis und wie er vergeben wird und an wen, immer wieder Diskussionen und Debatten auslöst. Das ist nicht schlecht, das ist eigentlich auch immer wieder Anlass, über diese Themen zu sprechen und nachzudenken.“ (Deutschlandfunk mit Friedenforscher Jörg Münchenberg im Gespräch)

100 Prozent lesenswert ist die Analyse des Äthiopien-Experten Tom Gardener „Abiy Ahmed and the struggle to keep Ethiopia together“ in „The Africa Report“, die noch vor den jüngsten Ausschreitungen in Oromia entstand. Ebenso die allgemeine Äthiopien-Studie „Resetting Ethiopia - Will the state heal or fail?“ des europäischen Institute for Security Studies. Außerdem eine aktuelle Reportage der Saarbrücker Zeitung eines deutschen Journalisten, der tatsächlich in Addis lebt: „Äthiopiens Hoffnungsträger am Scheideweg“.

Weitere Kommentare und Analysen zum Friedensnobelpreis und der aktuellen Situation in (inkl. Interviews mit Dr. Asserate) finden Sie auf unserer Website.

 

DÄV: Gewalt in Gonder & mehr

Kemant-Frage

Ethnische Morde in Nord Gonder: „The attackers opened fire in ambush and killed members of security forces. The other members of the attacking group murdered six innocent farmers who were travelling on a Minibus at place called Gint, near Chilga town. The farmers were gunned down after their ethnic background was identified.“ Die Morde werden dem Kimant Commmitee zugeschrieben - ebenso wie 12 anschließend ermodete Soldaten. Daraufhin gibt es eine US-Sicherheitswarnung: „The US government issued a security alert to its citizens in Ethiopia following ‘reports of gunfire, roadblocks and the destruction of property’ in and around the city of Gondar in Amhara region. This follows recent reports of unrest and severe firefights coming out of the area.“ Die Regionalregierung weiß sich allein nicht meghr zu helfen und bitte die föderale Armee um Hilfe: „The force will be active in the region particularly in Central and West Gondar, Gondar city, as well as in the Qimant administrative areas. In this regard, the security force has been given the mandated to take, “Any forceful and proportional measures,” against any forces operating in the aforementioned areas.“

"Statement from the council accuses the Qimant Self Determination and Identity Committee of employing unconstitutional means to “impose its will over the [Qimant nation]” and the regional government; but it also admits that counter measures taken by the regional state security to combat these activities have resulted in damages. It further admitted that the unrest since September 26, 2019 that occurred in Central and Western Gonder, the city of Gonder and the Qimant administration areas, which, according to media reports, has claimed the lives of at least 22 people, as an indication of counter measure damages. It also said that “informally organized forces” who were engaged in “anti-peace activities” were taking advantage of the situation."

&mehr

Mindestens drei Menschen sterben bei Schießereien in einer Kleinstadt in der North Shewa Zone (Amhara). Behörden machen den militärischen Arm der OLF verantwortlich.

Sicherheitsgefährdende Jugend in Dire Dawa: "Ethiopia’s eastern city of Dire Dawa has witnessed a two-day security problem during which one person was killed and many others wounded over the last weekend. In a briefing on Monday, Government Communications Affairs Bureau of the city administration said the security problems mainly involved fighting between organized youth groups, accompanied by knives in places called Qefira, Dechatuna and Amistegna."

In Wollega kämpft angeblich die nationale Armee gegen OLF.

Präsidentin Sahle-Work im Fokus

Präsidentin Sahle-Work setzt sich bei ihrer Jungfernrede in der UN-Generalversammlung in New York dafür ein, dass Entwicklungsländer mehr Unterstützung bei der Einführung erneuerbarer Energien bekommen: "President Sahle-Work Zewde said delivering timely and adequate financial support to developing countries that are most vulnerable to climate change is important so that the transition to renewable energy can be realized quickly and successfully. President Sahle-Work Zewde made this remark at the closing of 74th United Nations General Assembly in New York." Sie verlangt mehr Einsatz der afrikanischen Länder zum Erreichen der SDGs. „We are facing unprecedented challenges. Climate change is real, posing a real threat to progress even survival, forcing us to shift resources away from development.“ Außerdem beschäftige sich mit dem Thema Bildung: „Ensuring access to quality education means less child labor, less exploitation, fewer child marriages. It allows for increased political engagement and entrepreneurial and economic activity.“

The Reporter Ethiopia hat Sahle-Works Rede zur Eröffnung der Parlamentssitzung analysiert.

Voice of America hat die Präsidentin interviewt: „First of all, I always see the glass half full. If you don't have that perspective, then it can distort your views. Second, I think we have to think of where we were like two, three years ago. I think we are [on] the right path. I think this is what we should be doing, consolidate.“

Präsidentin Sahle-Work im Video-Interview mit France 24 über Feminismus, ihre Rolle als Vorbild, die „Gender Revolution“ und ein Aufruf an alle jungen Äthiopierinnen: „Du kannst es schaffen!“

Die Präsidentin ist eine der ersten, die nach den tötlichen Ausschreitungen in Oromia eine klare Sprache findet und eine "rote Linie" überschritten sieht.

 

 

Invest in Ethiopia?

Das Interesse der deutschen Wirtschaft an Äthiopien steigt. Erst kürzlich war Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) mit einer Unternehmerdelegation in Addis Abeba, zuvor die deutsche Ernährungs- und Agrarministerin Julia Klöckner. Die Berichterstattung über die Ergebnisse in den deutschen Medien: Fehlanzeige. Laut Pressemitteilung der jeweiligen Ministerien will Hessen die Ausbildung der Berufsschullehrer verbessern, der Bund die Diversität der äthiopischen Genbanken nutzen, auch um „innovative Pflanzensorten“ zu entwickeln. Die Vereinbarung zwischen der Messe Frankfurt und dem äthiopischen Handels- und Industrieministerium, die die vor zwei Jahren begonnene Partnerschaft für die Textilmesse "African Sourcing and Fashion Week“ (9. – 12. November 2019 in Addis) auf eine breitere Basis stellen soll, war der Messe hingegen keine eigene Pressemitteilung mehr wert. In Deutschland werden die relativ neue Diplomaten Botschafterin Mulu Solomon und Generalkonsul nicht müde Investment-Promotion für ihr Land zu machen. Wie zum Beispiel bei einer Veranstaltung der IHK Reutlingen, die selbst ein Partnerschaftsprojekt mit der Kammer in Bahir Dar hat. Noch finden die meisten deutschen Investments in kleinem Rahmen und/oder ohne große Medienpräsenz statt. Vorne mit dabei der international agierende DHL-Konzern, der gerade zusammen mit Ethiopian Airlines sein Business ausweitet. Und Lufthansa setzt zumindest schon in der Werbung auf Äthiopien. Bekannte Ausnahme-Gesichter sind hier Frosta-Chef Felix Ahlers mit seinem Solino-Kaffee und der Frankfurter Anwalt Lutz Hartmann (FruitBox). Wenn man dem Nachtreffen der bayerischen Unternehmer-Delegation vom April trauen darf, ist es nur eine Frage der Zeit bis hier weitere Player auftauchen. Die deutsche GIZ steht bereit – sie will potentiellen Investoren beim Einstieg in die Industrial Parks helfen. Noch stören vor allem Devisenknappheit, mangelnde Fachkräfte und hohe Verlustrisiken die Investitionsbereitschaft. Die Ratingagentur Moody’s hat den Investment-Ausblick auf „negativ“ herabgestuft – der Grund: sinkende Staatseinnahmen und zu hohe Schulden der Staatfirmen. Womit wir bei den Themen Wirtschaftsreformen ("Homegrown" ) und Privatisierung (v.a. Telecom) wären …

"Homegrown" Reform

„Ethiopia must attract new investment and reduce its debt if it’s to achieve the government’s economic growth and job creation targets” – sagte die Chefin der United Nations Economic Commission for Africa Dr. Vera Songwe vor einer Konferenz zu Äthiopiens Wirtschaftsreform am 9. September in Addis. Äthiopien fehlten jährlich zehn Milliarden Dollar: sechs für neue Investitionen, vier für den Schuldenabbau. In der Eröffnungsrede dieser Konferenz ließ Dr. Abiy keine Zweifel an seiner Motivation und dem Erfolg der Reform aufkommen: “The homegrown economic reform will enhance job creation, inclusive growth poverty reduction and create a pathway for prosperity for all. The homegrown economic reform is close to my heart and I believe it is our bridge to prosperity, enabling us to become a middle income nation that ensures sustainable development.” Und noch etwas konkreter: „We are tightening our fiscal belts, strengthening our public sector finances, shedding our debts, and increasing domestic resource mobilisation.” Dr. Vera Songwe honorierte diesen ambitionierten Plan, warnte jedoch auch: „If you continue to accumulate debt the way you’re doing now, you will likely fall into debt distress in the next two years and a lot of the structural reforms you’ve put in place will not bring in the private sector because you will not be a credit-worthy country.” “Homegrown”, das ist das neue Schlagwort für Äthiopiens Wirtschaftsreform – wenn man das Buhlen des Ministerpräsidenten internationale Investoren und die „Entwicklungs-Partner“ in Betracht zieht, hätte es jedoch den Zusatz „with international seeds“ verdient. Schon vor der Konferenz hatte die US-Regierung 100 Millionen US-Dollar für das Programm „Advancing Economic Diversification in Ethiopia“ zugesagt. Bei der „7th Tokyo International Conference on African Development” im August hatten Japan und die African Development Bank von 2020 bis 2022 jeweils 1,75 Milliarden in Aussicht gestellt „to spur private-sector-led sustainable and inclusive growth” – allerdings für ganz Afrika. Seit Oktober geht Äthiopien davon aus, in diesem Fiskaljahr für die Wirtschaftsreform eine zusätzliche Milliarde Dollar von der Weltbank zu bekommen.

Für den schwergewichtigen Kommentator Kebour Ghenna ist die Folge dieser Reform nicht die Schaffung, sondern die Abschöpfung von Werten: „I don’t know what books our elites read, but they seem not to realize the capitalist/free market system has failed on this planet. Today capitalism, rather than delivering sustainable and widely shared prosperity, is increasingly producing wage stagnation, leaving ever more workers and farmers in poverty, advancing ever more inequality, expanding banking crises, and promoting the convulsions of populism and the impending climate catastrophe.” Ghenna ist auch einer der größten Kritiker der Art und Weise der Telecom-Privatisierung.

Zum Thema "Invest in Ethiopia" geht es hier.

Telecom-Privatisierung

Bei Kebour Ghennas Abneigung gegen die "Homegrown"-Reform wundert es also nicht, dass der Chef der Pan African Chamber of Commerce and Industry (PACCI) auch größter Kritiker der Privatisierung ist: Der von der Regierung eingeschlagene Kurs “will do no good, but rather drag the nation into a messy passage. If once entered, there will be no way out.” Insbesondere die geplante Telecom-Privatisierung ist ihm ein Dorn im Auge: “Selling Ethio-Telecom to insignificantly reduce debt is not a smart move. It’s a crime!” Nicht weil er grundsätzlich gegen Privatisierung ist -  als positives Beispiel für eine Marktöffnung verweist er auf die Liberalisierung des Bankensektors in den 90ern: "When champions of market-based reform in Ethiopia looked at the financial sector in the nineties, they did not rush to privatize the Commercial Bank of Ethiopia, perhaps the largest black owned bank in the world. They partially liberalized the domestic market to attract new local banks to enter the market, while strengthening the institutional and regulatory framework. Twenty or so years later we see a vibrant banking sector developing an indigenous competitive financial system to facilitate economic growth.” Der Zug für einen behutsamen Übergang scheint jedoch längst abgefahren: Schon im kommenden Jahr will Ethio Telecom 49% verkaufen (später vielleicht auch mehr)KPMG berät dabei. Außerdem sollen im April zwei weitere Telekom-Lizenzen auf den Markt kommen. Auch wenn der Preis für einen Lizenz auf eine Milliarden US-Dollar geschätzt wird, werden die kenianische Safaricom und Vodacom aus Südafrika zusammen für eine bieten. Und was dann, Äthiopien? Schulden zurückzahlen. Bei so viel Verantwortung und so viel Geld ist es Telecom-Chefin Frehiwot Tamiru gar nicht zu verdenken, dass ihr die Vielstimmigkeit und angebliche Desinformationen auf die Nerven gehen: “Individuals who do not know how the telecom sector functions are making press statements that confuse stakeholders. What concerns me most is the perception of my employees.“

Zum Thema "Invest in Ethiopia?" geht es hier.

DÄV: Dürre, Flucht & mehr: Entwicklungs-Reports, -Reportagen, -Interviews, -Meinungen

Ein aktueller Report der Intergovernmental Authority for Development (IGAD) schätzt, dass von allen Menschen, die weltweit in "Lebensmittelunsicherheit" leben, 24% (27 Millionen) in seinen sieben Mitgliedsländern leben: Äthiopien, Dschubuti, Kenia, Somalia, Sudan, Südsudan und Uganda. Flucht vom eigenen Land ist eine schnelle Folge dieses Mangels – von 4 Millionen Geflüchteten und 8 Millionen Binnengeflüchteten insgesamt (nicht allein aufgrund von „food insecurity“) in der Region geht der IGAD aus. Nach eigenen Angaben liegt Äthiopien im Moment bei etwa eine Million Binnengeflüchtete, nach bereits über zwei oder gar drei Millionen in diesem Jahr. Lob für seinen Umgang und sein Engagement für (Binnen)-Geflüchtete gab es vom UNHCR. Mitte September kamen die IGAD-Vertreter der Hornstaaten in Addis zusammen und einigten sich auf 15 Punkte, um dieser Herausforderung zu begegnen.

Den trockensten Sommer am Horn in über 35 Jahren diagnostizierte "Save the Children" und schlug Mitte Oktober Alarm: “Despite efforts by aid agencies and the governments of Ethiopia, Somalia and Kenya, the hunger situation in the Horn of Africa is rapidly deteriorating, with fears families might soon face an even worse situation than the food crisis of 2017. Although the number of food insecure people across the Horn of Africa is currently lower than at the height of the 2016 -17 drought, the situation looks set to deteriorate with drought anticipated in the coming months.” Schon im September hatte das UN Office for the Coordination of Humanitarian Affairs die international Gemeinschaft um weitere Mittel gebeten. Mehr als acht Millionen Äthiopier bräuchten Nahrung, Unterkunft, Medizin und andere Notfall-Unterstützung: „Ethiopia has to cope with persistent and multi-faceted humanitarian problems, including drought and flooding, disease outbreaks and inter-ethnic violence that has in recent years forced millions of people to flee their homes.”

Vor allem in Somali ist der Blick in die Zukunft düster: „This year the 'belg' rainy season once again failed to bring much needed relief to the drought-striken region. Pastoral communities say they fear for the future of their livelihoods as experts blame climate change.“ Von den geschätzt 500.000 aufgrund der Dürre im Land Geflüchteten werden rund 350.000 in Somali verortet und als „forgotten population“ bezeichnet: „Although they received some humanitarian assistance, including food and water, in the immediate wake of the devastating 2015–2016 drought, most of that initial support has ended. Now the situation is getting worse, especially for women and girls.“ Auch aus dem benachbarten Somalia fliehen die Menschen nach Äthiopien. Dieses Jahr sollen es sieben Mal mehr sein als im Jahr zuvor.

Durch die Dürre vor allem betroffen sind die Pastoralisten: “Pastoralists and agropastoralists are among the most affected by what has become a chronic vulnerability to food insecurity, economic and environmental shocks, and intercommunal resource-based conflicts. Climate change and the combined effects of soil erosion and reduced vegetation cover/deforestation is also leading to biodiversity loss with its longer consequences of loss of indigenous knowledge and information systems on pastoral production and natural resource management, veterinary knowledge, weather forecasting etc.” Die Food and Agriculture Organization versucht hier mit einem Programm dagegen zu halten: „FAO is carrying out treatment campaigns and helping households to sell their animals to generate cash and reduce pressure on limited available pasture. Communities are also being provided with livestock feed and cash transfers to meet other essential needs. Meanwhile FAO has been raising awareness on the Livestock Emergency Guidelines and Standards (LEGS), a key handbook for designing, implementing and assessing livestock interventions to assist people affected by humanitarian crises.“

Reports

Rotes Kreuz “Drought - Emergency Plan of Action Final Report”: „The consecutive failure of the Belg rains (March to May 2015) and the Kiremt rains (June to September 2015) coupled to El Niño like weather phenomenon resulted in severe food insecurity affecting communities in the north and north-east of Ethiopia. The total number of people affected by the food insecurity at the launch of the emergency appeal was 10.1 million people.“

Mediziner ohne Grenzen “Displacement and humanitarian response in Ethiopia: challenges and dilemmas in complex crises”: „Since the end of 2017, the number of people internally displaced by violence in Ethiopia has risen significantly. As a result, the humanitarian community – including MSF – has suddenly found itself needing to adapt and scale up its response to meet the acute needs in conflict-driven crises."

UNHCR “Shelter/NFI Cluster Strategy 2019-2021”: „The Shelter Cluster has been active in Ethiopia since 2008. The two-year Shelter / NFI Cluster strategy for Ethiopia is intended to guide interventions for Shelter Cluster members until the end of 2021. It recognizes that contexts across Ethiopia are both changeable and highly specific, with unique needs per location. At the time of writing, there were 3.2 million1 IDPs in Ethiopia, from both conflict and climate-related disasters. Whilst it is hoped that conditions will allow these people to return to their place of origin before 2021, previous experience shows that there is a high likelihood of further displacement. As a result, the strategy includes consideration of shelter preparedness, response and shelter recovery support to account for both returns and secondary displacement.“

Refugee Studies Center: “Refugee Economies in Addis Ababa: Towards Sustainable Opportunities for Urban Communities”: „This report examines the precarious economic lives of refugee communities in Ethiopia’s capital, Addis Ababa, and their interactions with the host community. Addis Ababa has only 22,000 registered refugees, out of a national refugee population of 900,000. They comprise two main groups: 17,000 Eritreans and 5000 Somali refugees. Based on qualitative research and a survey of 2441 refugees and members of the proximate host community, we examine the economic lives of the refugee communities and their interactions with the host community. We draw upon the data to consider the prospects for a sustainable urban response in the context of Ethiopia’s adoption of the new Refugee Proclamation in 2019, which appears to provide refugees with the right to work and freedom of movement.“

The Cash Learning Partnership “The humanitarian currency enabling children’s future - Inter-agency cash roundtable”: „This summary report highlights key presentation insights, and recommendations from the CaLP & World Vision co-hosted inter-agency Cash Roundtable, focusing on how CVA can be an enabler to promote child protection and child wellbeing, based on most recent research, case studies from across the globe against the backdrop of most recent developments, approaches in the humanitarian sector.“

The Conversation: “Parenting in Ethiopia: lessons on raising children under tough conditions”: "Investments made in early childhood last a lifetime, and the earlier in life, the greater the return, according to James Heckman who was awarded a Nobel Prize for economics. Conversely, shocks to child development also can last a lifetime. For example, children who were young at the time of the 1984 famine in Ethiopia are 5cm shorter at adulthood, have lower education and are more likely to have recently been ill."

Ethiopian ATA “EthioSIS: Historical shift to digital soil mapping for targeted fertilizer use”: “After seven years of collecting soil samples from 748 woredas and 62 confluence points in Ethiopia, the Ethiopian Soil Information System (EthioSIS) studies have confirmed that the country’s soils have varying levels of fertility status. According to the study, 96% of Ethiopian soils are either acidic or alkaline, and poor in macro and micronutrients like phosphorus, sulfur, zinc, boron, copper and iron.”

Addis Standard “Analysis: Helping Ethiopian farmers adapt to drought and flooding”: “The residents of Berebeyu are known to be positive and light-hearted people but concerns about their future survival in the face of climate change are increasingly dominating their conversations. But a seed of hope was planted in May 2019 when the International Organization for Migration (IOM), in collaboration with a local implementing partner Ethiopian Evangelical Church Mekanysus Development and Social Service Commission, joined hands with the community to launch a project that is seeking to stem the tide of environmental degradation. The project aims to rehabilitate the environment while supporting the reintegration of migrant returnees by reducing land degradation in selected watershed areas through afforestation and the integration of fruit tree cultivation to support livelihoods. The project is taking place under the European Union(EU)-IOM Joint Initiative for Migrant Protection and Reintegration (the Joint Initiative) which facilitates safe, orderly, regular and responsible migration management through the development of rights-based and development-focused procedures and processes on protection and sustainable reintegration. The Joint Initiative, backed by the EU Trust Fund, has been set up in close cooperation with 26 African States.”

Worldbank “Promoting Economic Growth and Shared Prosperity: Improving Livelihoods, Building Resilience and Creating a Better Future for Ethiopians” “Despite significant progress, Ethiopia is still one of the world's poorest countries. While Ethiopia has achieved most of the Millennium Development Goals (MDGs) and is making progress towards the Sustainable Development Goals (SDGs), given its low starting point, considerable investment and improved policies are needed to help the country reach its development objectives. With two million youth joining Ethiopia’s labor force every year, creating productive and meaningful employment for this burgeoning workforce requires further economic growth and transformation. Ethiopia’s main challenges are sustaining its positive economic growth and accelerating poverty reduction. While Ethiopia has made progress on poverty reduction, not everyone benefited equally. Compared to rural areas, there was stronger poverty reduction in urban areas. While median incomes have increased, the poorest 10% of the population has not experienced any real increase in income since 2005.”

International Center for Tropical Agriculture (CIAT) “Land restoration in Ethiopia pays off but climate change necessitates many strategies”: “In the last decade, Ethiopia has invested more than US$1.2 billion annually in restoring landscapes in several regions of the country. But despite its big restoration initiatives, Africa's second-most populous country is still insufficiently tracking how projects have helped to recover and boost ecosystem services, a new study shows. Recent research led by the International Center for Tropical Agriculture (CIAT) takes stock of Ethiopia's major restoration projects and investigates their impact on ecosystem services. Researchers say their work can help policymakers tailor future restoration actions to specific ecosystem needs.”

Reportagen:

Islamic Relief “On the frontline of the climate emergency: Dinto village, Ethiopia”: „The world’s poorest communities are paying the heaviest price for climate change, with many already pushed to the brink. Here, learn how one Ethiopian village is struggling to survive the climate emergency. Severe drought in the Horn of Africa – which includes parts of Ethiopia – has left over 15.3 million people needing urgent humanitarian aid. It is the latest drought to have struck the Horn in recent years, and it has left many communities desperate. Among these is Dinto village. Located in the Charati district, like many villages in Ethiopia’s largely rural Afar region, for generations the community has raised livestock for food and income.“

Al-Jazeera „In Ethiopia, a forgotten refugee in her own land“: “Oromos like Amina, who said they wished never to return to the Somali region, were promised resettlement within Oromia and in the booming satellite towns which surround Addis Ababa. Yet two years on, Amina and her neighbours feel they have been abandoned by a government which promised to support them. She says her view of Abiy, who comes from Oromia and heads the Oromo faction of Ethiopia's ruling party, is mixed. "At times it seems good things are happening in the country, but at the same time people are still suffering. So I don't have full hope in the government."

Xinhua „Women embrace ecosystem conservation in Ethiopia's male-dominated agrarian livelihood”: “It all began when Bekelechi's aging father, who was the only male member of the family, struggled to harvest the farmland, on which his extended family depended for a living. The unfortunate reality was then exacerbated due to the family's financial inability to hire a laborer to help with the farmland, which left the household in limbo over their uncertain future. Albeit the long-standing tradition that excludes women from agricultural activities, young Bekelechi then decided to till her family's plot, igniting an uproar from majority community members -- as she was eventually discarded by her community, including those close family and relatives.”

Deutsche Welle: „Integrative Bildung - Wie eine äthiopische Schule HIV-positive Kinder unterstützt“: „Ganzheitliche Behandlungsmodelle für HIV-positive Kinder sind in Äthiopien weitgehend unbekannt. Doch in einer besonders von HIV betroffenen Region südlich der Hauptstadt geht eine Schule neue Wege. Es ist früh am Morgen in Shashamane, 250 Kilometer südlich von Addis Abeba. Strahlende Kinder rennen durch das Schultor. Bevor der Unterricht losgeht, spielen sie noch eine Weile auf dem grünen Pausenhof. Das Yawenta Children's Center ist alles andere als eine normale äthiopische Schule. 100 besonders verletzliche Kinder bekommen hier kostenlos eine alternative Schulbildung und medizinische Unterstützung. Etwa die Hälfte von ihnen ist HIV positiv.“

Interviews

The Conversation “Internally displaced people need more protection: insights from Africa”: "New figures show that more than 70.8 million people are displaced worldwide – that’s the highest figure ever recorded. Of these, more than 41.3 million are internally displaced. This means that more than two out of three displaced people are not refugees, but remain within their own country. Moina Spooner, from The Conversation Africa, asked Carolien Jacobs to give insights into their lives and what can be done to support them."

Xinhua: “Ethiopian official draws inspiration from China's rural dev't successes”: „China's successful rural development efforts could be seen as a true inspiration to Ethiopia's own rural and overall economic development aspirations, an Ethiopian official said on Wednesday. "China's rural infrastructure development has focused on road, water and sanitation, electrification, and supply of solar energy products thereby helping Chinese farmers transition to industrialization," Jantirar Abay, Infrastructure and Urban Development Advisor to the Ethiopian Prime Minister Abiy Ahmed on a ministerial portfolio, said in an exclusive interview with Xinhua on Wednesday.“

Meinungen

The National “Millions face starvation if Horn of Africa food supplies aren't protected from climate change”: „Poor people are not given many choices and they’re not having many alternatives in their lives so whatever they are given they will make the best of it, they are not asking for a lot but when they get something they want to take it and make the best of it. But they need the support of their politicians, they need the support of good governance and of social safety nets that can help raise them and get them out of these fragile situations they are in. Climate change is certainly not helping.“

CNBC Afrika - Chef des Botanischen Gartens in Addis: „Ethiopian food and land use systems ripe for transformation“: „The devastating sum of these inefficiencies are more than obvious in Sub-Saharan Africa. New modelling released earlier this month by the Food and Land Use (FOLU) Coalition found environmental degradation, poor diet, inequality and rural poverty are estimated to cost sub-Saharan Africa US$680 billion per year. Inaction is clearly not an option. We either choose a different path, or nature will choose for us. We will not meet global goals designed to support people and the planet if we do nothing.“

Reise-Reportagen Septemer/Oktober 2019

Daily Mail: „From a 'spaceship' hotel to the source of the Blue Nile, exploring Ethiopia and finding out just why it is the eighth wonder of the world”: „Until recently, Ethiopia was seen as a destination for backpacking hippies and Bob Geldof. We were missing out on an eighth wonder of the world in the fantasy cathedrals of Lalibela, a history-changing Second World War battle fought in an Arthurian castle, landscapes out of Tolkien and wildlife you won’t see anywhere else on the planet.“

Modern Ghana: “Ethiopia is eight years behind the world, but they are doing just fine — A piece about my trip to Ethiopia:Imagine my face (if you know me) when I received an invitation on my second day in Addis Ababa to attend an award dinner for the UNESCO/Guillermo Cano Press Freedom Prize. My face did not change because I was attending a dinner — how much rice can a boy eat — the year on the invitation was 2011. Yes, the date read ‘May 2, 2011’ in Amharic, the official language of Ethiopia. Shouldn’t this even have happened some eight years ago? Why would organizers make such an ‘ugly’ mistake? I kept asking questions until a hotel staff confirmed. Ethiopia was really in 2011.”

BBCWe sometimes don't name our children for years'”: “The Borana people of Ethiopia and Kenya are in no rush to name their newborn babies. Naming ceremonies only happen occasionally and often they have to wait for some time.“

BBC “Ethiopia's 900-year-old Shonke village on a mountain”: “Shonke village is a 900-year-old settlement on the top of a mountain in Ethiopia's Amhara region. Residents say they prefer their traditional stone-built homes to Ethiopia's "shining cities". About 20 generations have lived in the village, but residents now say half of the village's estimated households have left in search of farmlands down the hill.

National Geographic “Discovering the rock churches of Ethiopia's Gheralta Mountains”: “But of all Tigray’s rock-hewn-churches, Abuna Yemata Guh steals the show, its reputation as one of the most inaccessible well earned. I’ve climbed up to three churches so far in this region, but none has tested me quite like this. And yet, despite its perilous access, it turns out to be the busiest. At the other churches, we don’t meet a single faranji (foreigner) — a word we come to know well as the Ethiopian children run from their houses shouting it, so scarce are well-trodden tourist trails in these parts. But here on Abuna Yemata, I’m not alone as I tackle the ascent. I meet Americans, Germans and French on my way up. “

The Guardian “This is Dubai now': Nobel-winning PM's plan to transform Addis Ababa”: “Under Ethiopia’s charismatic prime minister, Abiy Ahmed, who was recently awarded the Nobel peace prize after forging a peace deal with Eritrea shortly after his appointment in April last year, and his lieutenant in the capital, deputy mayor Takele Uma, Addis Ababa is undergoing its most radical facelift in a generation, with the old station as the centrepiece. The station will anchor a vast development project, also called La Gare, in the heart of the city comprising malls, offices, five-star hotels, more than 4,000 luxury apartments and a surrounding park, as well as, in theory, low-cost housing for the district’s current residents.”

DÄV-Vorsitzende Priess über "Medemer"

Was bedeutet Medemer (መደመር mädämmär) [1]?

Der neue Premier Minister Dr. Abiy Ahmed hat ein neues Wort Medemer in die Politik eingeführt. Er umarmt unterschiedliche Leute in der Öffentlichkeit und macht selfies mit Fans; er strahlt zu Kameras. Seine Botschaft zu den ethnischen Gruppen in den Killil (regions; Bundesländern) lautet: „Reißt die Mauer ab – baut die/eine [?] Brücke!“ Die Leute lieben seine Botschaft von Liebe, Frieden, Versöhnung, Gerechtigkeit, Einheit / Ganzheit des Landes. Daher agieren immer mehr Äthiopier zusammen für ihr eigenes Land und für das gemeinsame Leben im Alltag. Medemer bedeutet Addieren bzw. Harmonie - jedoch ohne Gleichmacherei; es heißt ein Team zu bilden, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Und das Ziel ist ein freies, demokratisches, erfolgreiches Äthiopien. Medemer macht aus unterschiedlichsten Menschen eine Symbiose, eine gegenseitig wohltuende Beziehung. In Minnesota sagte Abiy: „Wenn ihr der Stolz eurer Generation sein möchtet, dann entscheidet, dass Oromo, Amhara, Wolayta, Gurage und Silte alle gleichmäßig Äthiopier sind.“ Gleichzeitig müssen noch vorhandene Ungerechtigkeiten (u. A. Landbesitz, der am meisten die Oromo betrifft) geklärt und berichtigt werden, was eine komplizierte Angelegenheit ist.

Allgemein gesagt, besondere politische Praktiken von Medemer bringen die Leute zum gemeinsamen Ziel, wofür Abiy alle Äthiopier, alle Leute im Horn von Afrika, sogar ganz Afrika herausfordert. Individuelle Personen und individuelle Nationen können nicht alleine leben bzw. wichtige Ziele alleine erreichen. Was dem einen Land passiert – im Guten oder Schlechten – ist den anderen Ländern nicht egal. Es heißt auch, auf den richtigen Moment aufzupassen, um keine Energie bei unnötigen Kämpfen zu verlieren. Der Frieden tut dem ganzen Horn von Afrika gut.  Dr. Martin Luther King, Jr. hat mehrfach gesagt: “Wir müssen lernen, als Brüder mit einander zu leben, sonst gehen wir alle unter als Verrückte.“

Dr. Maija Priess, 1. Vorsitzende Deutsch-Äthiopischer Verein, Lektorin Afrikanistik und Äthiopistik, Uni Hamburg


[1] Aus dem Ge’ez Verb ደመረ dämmärä ‘insert, add, join, associate, unite, mix, mingle, confound, multiply (math.)’. Davon abgeleitet ist Passiv ተደመረ  tädämmärä, auch ‚ally oneself, have intercourse‘.
Der griechische Begriff Henoosis bedeutet Vereinigung, Einigung und wurde in den christologischen Dogmen im 4.Jh. verwendet. Ins Ge’ez wurde Henoosis mit ትድምርት tedmert ‘union, union oft he two persons of Christ, communion, connection, mixture, associating, association, addition, multiplication, intercourse’ übersetzt.
Als Beispiel dient hier እም፪ህላዌ ተደመረ ፩ክርስቶስ im-kel’etu-hellawee tädämmärä ahadu Kristos „Aus zwei Naturen [d.h. göttlichen und menschlichen] vereinte sich ein Christus“.  Wolf Leslau: Concise Dictionary of Ge’ez. Wiesbaden: Harrassowitz 1989, 192. Ernst Hammerschmidt: Studies in the Ethiopic Anaphoras. Berlin: Akademie-Verlag 1987, 99.
Im Amharischen hat das Verb ደመረ dämmärä ‚sum up, add, total up‘ etwa gleiche Grundbedeutung, aber die Ableitung መደመር mädämmär ‚addition‘ ist in der Gegenwart neu interpretiert worden. Wolf Leslau: Concise Amharic Dictionary. Berkeley and Los Angeles: University of California Press 1976, renewed 2004, 190.

Dr. Asserate: "Afrika wohin? – Politik, Wirtschaft und Migration"

„>>Lions on the move<< betitelte der amerikanische Beratungskonzern McKinsey seine letzte Afrika-Analyse: „Die Löwen brechen auf“ ist eine Anspielung auf die asiatischen Tigerstaaten. 27 der 30 größten Volkswirtschaften Afrikas haben seit der Jahrtausendwende kräftig aufgeholt. Zwischen 2000 und 2008 lagen die Wachstumsraten bei fünf bis zehn Prozent pro Jahr und haben sich damit im Vergleich zu den davor liegenden Jahrzehnten verdoppelt.“

Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate sprach in seinem Vortrag bei Seminar des Deutsch-Äthiopischen Vereins im März 2019 viel über die positiven Entwicklungen in Afrika, der wirtschaftliche Aufschwung und auch eine zunehmende Krisen-Resilienz. Für die DÄV-Website und unseren Newsletter haben wir vor allem seine Analyse der weiter bestehenden Probleme und Asserates politische Forderungen zusammengestellt:

„Afrika besteht heute aus 55 Staaten. Deren Grenzen entsprechen weitgehend den Demarkationslinien, die von den Kolonialmächten in den Kontinent geschnitten wurden. Oft sind sie geradezu widersinnig. Sie trennen Völker oder zwängen andererseits viele unterschiedliche Ethnien unter eine Regierung. Das kulturelle Erbe der vielen unterschiedlichen Völker ist vielleicht der größte Schatz. Die Verschiedenheit und Uneinheitlichkeit der Völker und Menschen Afrikas, haben aber auch tiefe Gräben zwischen ihre Kulturen gezogen. Darin sehe ich eine der Hauptursachen für das Elend des Kontinents. Widerstreitende Ansichten werden in Afrika oft nur schwer ertragen. In den afrikanischen Sprachen gibt es kaum ein Wort, das dem europäischen Begriff für „Gegner“ entsprechen würde, dessen unterschiedliche Meinungen man respektiert. In Afrika ist der Andersdenkende schnell der Feind, den es auszuschalten gibt. (…)

Während Afrika sich bemüht in die globalisierte Welt einzutreten, wird es seit ungefähr einem Jahrzehnt von einer neuen Krise heimgesucht: Die neue afrikanische Völkerwanderung. Die Welt ist aus den Fugen. 65,3 Millionen Menschen sind auf der Flucht. Blutige Konflikte und die Angst vor Verfolgung haben sie aus ihrer Heimat vertrieben. Damit ist, wie das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) in seinem im Sommer 2016 vorgestellten Bericht ausführt, jeder 113. Bewohner der Erde betroffen. (…) Und es trifft vor allem Kinder und Jugendliche: Über die Hälfte der Flüchtlinge ist unter 18 Jahre alt. Weltweit gibt es derzeit 65 Millionen Flüchtlinge – das entspricht in etwa der Einwohnerzahl Frankreichs. (…) Aber nicht alle Flüchtlinge haben ihr Heimatland verlassen: Fast zwei Drittel, 40,8 Millionen, hielten sich Ende 2015 innerhalb der Grenzen ihres Staates auf; 21,3 Millionen fanden in fremden Ländern Zuflucht. Weitere 3,2 Millionen Menschen warteten im Ausland auf eine Entscheidung über ihren Antrag auf Asyl.

Was sind nun die Fluchtursachen, die jeden zehnten Afrikaner in die westliche Hemisphäre vertreiben? Eine große Rolle spielt hierbei das Thema Bevölkerungswachstum in Afrika. Es ist vor allem im Vergleich zu Asien (besonders zu China und Indien) augenscheinlich, dass die Bemühungen um die Reduktion der Armut in Afrika nicht voranschreiten. Hauptursache ist laut Experten die hohe Bevölkerungsvermehrung. Es wird geschätzt, dass sich die heute eine Milliarde Menschen in Subsahara Afrika (SSA) bis 2050 verdoppeln werden. Für eine Verbesserung der Lebenssituation der Menschen durch wirtschaftliches Wachstum ist eine abnehmende Geburtenrate unabdingbar. Hier könnte Deutschland Vorbild sein: Auch im 19 Jahrhundert war die Geburtenrate hierzulande erdrückend. Das änderte sich erste mit der Einführung der Rentenversicherung durch Bismarcks Sozialgesetze 1891. Schon zu Beginn des neuen Jahrhunderts gingen die Geburten in Deutschland zurück.

Nebst der vorgenannten exorbitanten Geburtenrate ist der nächste Grund der perspektivlosen afrikanischen Jugend ihre Heimatländer zu verlassen, der unfaire Welthandel. (…) Denn worüber die EU bei der Diskussion um Afrika und Migration derzeit am allerwenigsten reden möchte, ist, ihre skandalöse Landwirtschafts- und Handelspolitik, mit der sie das globale Ungleichgewicht zementiert. Mit milliardenschweren Zuschüssen wird die exportorientierte europäische Agrarindustrie Jahr für Jahr unterstützt. Mehr als 40 Prozent des gesamten Budgets der EU fließen in Agrarsubventionen – über 40 Milliarden Euro Direktzahlungen waren es allein im Jahr 2014. Dazu kommen weitere umfangreiche Ausfuhrprämien. Dies führt dazu, dass die europäische Agrarindustrie die Entwicklungsländer mit konkurrenzlos billigen Produkten überflutet. Zum Beispiel mit Hähnchenfleisch. (…) Fast überall in Afrika lässt sich die verheerende Wirkung der europäischen Subventions- und Dumpingpolitik beobachten: In Burkina Faso führten die Importe von Billigmilchpulver aus der EU vor einigen Jahren dazu, dass die Mehrzahl der nomadischen Kleinbauern ihre Existenzgrundlage verlor. (…) In Ghana haben Importe von Tomatenmark aus der EU zum Niedergang der einheimischen Tomatenproduktion geführt. (…) Die in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) zusammengeschlossenen Staaten haben vor kurzem unter massivem Druck der EU mit dieser ein sogenanntes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen (WPA) unterzeichnet, das den Import von europäischen Waren noch weiter erleichtert. Bislang gewährte Europa diesen Ländern einen Sonderstatus. Während europäische Händler Zölle entrichten mussten, wenn sie ihre Güter nach Afrika ausführten, wurde Händlern bei der Ausfuhr von Gütern nach Europa Zollfreiheit gewährt. Nun sollen die afrikanischen Länder im Rahmen des neuen Abkommens ihre Zölle auf Einfuhren aus der EU ebenfalls streichen – es soll Freihandel herrschen. (…)

Auch die besten Absichten können fatale Wirkungen haben: Kostenlose Lebensmittelhilfe zerstört den Markt für die lokale Landwirtschaft. Viel zu oft erreichen die Entwicklungsgelder nicht diejenigen, für die sie bestimmt sind – vor allem, wenn sie als direkte Budgethilfe überwiesen werden. In den Händen der Kleptokraten wird das Geld zum Instrument des Machterhalts und liefert das Schmiermittel für die grassierende Korruption. Von Afrikas Eliten hört man häufig den Spruch: „You pretend to help us and we pretend to develop.“ – „Ihr tut so, als ob ihr uns helfen würdet und wir tun so, als würden wir uns entwickeln.“ Solange dieser Satz gilt, wird sich in Afrika nichts zum Guten verändern. Vor allem in einer Hinsicht erweist sich die Abhängigkeit von den Hilfszahlungen als fatal: Sie lähmt die Eigeninitiative der Menschen. Bei nicht wenigen Afrikanern hat sich inzwischen die Haltung durchgesetzt, andere würden für sie ihre Probleme lösen. Aber kein Land und kein Mensch empfindet es als würdig, zum ewigen Almosenempfänger abgestempelt zu sein. (…) Heute gibt es afrikanische Intellektuelle sie sogar so weit gehen, die Einstellung sämtlicher Entwicklungshilfen zu fordern. Aber solche radikal-populistische Forderungen bringen nichts. Viele Entwicklungshelfer in Afrika engagieren sich in höchst sinnvollen Projekten. Unbestritten ist auch, dass die Nothilfe in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Afrikaner vor dem Hungertod gerettet hat. Was indes unbedingt nötig wäre, ist ein unabhängiges Kontrollgremium, das die Wirksamkeit von entwicklungspolitischen Projekten auf den Prüfstand stellt, wie es der Diplomat und langjährige deutsche Botschafter von Kamerun, Volker Seitz, vorgeschlagen hat: Ein internationaler „Rechnungshof für Entwicklungshilfe“ nach dem gleichnamigen deutschen Vorbild, der Jahr für Jahr den Umgang der öffentlichen Hand mit den Steuergeldern der Bürger unter die Lupe nimmt. Denn Hilfe zur Entwicklung ist nur dann sinnvoll, wenn sie tatsächlich die Eigeninitiative der Menschen fördert. (…)

Mit wem kann ein „Marshallplan mit Afrika“ abgeschlossen werden? Wie will man verhindern, dass das ganze Geld einmal mehr in den Taschen der afrikanischen Autokraten landet, die damit ihre Macht zementieren? „Ein Land kann nicht von außen entwickelt werden“, erklärt Angus Deaton in Bezug auf die Entwicklungshilfe. „Länder entwickeln sich von innen. Dazu braucht es eine Regierung und eine Bevölkerung, die gemeinsam auf Entwicklungsziele hinarbeiten.“ Dies wäre die wichtigste Aufgabe für Europas Regierungen: Sie müssen begreifen, dass wirtschaftliche Entwicklung ohne politische Entwicklung nicht zu haben ist – auch nicht in Afrika. Europa muss endlich Schluss machen mit der fatalen Appeasement-Politik gegenüber Afrikas Potentaten. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, den Regierungen vorzuschreiben, wie sie ihr Land zu führen haben oder ihnen das Staatsmodell der westlichen Demokratien zu oktroyieren. Aber man sollte doch die Einhaltung der Grundsätze einfordern, die Afrikas Staaten selbst als verbindlich anerkannt haben. Sie alle haben die Grundrechtecharta der Vereinten Nationen unterzeichnet und sich zu den Menschenrechten und zum Prinzip der Rechtsstaatlichkeit bekannt. Wer in Afrika nicht bereit ist, diesen Grundsätzen zu folgen, dem sollte die Unterstützung gestrichen werden. (…) Aber, so lautet der oft gehörte Einwand, wird Europa dann nicht seinen Einfluss auf den Nachbarkontinent verlieren? Treibt es Afrika so nicht geradewegs in die Arme Chinas, das seine Unterstützung und wirtschaftliche Zusammenarbeit erklärtermaßen nicht von politischen Forderungen abhängig macht und das Prinzip der Nichteinmischung hochhält? Ich halte dies für ein vorgeschobenes Argument. Denn längst haben die meisten Afrikaner erkannt, dass China in Afrika seine eigene Agenda verfolgt. Ihnen ist nicht verborgen geblieben, dass Peking vor allem darauf aus ist, die afrikanischen Bodenschätze auszubeuten, die es für die Entwicklung seiner Industrie braucht, und an Nachhaltigkeit nicht interessiert ist. (…) Viele der vollmundigen Ankündigungen und Versprechungen Chinas, in die Infrastruktur Afrikas zu investieren, sind niemals umgesetzt worden. Und die billigen Konsumprodukte, mit denen China die afrikanischen Märkte überflutet hat, haben sein Image unter Afrikas Konsumenten nachhaltig ramponiert: Fernseher, die beim ersten Stromausfall ihren Geist aufgeben; Handys, deren Akkus kaum ein paar Wochen halten; T-Shirts, die sich bei der ersten Wäsche in ihre Bestandteile auflösen; Kondome, die platzen: (…)

Bei allen Diskussionen darum, wie man Afrika am besten helfen kann, darf nicht vergessen werden: Die besten Entwicklungshilfen sind gute Wirtschaftsbeziehungen – wenn sie auf Augenhöhe stattfinden. Viel wäre schon gewonnen, wenn Deutschland und die anderen Nationen Europas ihren Firmen, die in Afrika investieren wollen, bessere Sicherheiten gewährten. Peking bietet jedem chinesischen Unternehmen, das in Afrika mindestens eine Million US-Dollar investiert, eine hundertprozentige Staatsgarantie an – ein nicht zu unterschätzender Standortvorteil für Chinas Firmen in Afrika. Deutsche Firmen sind im Vergleich zu Frankreich, England und den USA in Afrika stark unterrepräsentiert. Berlin sollte seinen Etat für Hermesbürgschaften für mittelständische Unternehmen, die in Afrika investieren wollen, großzügig aufstocken – und die Investitionsgarantien dabei strikt an das Kriterium der Nachhaltigkeit knüpfen. Das wäre ein sinnvoller Schritt zur Entwicklung Afrikas. (…)

Afrika benötigt eine breit angelegte Förderung der bäuerlichen Landwirtschaft: Durch Mikrokredite für die verarbeitenden Firmen vor Ort; durch den Bau von Straßen, um den Waren den Marktzugang zu erleichtern; durch den Stopp der Einfuhr von Dumpingprodukten, die den örtlichen Produzenten das Wasser abgraben. Afrika braucht eine Hilfe zur Entwicklung, die nachhaltig ist und auf Eigeninitiative setzt. Dabei spielt die Förderung der kleinen Leute durch Mikrokredite eine zentrale Rolle. Denn schon kleine Summen reichen oft aus, damit sich die Menschen eine eigene Einkommensquelle erschließen können und sich so aus der Armutsfalle befreien. Vor allem gilt es, die Frauen zu fördern – sie sind der Schlüssel zu Afrikas Zukunft. Bei der Rückzahlung von Kleinkrediten gelten sie als wesentlich zuverlässiger als Männer; sie geben ihr Geld nicht für Schnaps aus und sind weniger anfällig für Korruption. In den Bereichen Gesundheit und Erziehung kommt es besonders auf sie an: Wenn der Bildungsgrad der Mütter steigt, sinkt die Säuglings- und Kindersterblichkeit. Und je länger die Mädchen in die Schule gehen, desto niedriger ist später die Zahl ihrer Kinder.

Wenn Afrika sein Problem der Bevölkerungsentwicklung in den Griff bekommen will, muss es auf die Frauen setzen. Denn eines ist sicher: Niemand von außen – nicht Amerika, nicht Europa und auch nicht China – wird Afrika „retten“ können. Das kann Afrika nur selbst, wenn seine Menschen wieder Zuversicht und den Glauben an die eigene Stärke gewinnen. Erst dann wird der Exodus der Talente aus Afrika ein Ende finden. Die Afrikaner müssen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Europa kann und sollte ihnen dabei helfen: Damit aus dem ausblutenden Kontinent Afrika ein Kontinent der Zukunft wird. (…)“

DÄV-Vorstand Georg Kopf: Bericht zur Mitgliederversammlung 2019

Die Mitgliederversammlung des Deutsch-Äthiopischen Vereins e.V. am 7. April 2019 in der Jugendherberge Kassel wurde durch die 1. Vorsitzende Maija Priess eröffnet. Als Versammlungsleiter stellt sich der 2. Vorsitzende Georg Kopf zur Verfügung. Nachdem die Regularien zur Einberufung und das letztjährige Protokoll akzeptiert wurden, konnte die vorher festgelegten Tagesordnungspunkte in Angriff genommen werden.

Die 1. Vorsitzende Maija Priess beschrieb kurz, was der Vorstand im Laufe des letzten Kalenderjahres getan hatte. Es gab eine Vorstandssitzung beim ehemaligen bzw. kommissarischen Kassierer Rainer Rehbein in Kassel und es mussten vor allem sehr viele Emails zum internen Austausch gelesen und beantwortet werden. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der Vorstandstätigkeit war die Vorbereitung und Organisation des Äthiopien-Seminars und der Mitgliederversammlung. Als wichtige Neuerung auf unserer Homepage wurde die Lesbarkeit für Mobiltelefone umgesetzt. Strukturell hat der DÄV einen neuen Schritt gewagt und Alexander Bestle auf Basis eines sog. 400 € Jobs angestellt. Das Ergebnis seiner Tätigkeit und eine evtl. weitere Anstellung soll in der MV 2020 diskutiert werden.

Alexander Bestle beschrieb in einigen Sätzen seine Arbeit seit Anfang März 2019. Dazu gehörten die permanente Einstellung von News und Infos auf unserer Facebookseite. Hinzu kam seit März 2019 die Erstellung eines Email-Newsletter. Dessen Layout soll in Zukunft professioneller gestaltet werden.

Im weiteren Verlauf wurde über das aktuelle Seminar gesprochen. Warum waren so viele Teilnehmer anwesend? Es war die höchste Teilnehmerzahl seit vielen Jahren – seit dem Seminar 2005 in Berlin zum 100jährigen Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Äthiopien. Als Gründe wurden vom Vorstand und den Mitgliedern einige Punkte genannt, wie z.B. ein generell gestiegenes Interesse an Äthiopien, was sich laut Helmut Spohn in Äthiopien durch mehr Touristen beobachten lässt, die momentan verstärkte Reiseaktivität von hochrangigen deutschen Politikern nach Äthiopien sowie aktuell der vor kurzem geschehene Flugzeugabsturz einer Ethiopian-Airline-Maschine.

Rainer Rehbein hatte für den kurzfristig abgesprungenen gewählten Kassierer Dirk Böning kommissarisch die Arbeit des Kassierers weitergeführt. Deshalb stellte er auch den Kassenbericht und die Haushaltsplanung vor. Durch die Teilzeit-Einstellung von Alexander Bestle wird der Vermögensstand des Vereins abschmelzen. Allerdings ergibt sich auch eine Verbesserung des Saldos der Ausgaben/Einnahmen beim jährlichen Seminar aufgrund der Erhöhung der Gebühren für die Teilnahme.

 

Nach Vorlage des Vorstands- und Kassenberichts erfolgte die Entlastung der Vorstände.

Ein wichtiger Diskussionspunkt war die geplante Änderung der Vereinssatzung. Dies betraf die Änderung des § 8 „Vorstand“ und des § 9 „Mitgliederversammlung“ aufgrund von geänderten Bedingungen bei der Zusammensetzung des Vorstands und der Kommunikation mit den Mitgliedern. Die Satzungsänderung wurde von den anwesenden Mitgliedern einstimmig beschlossen.

Danach erfolgten die Neuwahlen des Vorstands und der Kassenprüfer. Die gewählten Vorstandsmitglieder Maija Priess, Georg Kopf und Wolfgang Henning bleiben bis 2020 im Amt. Als neues viertes Mitglied wurde Sinknesh Beyene-Barthel gewählt.

Wie werden die zukünftigen Wege bzw. Ziele des DÄV aussehen? Dieser wichtige Tagesordnungspunkt wurde mit der Vorstellung seines „Konzept 2025“ von Alexander Bestle eröffnet. Über Facebook werden Informationen von professionellen Medien (Zeitungen, Fernsehsender etc.) eingestellt und in einigen wenigen Fällen auch eigene Informationen und Kommentare. Die vereinseigene Homepage sollte eine Aktualisierung bekommen. Es stellt sich auch die Frage, ob PDF-Dateien als Link verstärkt eingesetzt werden sollten. Die Ausgabe des bisher 3 x im Jahr erschienenen Infoblatt soll reduziert werden, da die Umsetzung sehr aufwändig ist und die Kosten erheblich sind. Der Kompromiss könnte eine Art Jahrbuch als Zusammenfassung des laufenden Jahres mit Ausblick ins nächste Jahr sein. Allerdings blieben damit aktuelle Beiträge weitgehend unberücksichtigt. Die Beiträge der Vortragenden könnten im Nachgang des Seminars als Sondernewsletter und auch als kleiner Ausdruck an die Mitglieder verteilt werden. Es wurde beschlossen, eine jährliche Ausgabe mit den Seminarbeiträgen als eine Art Magazin auf den Weg zu bringen. Alexander Bestle wird ein Angebot für die Erstellung des Layouts dieser Ausgabe einholen, falls sich kein Mitglied findet, das diese Arbeit übernehmen will. Auch neue Wege für die Umsetzung von Veranstaltungen wurden diskutiert. Das jährliche Seminar soll auf jeden Fall bestehen bleiben. Jedoch sind wir mit mehr als 60 Teilnehmern und bei der Gestaltungsmöglichkeit in der Jugendherberge Kassel limitiert. A. Bestle schlug vor, dass der DÄV einen Kongress zu Äthiopien in Zusammenarbeit mit politischen, wirtschaftlichen und entwicklungspolitischen Akteuren auf die Beine stellen könnte. Es besteht die Möglichkeit bei einer Agentur ein Angebot für ein professionelles Konzept einzuholen. Alexander wäre bereit – in Zusammenarbeit mit dem Vorstand – die Inhaltliche Konzeption vorzubereiten. Anderen Vereinen wie z.B. „Orbis Aethiopicus“ könnte eine Zusammenarbeit angeboten werden. Wenn feststeht, dass die Veranstaltung umgesetzt wird, könnte den Mitgliedern angeboten werden, sich in einer Arbeitsgruppe zu engagieren. Das Mitglied Ethiopia Tesda Barthel organisiert beim Fraunhofer Institut in einem Team bereits Veranstaltungen dieser Art für rund 150 Teilnehmer. Sie bot schon jetzt an, ihre Erfahrungen einzubringen und mitzuarbeiten.

Eine weitere Idee wäre die Umsetzung eines interkulturellen Trainings gegen Bezahlung anzubieten. Damit könnten Firmen und Organisationen als Kunden gewonnen werden. Dieses Angebot wäre zusätzlich zu den Seminaren der GIZ zur Auslandsvorbereitung in Bonn Bad Godesberg zu verstehen. Weiterhin wäre eine Kontaktaufnahme zu BENGO / Engagement Global eine Möglichkeit, um die Voraussetzungen einer Förderung zu klären. Hier hat A. Bestle im Rahmen der Städtepartnerschaft Vaterstetten – Alem Katema bereits Erfahrungen gesammelt.

Zum Thema „Sonstiges“ beschrieb Marliese Rottweiler-Spohn das Problem, dass Äthiopien oft negativ in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird und es stellte sich die Frage, wie wir durch realistische Informationen in unserer Homepage dazu beitragen könnten, dieses negative Bild zu entzerren?

Schließlich wurde als Termin des Äthiopien-Seminars 2020 das Wochenende vom 27. bis 29. März 2020 festgelegt.

Die 1. Vorsitzenden Maija Priess beendet dann offiziell die Mitgliederversammlung und verabschiedete die Teilnehmer.

Nasrin Siege: Lesung zu "Asni und Konjit“

Ein kleiner Bericht zu meiner Lesung am 6. April im Äthiopienseminar

Am 6. April hatte ich im Äthiopienseminar  des Deutsch- Äthiopischen Vereins die Gelegenheit über den äthiopischen Buch- und Verlagsmarkt zu sprechen, aus meinem Roman "Asni und Konjit“ und  der Kurzgeschichtensammlung „Der Honigvogel“ vorzulesen und das kleine Bilderbuch „Die Kinder des Waldes“  , das in Äthiopien in drei Sprachen erschienen ist, vorzustellen.

Einen großen Teil der Lesung nahm das Buch „Asni und Konjit“, das für junge Erwachsene und Erwachsene geschrieben worden ist, ein.

Hier zur Erinnerung der Prolog zum Buch:

Die Sonne steht hoch, als lautes Johlen und Lachen ihnen entgegenschlägt. Ein Lachen, das vorgibt fröhlich zu sein und es doch nicht ist. Mutter wendet sich ab, will sie mit sich ziehen, weg von jenen, die zu dem Lachen strömen. Konjit erkennt ihn gleich! Kassahun, der mit lächerlich-betrunkenen Bewegungen zwei Kinder daran hindert an ihm vorbei zu gehen, während drei Männer seine Faxen und Gebärden kopieren und eine wachsende Zahl von Zuschauer in ihr Lachen einstimmt. Das ältere Mädchen, das viel ängstlicher als das kleinere Kind wirkt, hält dieses an der Hand. „Nun lasst doch die Kinder in Ruhe!“ Die Stimme der Alten, die den Honigwein verkauft, geht im Lärm unter. Das verzweifelte Gesicht des älteren Mädchens lässt Konjit aufstöhnen. „Ist sie nicht hübsch, meine Qimet?“ Wieder erntet Kassahun lautes Gelächter. Da wird Konjit ein Teil des Spektakels, eine schnelle Handbewegung und Kassahun landet mit einem blöden Ausdruck im Gesicht auf den Hintern. Das Lachen schwillt an, gilt jetzt Kassahun, während die Kinder sich aus dem Staub machen. Enat eilt an Konjits Seite, drängt sich mit ihr durch die Menge, schaut sie erst dann tadelnd an, als sie weit weg sind. „Warum mischst du dich ein?“, schimpft sie. „Oder willst du dich mit Kassahun anlegen?!“

„Irgendeiner musste ihr doch helfen!“

„Aber warum ausgerechnet du?“, seufzt Enat.

„Wer sonst?“ Konjit ballt die Fäuste.

"Asni und Konjit" ist in Deutsch geschrieben und  wurde von Yonas Tarekegn (Leiter der Bibliothek vom Goete Institut Addis Abeba) in Amharisch übersetzt. Die amharische Version ist 2016 durch mich und 2017 durch den Verein "Art of Buna e.V." in Äthiopien erschienen.
Die deutsche Urfassung erschien 2017 als eine kleine Sonderausgabe von 100 Exemplaren durch Art of Buna e.V.
Von Thomas Berghaus, dem Mitbegründer von Art of Buna e.V. habe ich erfahren, dass die Jugendlichen in Äthiopien „das Buch förmlich verschlingen“. Wunderbar!

Näheres zum Projekt und dem Buch.

 

Amanuel Grunder (Menschen für Menschen Schweiz): Äthiopien und seine Jugend

Eine Geschichte über einen jungen Mann am Horn von Afrika

Ein junger Mann namens Girma Mekonnen (Name geändert), 25 Jahre alt, lebt in der weitläufigen Hauptstadt Addis Abeba. Er kam mit seiner Familie nach Addis, als er 4 Jahre alt war. Er stammt aus einem Ort namens Kokossa, einer kleinen ländlichen Stadt in Bale, Oromia.  Ein Verwandter bot seinen Eltern ein Zuhause und einen Neuanfang, im damaligen ‚Bijou‘ Addis Abeba. Bei der Ankunft erinnert er sich, wie der legendäre "Anmbessa Autobus", der durch die Stadt rollt, wie ein grosses Pferd aussah. Er erinnert sich sogar daran, dass seine erste Erfahrung in einem Aufzug einer der schrecklichsten Momente seines Lebens war.

21 Jahre später ist Girma ein moderner und junger Erwachsener, der in Addis Abeba lebt. Er ist charmant. Er ist stilvoll. Er trägt robuste Röhrenjeans, die in Mode sind, mit schönen, glitschig aussehenden Sneakers. Er trägt sie mit Selbstvertrauen. Wenn er geht, ist es fast so, als würde er springen. Sein Haarschnitt ist ein ‚High Top Fade‘. Er ist in Form. Er ist gross und schlank. Er hat ein breites Lächeln. Er hat ein Funkeln in den Augen.

Man merkt jedoch, dass es verblasst. Nachdem er vor drei Jahren an der Adama University Psychologie studiert hat, hat er auf dem Gebiet seines Studiums noch keine Arbeit gefunden und lebt zu Hause bei seinen Eltern. Er ist unterbeschäftigt (underemployed) und arbeitet als Wächter an einer Berufsfachschule.

Er hatte grosse Träume. Träume, ein besseres Leben aufzubauen und Menschen zu helfen. Als er erkannte, dass er keinen Job finden konnte, beschloss er, seinen Lebensunterhalt mit seinem Hobby zu verdienen: dem Kochen. Zu seiner Bestürzung fand er nach seiner Ausbildung zum Koch schnell heraus, dass sein Posten als Wachmann besser bezahlt wurde als ein Einstiegsgehalt als Koch in der Stadt. Verärgert blieb er bei seinem alten Job. Girma sind die Ideen ausgegangen.

Verständnis von Girma im Rahmen der Entwicklung in Äthiopien

Girma ist ein stolzer Äthiopier und ein stolzer Afrikaner. Man sieht wie die Gedanken an seine Zukunft ihn schwer belasten. Wie seine aktuelle Situation an seinem Stolz knabbert. Er erzählt, dass er, bevor er an die Universität kam, die Chance hatte, mit einigen Freunden nach Dubai zu gehen und im Bauwesen zu arbeiten. Das sagt er mit Bedauern. Er hat einen Abschluss und ist ausgebildeter Koch. Das sollte doch etwas bedeuten, oder? Er ist wütend. Wütend auf sich selbst. Wütend, dass er seine Mutter nicht unterstützen kann, die auf dem lokalen Markt arbeitet und Zwiebeln, Salat und anderes Gemüse verkauft, während sein Vater als Gelegenheitsarbeiter schuftet. Dennoch gibt es einen Hoffnungsschimmer, denn er hat den Optimismus eingefangen, der das Land seit dem Amtsantritt von Abiy erfasst hat. Doch er ist alt genug, um zu verstehen, dass sich über Nacht nichts ändern wird. So bleibt er wütend auf die Regierung wegen des Missverständnisses.

70 Prozent der Bevölkerung in Äthiopien sind jünger als 30 Jahre alt. Es wird erwartet, dass bis 2050 etwa 130-160 Millionen Menschen dort leben werden. Grob berechnet, werden 91 bis 112 der 130-160 Millionen die Jugendlichen sein, die heute im Land leben. Doch genau wie Girma fühlen sich diese jungen Menschen oft unverstanden. Sie gelten als unberechenbar, gewalttätig und konfliktanfällig. Ihre Ansichten über die Legitimität von Regierungen sind jedoch von Bedeutung. Girma war vielleicht nicht auf den Strassen unterwegs, aber so viele seiner Mitbürger waren es. Sie brachten Äthiopien zum Stillstand und an den Rand einer Katastrophe.

Die Herausforderung ist riesig: Etwa 70 Millionen Äthiopierinnen und Äthiopier sind unter 30. Schätzungen besagen, dass mindestens 30 Millionen davon ohne Job seien. Der Rest arbeitet als Tagelöhner auf Feldern oder im informellen Sektor. Viele junge Menschen wie Girma Mekonnen gehören zur vielleicht am besten ausgebildeten Generation ihres Landes. Trotzdem haben viele keinen Job. à Daraus resultieren: Perspektivlosigkeit, Frust und Zorn, die sich jederzeit in gewaltsamen Protesten entladen können.

Proteste, die seit 2015 bis Anfang 2018 anhielten, zwangen die äthiopische Regierung, zwei Notstände auszurufen, wobei der letzte den Premierminister Hailemariam Desalegn zwang, im Februar 2018 zurückzutreten. Das führte zur Ernennung des Reformers Abiy Ahmed. Die Proteste waren eine Reaktion auf das repressive Regime und den niedrigen Lebensstandard.

Was ist die Lösung?

Es gibt keine Wunderwaffe. Es gibt im Wesentlichen zwei Säulen, , auf denen sich die Perspektiven verbessern können:

 

1) Good governance

Malcolm Gladwell behauptet: »Führungskräfte müssen verstehen, dass wahre Autorität und Gehorsamkeit mit dem Ausdruck von Legitimität einhergehen.» Er glaubt, dass dies zu einem besseren Verhältnis zwischen dem Bürger und der Regierung führen kann.

2) Job creation (Schaffung von Arbeitsplätzen)

Es gibt eine Vielzahl von möglichen Interventionen. Vier Haupttätigkeiten scheinen immer enthalten zu sein in der Entwicklungshilfe:

Transparenz, Verantwortlichkeit und Reduzierung der Korruption (Anbindung an Good Governance)
Zugang zu Mikrokrediten
Der Mangel an Kapital bleibt eines der Hauptprobleme bei der Förderung von Klein- und Kleinstunternehmen.

MfM Schweiz hat diesbezüglich gute Erfahrungen gemacht in Debre Berhan.wo Frauen Kleinkredite bekommen haben. Die Frauen organisieren sich in Selbsthilfegruppen und starten mit Kleinkrediten eigene Geschäfte.
Demand-driven skills development programmes: Spezifisch in Lehrlingsausbildung und Berufsausbildung
Viele Ausbildungen führen zu Befähigungen, die nicht auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes ausgerichtet sind. Die Ausbildung sollte sich auf die bestehenden Lücken auf den Arbeitsmärkten konzentrieren. Mit zunehmendem Zufluss ausländischer Direktinvestitionen in das Land werden die von Fachkräften erbrachten Dienstleistungen und die Wertschöpfungsketten zunehmen.

MfM Schweiz hilft armen und alleinerziehenden Müttern mit einer Berufsbildung zur Hauswirtschafterin, wodurch sie ein besseres Einkommen erzielen, eigenständig leben und ihre Kinder versorgen können.
Private public partnerships (PPP) - Die Regierung muss die Zunahme des von der Privatwirtschaft gelenkten Wachstums unterstützen. Vor allem in Bereichen, die sich von Rohstoffen unterscheiden, wie z.B. der Export von Fertigprodukten.
Die Aufnahme lokaler Produzenten in die Wertschöpfungskette würde in diesem Fall die Wirtschaftsleistung erhöhen.
Girma kann mit seiner Regierung nicht einverstanden sein. Wenn Girma und seine Freunde in Äthiopien davon überzeugt werden können, dass ihre Regierung legitim ist und auf ihre wirtschaftlichen und Governance-Belange hinarbeiten, wird dies Geduld und Verständnis schaffen und die sich abzeichnenden Entwicklungen in Äthiopien nachhaltiger machen. Mit guter Regierungsführung und der Schaffung von Arbeitsplätzen könnte die Situation im Land dazu führen, dass sich die Beschäftigungsaussichten von Girma verbessern.

Warum hat Bayern jetzt Afrika-Büro in Addis?

Bei seiner Äthiopien-Reise im April hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder Bayern Afrika-Büro in der Räumen der GIZ eröffnet. GIZ-Mitarbeiterin Linda Schraml ist dessen neue Leiterin. Der DÄV hat bei der Bayerischen Staatskanzlei zu Sinn und Zweck dieser Einrichtung nachgefragt. Hier die Antwort:

"Das Bayerische Afrikabüro ist die Drehscheibe des Freistaats Bayern für den Austausch und die Zusammenarbeit mit den afrikanischen Staaten sowie der Afrikanischen Union.

Das Büro koordiniert Bayerns Engagement in den Bereichen Wirtschaft, Berufliche Bildung und Entwicklungszusammenarbeit und ist die bayerische Kontaktstelle für ganz Afrika. Durch die Verknüpfung dieser Themenbereiche bietet das Büro eine Anlaufstelle sowohl für bayerische Unternehmer, die an Investitionen in Äthiopien interessiert sind als auch für Vertreter afrikanischer Staaten, die den Kontakt zur Bayerischen Staatsregierung suchen. Darüber hinaus fungiert das Büro als Informationsstelle für die Bayerische Staatsregierung zu aktuellen Entwicklungen innerhalb der Afrikanischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten. Derzeit geht es darum, die ersten Kontakte und Verbindungen zu knüpfen und zu vertiefen. Dazu reist Linda Schraml, die Leiterin des Afrikabüros, zwischen Bayern und Äthiopien hin und her.

Frau Schraml ist studierte Regionalwissenschaftlerin, die bereits Afrika- und Äthiopienerfahrung hat und ebenfalls Koordinatorin des „Global Business Networks“ der GIZ ist. Das Büro ist an die Infrastruktur der breit vernetzten Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) angedockt. Dadurch können Synergien der bereits bestehenden Vernetzung genutzt werden.

Äthiopien ist das Modelland des Bayerischen Afrikapakets. Das bedeutet, dass Bayern eine langfristige Partnerschaft mit Äthiopien anstrebt, in der durch gemeinsame Projekte die Entwicklung Äthiopiens unterstützt werden soll. Addis Abeba ist darüber hinaus als „bayerische Basis“ in Afrika der strategisch richtige Ort: Als Hauptsitz der Afrikanischen Union sind hier alle afrikanischen Staaten vertreten. So kann Bayern zu allen afrikanischen Ländern seine Kontakte verstärken, insbesondere auch zu Partnerländern wie Tunesien."

 

"I feel at home" - Botschafterin Mulu Solomon im Interview

Seit April diesen Jahres ist Mulu Solomon Bezuneh in Deutschland - seit 11. Juni ist sie offiziell die neue Botschafterin der Republik Äthiopien in Berlin. Unser Pressereferent Alexander Bestle hat die 60-jährige frühere Unternehmerin bereits am Rand des deutsch-äthiopischen Wirtschaftsforums im April in Addis getroffen und ein Interview vereinbart. Ende Juli war es dann endlich soweit. Wir danken der neuen Botschafterin für die Zeit, die sie sich für uns genommen hat.   

You arrived in Germany in April – is it your first time here in Germany?

I arrived in Germany on the 23rd of April/2019 to assume my post as Ambassador Extraordinary and Plenipotentiary of Federal Democratic Republic of Ethiopia to the Federal Republic of Germany, Poland, Czech Republic, Slovak Republic and Ukraine. However, I have been to Germany a couple of timesmainly to participate in International conferences, to take short trainings, experience sharing and as a guest speaker.

When you travel somewhere you always expect something – what expectation were fulfilled in Germany. Are there any surprises in a good or bad way?

Germany has a very good reputation in Ethiopia. “Made in Germany” is always associated with high quality and best standard including in our education system. Germans are also known for their efficiency, effectiveness and precision. I was pleasantly surprised by how green the city is with its parks, gardens and forested areas. Berlin is also diverse, and you can see various cultures and nationalities. So far, I have met many people from all walks of life from the highest level to the lower level of government officials and workers, parliamentarians, business, think thanks and journalists, humanitarian associations, members of  the diplomatic community, universities at different conferences, some in business association offices. I found German people being very kind and helpful to me. I feel at home. I would like to take this opportunity to thank them very much for their being kind, helpful, straight forward. Another surprise which I took positively is that most correspondences, letters, documents and even agreements to be signed for banking purpose and for other organizations are in German language. But people are very kind to explain. I believe this encourages many of us to study German language.

Could you please explain our reader, what you did over the last years?

What I did over the past years has always been an interesting mix of academia, business, professional and humanitarian service as well as art. In the business area my experience is in private sector & government, in manufacturing, commercial farming, import export, distribution, construction, training and consultancy. In academics I worked as a lecturer/trainer, Entrepreneurship Chair Holder, chair of the council at EiABC- Addis Ababa University. In the social service, I have served more than 50 professional, business and humanitarian Associations at the national continental and International level, e.g. elected and served as President of Ethiopian Chamber of Commerce and Sectoral Association (ECCSA), Vice Chair of  COMESA Business Council, Vice President of Pan AfricanChamber of Commerce & Industry, Chair of the Governing Board Advisory Group on Effective and Efficient Humanitarian Response – International Federation of Red Cross and Red Crescent Societies (IFRC). Member of the Governing Board – IFRC, President of EEBS –Society of Entrepreneurs, member of Advisory Group for Sub-Sahara Africa (AGSA) to IMF -World Bank Group, TVET Africa expert group member, Tuning Africa – Higher Education Policy Advisory Group Member, Steering Committee Member -Ethiopian Development Research Institute (EDRI), Founder and President of Ethiopian Women Writers Association. Trustee Board Member of Hamlin Fistula Ethiopia (HFE), Member of Ethiopian Public Diplomacy, etc. I have also been training high level managers, government officials, association leaders, on countless courses like personal development, leadership, governance, entrepreneurship and have been a speaker in many international, continental and national conference on different topics of business, investment, etc. I have also been writing books, delivering inspirational speeches to universities, companies, associations, youth and women groups.

What are the biggest changes since Dr. Abiy came to power out of your perceptions – for Ethiopia? And for you?

In Ethiopia, major political and economic reforms are undertaken since Prime Minister Abiy Ahmed came to power in April last year. The country has embarked on an incredible reform which led to the widening of political space in the country, release of thousands of political prisoners, allowing exile political parties to return home, participate in building the democratic process and increased participation of women in higher decisionmaking posts e.g. fifty percent of ministerial posts are taken by women and the countries president is women.

In the economic sphere, the Prime Minister took measures leading to opening up of some economic sectors which were monopolized by the Government. Partial privatization of Ethiopian Airlines, Ethio-Telecom, and Shipping and logistics sector are few to mention.

Personally, I have been provided with the exceptional opportunity to represent my country and work towards strengthening Ethiopia’s wide-ranging relation with our reliable partner Germany.

Ethiopia changed a lot in the last year – also Germanies perception of Africa changes a lot in the last years. Do you think it is a special moment to serve here?

German has always been and continues to be the most important and key supporter of Ethiopia in the economic, political, social and cultural spectrum. Germany has been providing significant support in knowledge-driven sectors, particularly, in the Technical and Vocational Training, university cooperation, information technology as well as construction and power generation. Since April last year, Ethiopia has embarked on an incredible reform and change. Thus, prospect of growth and development that awaits my country is enormous.  Germany’s positive change of perception towards Africa, is another great opportunity  that can be synchronized with the condition at home, especially in facilitating investment, business, technology transfer, employment of skilled workers(through the new initiative of Germany, …) Therefore, it is an exceptional moment to serve as Ethiopia’s Ambassador to Germany.

And what does that mean for you in concrete? Do you have a special mission?

My mission mainly focuses on elevating the already strong diplomatic relationship to a new high. This can be done by revising existing agreements and signing new ones with a view to create an enabling framework for all-inclusive cooperation. I would like to realize an enabling framework of cooperation within which all economic, political, social and cultural interactions can deepen. What does that mean for me? It does mean entrepreneurial approach of synchronizing my diverse knowledge and wisdom, in business, investment, academia, entrepreneurship and/or job creation, technology transfer, etc., with diplomacy and act in the Ethiopian athletes’ pace towards our mutual goal.

Where do you want to point your focus in the collaboration with Germany?

In addition to our continuous successful cooperation in bilateral, regional and international issues of common concern, I would like to link German to Ethiopia in a better way in regards to investment, trade, technology transfer and tourism. I would also like to strengthen the development cooperation between the two countries.

As a former entrepreneur – do you think you have a special approach to your agenda – different to a professional diplomat?

Investors, entrepreneurs even traders, require enabling doing business environment to invest or do any medium- or long-term business in a country. From my previous experience as the president of Ethiopian Chamber of Commerce and Sectoral Associations (ECCSA), I know most of the problems and the vast opportunities. That helps me to facilitate by putting myself in the feet of the of the German investors and that of other countries we cover. I remember the public private dialogue (PPD), we had with Ethiopian government while I was the president, with a researched paper presented about ease of doing business in the country.  It was agreed that one-stop-shopping service to be provided to cut the unnecessary bureaucracy.Though, it has taken time, with the new change the government has gone through different reform processes including the Ethiopian Investment Commission and other related sectoral ministers. As I know the pain of the investors and other business people, I believe I can communicate better to the concerned parties of my country and also to the German partners to get the best out of each and every investment process.

Though, I am the new blood to the diplomatic world, I can say that business world is the most diplomatic world which considers win-win situation in a more efficient and effective way. I believe it is an advanced compliment to move forward faster in a tangible way i.e. down to business of mutual benefit for both our countries acting in a creative manner.

Entrepreneurship is one of the backbones of Germany economic success – what Ethiopia can learn from Germany?

Ethiopia can learn a lot from the flourishing entrepreneurship drive in Germany. Entrepreneurs (Mainly small and medium sized businesses) make a significant contribution to the overall growth of German’s economy, generates most of the employment and continue to have a strong equity base. These entrepreneurs follow unique approaches helping the country's workforce adjust to new industries, earn reasonable salaries and enjoy a high degree of job security. These are lessons Ethiopia want to learn from Germany. The fact that Germany spends a considerable amount of its GDP on research and development is a big lesson to be learnt.

To this end, Ethiopia has identified Micro and Small Enterprises (MSEs) as an integral part of its Growth and Transformation Plan. Ethiopia’s MSEs Development Strategy is designed to maintain the momentum of the rapid economic growth in the country by fostering entrepreneurship and lay a solid foundation for industrialized economy.

As head of the Chamber of Commerce you also worked on changing the structural environment for entrepreneurship and the private businesses. There are definitely more private businesses in Ethiopia than in Germany. With all the little shops and vendors of the informal sector – also nearly all the farmers are self-employed. What can Ethiopia do to make all these businesses more successful and potential employers in the future?

Micro and Small Enterprises (MSEs) Development Strategy of Ethiopia has been designed to maintain the momentum of the rapid economic growth being registered in all sectors, foster entrepreneurship, alleviate poverty and develop MSEs, which lay fundamental foundation for industrialized economy.

The Government need to give priority for youth, women and low-income societies economic empowerment. To encourage the enterprises’, access to finance, land, machinery provision, value chain system and market linkage supports need to be provided. In general overall support, supervision and mobilization of Micro and Small Enterprises should be strengthened because such enterprises are foundations for Medium and Large Scale ones.

Which role can Germany play in this field?

Germany can be a dependable partner in this regard by providing technical and financial support, encouraging German private sector to take Ethiopia as an emerging investment destination. SMEs in Germany can pass on their successful experience to their Ethiopian counterparts and engage in joint ventures or direct investment. Germans can be involved in business of their interest in Ethiopia to export to the enormous market of Africa, EU, USA, India, Japan and any other part of the world.

One of Germany’s focuses in its development work in Ethiopia is TVETat the moment. Ethiopia is proud of “copying” the German dual system. Where should be the next steps?

Ethiopia do follow the German TVET system. However there are challenges in its implementation and producing quality and skill manpower. The next step should be refining the implementation of the education system to realize equally skilled and productive manpower that can drive our development endeavors. Special focus should be given to training of trainers, teachers and mentors. Currently the government has introduced reform in the education system showing a new road map.

Main focus for Ethiopia is becoming a manufactural hub through building Industry Parks and promoting them all over the world. German companies are not the first moving in – are you trying to change that?

It is my mission to make sure that Ethiopia is viewed as a preferred investment destination for German companies. I will work hard to make sure that potential investors have all the information they need to make informed decisions. This can be done by organizing business forums, exchange trips and discussion panels etc.

Ethiopia offers a myriad of choices for German companies. Those strategic sectors identified by the government include; Leather and Leather Products, Textiles and Garments, Horticulture, Agriculture, Construction, Manufacturing, Pharmaceuticals, Tourism as well as power. The industrial parks that are built around the country with various specialization provide a one stop service and plug and play option to potential investors. Ethiopia similarly offers untapped opportunities in information technology and startups as well as small and medium enterprises.